Blackout

Tina Dunkel: Lesungsportrait Elisabeth Schröder | Lochkamera-Aufnahme am 24. April 2015, Belichtungszeit = Lesezeit | Lichtsensibles Fotocolorpapier

Tina Dunkel: Lesungsportrait Elisabeth Schröder | Lochkamera-Aufnahme am 24. April 2015, Belichtungszeit = Lesezeit | Lichtsensibles Fotocolorpapier

Es war Ende August, tagsüber drückend warm, gewittrig am Abend, und wir wohnten für ein paar Tage in D.s Sommerhaus. D. hatte eingeladen, das tat sie gelegentlich, wenn sie zwischen zwei Projekten ein paar Wochen frei hatte. Sie bat uns dann für ein langes Wochenende zu sich, streute die Einladung recht breit unter ihren Freunden, und wer sich kurzfristig Urlaub nehmen oder auf andere Art seinen täglichen Verpflichtungen entwinden konnte, der machte sich mit leichtem Gepäck auf den Weg zu ihr.

D. war eine Gastgeberin alter Schule. Bei der Ankunft erwartete den Gast ein blütenweiß bezogenes Bett, Handtücher und Bademäntel lagen bereit, Wasser, Obst und Süßigkeiten waren immer in Reichweite. Man war bestens versorgt, hatte im Gegenzug jedoch keinerlei Verpflichtungen. So konnte man den Tag lesend im Bett, mit dem Laptop im Wintergarten oder dösend am Pool verbringen, sich von den gemeinsamen Mahlzeiten fernhalten, allein hinunter ins Dorf spazieren und sich auch sonst in jeder Hinsicht ungesellig zeigen und wurde trotzdem mit unveränderter Freundlichkeit bedacht.

D.s Sommerhaus war vollgestopft mit Bildern, doch von ihren eigenen waren keine darunter. Sie wollte hier ihren Blick ausruhen, den Film herausnehmen, sich für eine Weile die Arbeit aus dem Kopf retuschieren, wie sie zu sagen pflegte – doch trotzdem hatte sie sich auch im Sommerhaus eine Dunkelkammer eingerichtet. „Nur für die Urlaubsfotos“, sagte sie. Urlaubsfotos schon während des Urlaubs zu entwickeln sei widernatürlich, empörten wir uns scherzhaft, und tatsächlich sahen wir D. auch bei mehrmaligen Besuchen die Kammer niemals benutzen. Doch darauf angesprochen entgegnete sie mit sphinxhaften Lächeln, es könne trotzdem nie schaden, einen Raum im Haus zu haben, in dem es stets vollkommen dunkel sei.

An diesem dunstig-schwülen Abend, an dem hinter dem nahen Wäldchen Regenwolken aufzogen, saßen wir auf der Veranda und tranken Gin mit Eis. Die Unterhaltung mäanderte träge, belebte sich jedoch, als wir auf den Schriftsteller M. zu sprechen kamen. Dieser machte zur Zeit nicht nur durch den Erhalt eines hoch dotierten Literaturpreises, sondern vor allem wegen privater Affären von sich reden. Entsprechend folgten wir mit gesteigertem Interesse, als D. erzählte, wie sie ihn einmal fotografiert hatte.

M. hatte damals nach einem handwerklich guten, aber kaum beachteten Lyrik-Band gerade seinen ersten Roman veröffentlicht. Obwohl sein Verlag nicht die nötigen Schritte unternahm, ihm die verdiente öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, gab es einen kleinen Kreis von Kritikern und Kollegen, die M.s Arbeit mit Interesse verfolgten. Im Feuilleton erwähnte man ihn als eine vitale, unangepasste Stimme der neueren Literatur, auf deren weitere Entwicklung man gespannt sein könne. Und als schließlich die Magazinbeilage einer großen Wochenzeitschrift ein Spezial über sechs ausgewählte Nachwuchsschriftsteller plante, fand sich darunter auch M., und an dieser Stelle wiederum kam D. ins Spiel, denn sie erhielt den Auftrag, die jungen Autoren für den Artikel an ihren Arbeitsplätzen zu fotografieren.

