Gastbeitrag: Sophie Garbe – Bodenperspektiven

Wenn ich auf dich warte, lege ich mich manchmal in den Flur. Von der Seite aus betrachtet sieht der Flokati dort aus wie ein Urwald.

Wie ich so auf dem Boden liege, denke ich, dass ich an einem Staubkorn ersticken könnte, das aus meinen Vorhängen oder deiner Hand fällt. Ich könnte vor die Tür treten mit verbunden Augen und feststellen, dass ich vergessen habe mich zu verirren.
Ich habe Lust meinen Namen von unserem Klingelschild zu entfernen, dann einfach mitten im Zimmer liegen zu bleiben und mich der Sprache zu entwöhnen.

Manchmal habe ich auf der Straße das Bedürfnis, fremde Leute anzusprechen.
Würden Sie sich auch so gerne in Fötus-Position auf den Asphalt legen?
Ärgern Sie sich überhaupt noch darüber, dass Sie ihre Träume vergessen?
Haben Sie Sehnsucht nach der Sehnsucht?

Alles, was jetzt passiert, sollte doch eigentlich uns passieren. Aber wir liegen stets neben uns. Wenn du vorbeikommst, könntest du mich dann vielleicht aufheben? Streif mir einfach deinen kratzigen Wollpullover über und bring mich nach Hause.

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Über Sophie Garbe:

Sophie Garbe, geboren in Berlin, aufgewachsen in Tübingen, studiert in Münster.
Fragt sich manchmal, ob nur sie es poetisch findet, dass Regenwürmer keine Lunge aber dafür fünf Herzen haben. Schreibt über solche und andere Fragen und zwar meistens dann, wenn ihr die Worte fehlen.
2010 und 2011 Lyrix-Preisträgerin, 2014 ausgewählt zum Treffen Junger Autoren. Seit Anfang 2015 Stipendiatin des Literaturlabors Wolfenbüttel, wo sie weiter ihre komplizierte Beziehung zur Sprache aufarbeitet.