Autoscooter. Drei mögliche Szenarien (Arbeitsskizzen)

 

 Isabel Glapa

Foto: Isabel Glapa

 

Erstens

Der Autoscooter ist schon immer ein Habitat für sich gewesen. Johnny wippte auf den Fußballen hin und her und sah auf die Uhr seines Handys. Er ließ die Bässe auf sich eindröhnen und sah den Kindern und Jugendlichen zu, wie sie sich mit einer Mischung aus Begeisterung und Hass rammten. Für einen kurzen Augenblick überkam ihn die Vorstellung, sich einen Fuß zwischen den Gummirahmen der Scooter einzuklemmen. Johnny verzog unwillkürlich das Gesicht und lenkte seine Aufmerksamkeit zu einem kleinen Mädchen, das mit einer riesigen Zuckerwatte und großen Augen auf die kleinen Fahrzeuge blickte. Um sein Handgelenk hatte es ein Band geknotet, an dessen Ende ein Hello Kitty Balloon schwebte. Daneben stand ein Elternpaar, das missbilligend zum Autoscooter sah; der Vater nahm das Mädchen an die Hand und sie gingen gemeinsam in Richtung des Kettenkarussells.

Johnny konnte das begeisterte Kreischen von Leuten in anderen Fahrgeschäften ungenau über das Wummern wahrnehmen. Er sah erneut auf sein Handy. Erst drei Minuten waren vergangen. Eigentlich hätte sie schon hier sein müssen. Plötzlich überkam ihn der erschreckende Gedanke, dass er sich im Tag geirrt hatte. Aber das konnte nicht sein. Freitag, hatte sie gesagt, um drei.

Und heute war Freitag. Es war zwanzig nach drei.

Dann sah er sie. Kein Wunder, dass sie das beliebteste Mädchen der ganzen Schule war. Johnny strahlte. Er spürte, wie seine Handflächen feucht wurden. Jetzt bloß nichts Falsches sagen oder machen. Er winkte. Einige Jungen in seinem Alter, die gerade vorbei gingen, kicherten. Vielleicht war es ein bisschen überschwänglich gewesen. Es musste aussehen, als winke er einem vorbeifahrenden Ozeandampfer. Beschämt ließ er den Arm sinken. Aber wenigstens hatte Charlotte ihn gesehen. Johnny grinste. Sie kam auf ihn zu, aber sie war nicht alleine. Johnny unterdrückte ein genervtes Aufstöhnen. Ihre Freundinnen, deren Namen Johnny regelmäßig vergaß, waren bei ihr. Ihre beste Freundin hakte sich bei Charlotte unter. Gab es eine Vorschrift, dass das schönste Mädchen der Schule eine hässliche beste Freundin hatte? Johnny lächelte weiter, obwohl es ihm jetzt etwas gezwungen vorkam und winkte noch einmal, aber diesmal nicht so überschwänglich. „Hallo Charlotte“, sagte Johnny, als sie einige Schritte vom Autoscooter entfernt waren. Charlotte sah ihn an, zuckte dann mit den Schultern und ging an ihm vorbei. Ihre hässliche Freundin wurde unweigerlich mitgezogen und die anderen kicherten. Sich den Fuß zwischen dem Autoscooter einzuklemmen war plötzlich eine willkommene Alternative.

Zweitens

Mama war genervt. Sie versuchte zwar es sich nicht anmerken zu lassen, aber Helena sah es an der Art, wie sie ihre Handtasche hielt. Sie hatte die Schlaufen über die Schulter geschwungen und hielt sie trotzdem mit einer Hand fest. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor.

Helena sah nach oben, wo Kitty schwebte. Sie bewegte das weiße Plastikband von rechts nach links und Kitty bewegte sich mit etwas Verzögerung ungelenk von rechts nach links. Das Band schnitt in Helenas Handgelenk. Sie kamen an einem Fahrgeschäft vorbei, in dem kleine Autos sich gegenseitig rammten und laute Musik spielte. An den Wänden und den Stangen, die das Dach hielten, leuchteten bunte Lichter. Fasziniert blieb Helena stehen und stopfte sich eine handvoll Zuckerwatte in den Mund. So ähnlich musste es in einer Disko sein, dachte sie. Jessi aus der Nachbarschaft sprach ständig von der Disko und welche die beste in der Stadt war. Helena wusste natürlich, dass Jessi nur das erzählte, was sie von ihrem Bruder wusste. Der war nämlich schon achtzehn. Helena sah einige Jugendliche, die bestimmt in seinem Alter waren. Sie saßen auf den Lehnen der Bänke, die am Rand der Fahrbahn standen. Vielleicht warteten sie darauf, dass sie in eines der Autos steigen konnten. Aber als die abrupt anhielten und die Fahrer raus sprangen und auf andere Autos zu rannten, bewegten sich die Jugendlichen auf der Bank überhaupt nicht.