D. erlebte zu dieser Zeit eine berufliche Durststrecke, und so kam ihr der gut bezahlte Auftrag sehr gelegen. Innerhalb weniger Tage hatte sie fünf der sechs Autoren fotografiert, bloß M. fehlte ihr noch. Sie hatte mehrmals versucht, ihn telefonisch zu erreichen – ohne Erfolg. Als sie schon erwog, den Kontakt über den Verlag herstellen zu lassen, bekam sie einen Anruf von ihm. Er entschuldigte sich lebhaft für die späte Rückmeldung und bot ihr ein Treffen bei ihm zu Hause an, direkt am nächsten Tag.

Und so machte sich D. am darauffolgenden Nachmittag auf den Weg zu M. Er wohnte in einem etwas heruntergekommenen Mietshaus im Norden der Stadt. Es war das zweite Hinterhaus, und als D. ankam stand die Haustür offen. Sie stieg die Treppe hinauf, suchte auf den Klingelschildern nach seinem Namen und entdeckte ihn schließlich im vierten Stock. Auf ihr Klingeln gab es zunächst keine Reaktion. Sie klingelte ein zweites Mal. Es blieb still. Nach dem dritten Klingeln hörte sie ein Rascheln direkt hinter der Tür, ohne dass vorher das Geräusch von Schritten zu hören gewesen wäre. Dann wurde ihr geöffnet.

M. begrüßte sie freundlich. Er bat sie herein, nahm ihr den Mantel ab und führte sie direkt in sein Arbeitszimmer – einen schmalen hohen Raum, in dem es erstaunlicherweise keine Bücher gab, dafür eine opulente Musikanlage, mehrere buschige Topfpflanzen und ein Ledersofa. Er bat sie, auf dem Sofa Platz zu nehmen und verschwand in der Küche.

D. packte die Kamera aus und prüfte die Lichtsituation. Sie wollte, dass er am Schreibtisch saß, mit hartem Licht von der Seite. Von der Arbeitsfläche ab-, ihr zugewandt. Er sollte nicht so tun, als ob er arbeite, das wäre Kitsch. Eine markante Silhouette, das Gesicht halb verschattet, so dass die jungenhaften Züge ein wenig mehr Tiefe bekämen. Seine Hand locker auf dem Tisch ruhend neben der Computertastatur.

M. kam mit zwei Tassen Tee aus der Küche zurück. Er setzte sich ihr gegenüber auf eine Art Meditationskissen und sie tranken schweigend ein paar Schlucke. „Kleiner Hippie“, dachte sie, als sie ihn in seinem halb geöffneten Leinenhemd dort sitzen sah. Sie nahm noch einen Schluck Tee, dann machte sie eine resolute Geste und sagte: „Gut. Fangen wir an?“

M. setzte sich an den Schreibtisch und D. begann ihn mit der Kamera zu umkreisen. Sie machte, wie sie es gewohnt war, zunächst zum Warmwerden ein paar Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln, dann nahm sie die geplante Perspektive ein und machte vier, fünf konzentrierte Bilder. Dafür lehnte sie sich mit dem Rücken an die Wand und rutschte herunter in eine leichte Hocke. Die Hand hielt die Kamera mit geübter Ruhe. Sie benutzte niemals ein Stativ.

Als sie sich aus den Knien wieder hochschob, spürte sie plötzlich einen leichten, angenehmen Schwindel. Wärme stieg in ihr auf, begleitet von einem leisen Lachen. Sie dachte noch, dass das ein schönes Gefühl sei, hier aber eigentlich nichts zu suchen habe – und dann verschwand auch schon das Denken. Alles versank in einem wattigen Dunkel, und ab diesem Punkt wusste sie nichts mehr.