Papa, der mit Mama etwas vorgegangen war, kam zurück und nahm sie an der Hand. „Das ist etwas für Ältere“, sagte er. Dabei guckte er komisch in die Richtung des Autoscooters. „Wir gehen zum Kettenkarussell.“ Helena wollte nicht zum Kettenkarussell. Sie wollte viel lieber stehen bleiben und den kleinen rasenden Autos zusehen, das Krachen hören und die Musik, sich sie Lichter ansehen und herausfinden, warum die Älteren auf den Bänken saßen. Papa sah ihren Blick. „Dafür bist du noch zu klein“, sagte er. Helena spürte dieses komische Gefühl im Bauch, dass sie am liebsten Kitty in der Luft mit einer Schere in tausend Stücke zerschnitten hätte. Sie streifte die Plastikschnurschlaufe von ihrem Handgelenk und ließ das Band los.

Drittens

Es hatte in der Nacht geregnet. Sein Zug hatte Verspätung gehabt. Über die Kirmes zu gehen war eine Abkürzung. Er bereute seine Entscheidung nach nicht einmal der Hälfte des Weges. Der Boden war glitschig und der Wind wirbelte dreckiges Papier durch die Luft. Irgendwo schlug etwas gegen Plastik. Wahrscheinlich war es nur eine nicht befestigte Klappe, aber in seiner lebhaften Fantasie geschah um die Ecke gerade ein Gewaltverbrechen.

Er war zu wenig couragiert um nachzusehen, was es wirklich war. Die Absätze seiner Lederschuhe hallten auf dem Asphalt und zwischen den Buden wider. Vor dem großen Losstand wurden sie kurz von den roten und blauen Nieten verschluckt. Anscheinend hatte jemand den Anfang gemacht, um sie wegzufegen, aber irgendwann aufgehört. Er blieb stehen. Hinter ihm lag das Bierzelt, er stand zwischen der Wasserbahn und der Schießbude und vor ihm blinkte etwas. Sollte er zurückgehen und doch lieber zwischen dem Musikexpress und den Essensbuden hergehen? Stand dort jemand? Das Schlagen hatte aufgehört. Vielleicht wollte ihn der Täter aus dem Weg schaffen; er könnte ja etwas gesehen haben. Und jetzt stand er dort und versuchte ihn mit dem Blinken anzulocken. Du liest zu viele Krimis, dachte er und ging energisch weiter. Der Kirmesmörder, so ein Quatsch. Bei dem Gedanken grinste er. Am Ende der Gasse blieb er trotzdem stehen und lugte um die Ecke des Crêpesstandes. In dem Augenblick, in dem er das Blinken genauer sehen konnte, schoss ihm eine entsetzliche Fratze entgegen. Er schrie auf und schlug wild mit den Händen um sich. Er bekam etwas zu fassen, das sich wie eine Plastiktüte anfühlte und machte die Augen auf. Er war von einem Hello Kitty Balloon angegriffen worden, aus dem fast die ganze Luft entwichen war. Er lachte erleichtert auf und sah sich verstohlen um. Vielleicht war hier eine Gruppe Jugendlicher, die das Ganze mit dem Handy gefilmt hatten und ins Internet stellen würde. Es war niemand dort. Er war allein und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Blinken. Es war weniger ein Blinken, als vielmehr ein Flackern. Gegenüber am Autoscooter hatte ein Licht einen Wackelkontakt. Und er machte sich hier in die Hose. So etwas Lächerliches! Er setze seinen Weg fort. Dort hinten konnte er schon das Ende der Kirmes sehen. Der Schlag auf seinen Hinterkopf traf ihn völlig unerwartet. Dann kam der Boden rasant näher.