D. machte eine Pause und nahm sich eine Zigarette. Dann fuhr sie mit ihrer Erzählung fort. Ihre Erinnerung setzte damit wieder ein, dass sie an M.s Schreibtisch saß, den Kopf vor dem Computer abgelegt. Über ihr bewegte sich ein Bildschirmschoner mit schillernden, quallenartigen Formen. Im Zimmer war es schattig, draußen dämmerte es.

Sie drehte sich um und sah M. schlafend auf dem Sofa liegen. Er lag da, atmete tief, und auf seiner Brust hob und senkte sich ihre Kamera. D. kniff die Augen zusammen, versuchte sich zu konzentrieren, zu fokussieren, die Szenerie scharfzustellen. Doch es wollte nicht gelingen, es war, als schaute sie durch eine beschlagene Linse. Nur ein Gedanke formte sich schließlich klar in ihrem Kopf: Mit diesem Bild stimmte etwas nicht. Hier war etwas verschoben, hier war etwas ganz grundsätzlich falsch. Mit plötzlicher Entschlossenheit richtete sie sich auf, ignorierte den stechenden Schmerz, der dabei durch ihren Kopf schoss, und trat zu M. ans Sofa. Rasch und bestimmt schob sie die Hände unter seinen Kopf und zog den Kameragurt darunter weg. M. zuckte, seufzte und drehte den Kopf zur Seite. Seine Lider flackerten kurz, dann sank er wieder in den Schlaf.

Einen Moment lang blickte sie prüfend auf ihn herab, dann schaute sie auf das Zählwerk der Kamera. Es stand bei 35, wie es dahin gekommen war, wusste sie nicht. 35, dann müsste sie noch eine oder zwei Aufnahmen haben. Sie nahm die Kamera, richtete sie auf den Schlafenden und drückte ab. Zweimal – dann war der Film zu Ende. Sie warf einen letzten Blick auf M., packte die Kamera ein, ging in den Flur, nahm ihren Mantel und verließ die Wohnung mit schnellen Schritten.

Als sie den Film später entwickelte, fand sich darauf neben den Porträts von M. eine Reihe weiterer Bilder: M., wie er die Teetasse auf dem Kopf balancierte. Sie auf dem Meditationskissen, in der Haltung eines Yogi. M., wie er sich hinter den Palmwedeln einer Topfpflanze versteckte. Sie am Computer, schreibend.

D. konnte sich nicht erklären, wie es zu diesen Bildern gekommen war und betrachtete sie mit einer Mischung aus Unbehagen und amüsiertem Erstaunen. Nachdem sie die Autorenporträts der Zeitung übergeben hatte, beschloss sie, den anderen Bildern ihr Rätsel zu lassen und verbannte sie in die Tiefen ihres Archivs.

Von dem Foto des schlafenden M. jedoch machte sie einen großformatigen Abzug, den sie Jahre später im Rahmen einer viel beachteten Retrospektive erstmals öffentlich zeigte. Einer Retrospektive, die – so formulierte es das Feuilleton – ihren Status als bedeutende Dokumentatorin des kulturellen Lebens unserer Zeit und den inzwischen fast schon ikonischen Charakter insbesondere ihrer Künstlerporträts zementierte. Es war ein Foto, auf das sie im Folgenden häufig angesprochen wurde. Unterschied es sich doch, so die gängige Meinung, mit seiner leichten Unschärfe und der spontanen, nicht auf sichtbarer Komposition beruhenden Ins-Bild-Setzung deutlich von ihren sonstigen Arbeiten.

Als wir D. fragten, was sie selbst darüber denke, drückte sie ihre Zigarette aus, nahm noch einen Schluck aus ihrem Glas und antwortete mit dem für sie so typischen sphinxhaften Lächeln:  Es sei ein Foto unter vielen, füge sich ein in die schier endlose Reihe von Bildern, die sie wie eine Spur hinter sich herziehe. Was sie nicht sagte – denn das brauchte niemand zu wissen, erst recht nicht M., und es war eigentlich auch gar nicht wichtig – war dies: Im Grunde hielt sie es für eines ihrer besten.