Brief von der Lesung

Foto: S. Helms

Münster, 27. April 20…

Liebe Freundin,

die Zeit des Wartens ist vorbei. Lange konnte ich Dir kein Lebenszeichen von mir geben, da mich die Beobachtung der Autorengruppe so vollständig in Anspruch nahm. Seit vielen Wochen schon arbeiteten sie fieberhaft an ihren Texten, besuchten gemeinsam das Museum, grübelten über theme, word count und location (wie es so schön in Neudeutsch heißt). Aber ich möchte Dich nicht mit den Organisationsschritten langweilen, die einer Lesung vorausgehen, wenn sie für Publikum und Lesende angenehm über die Bühne gehen soll.

Wahrscheinlich fragst Du Dich: Wie war das denn nun? Was wurde gelesen? Um was ging es überhaupt?

Wie Du schon aus meinen vorherigen Briefen weißt, haben die jungen Autorinnen zu der Ausstellung „Literaten im Fokus“ im Stadtmuseum Münster geschrieben. Ach, meine Liebe, wenn Du die Gelegenheit hast, kann ich Dir nur warmen Herzens den Besuch der Ausstellung empfehlen. Drei Fotografinnen, Barbara Klemm, Herlinde Koelbl und Isolde Ohlbaum, haben allerlei berühmte Schriftsteller fotografiert und die sechs Autorinnen haben sich, nachdem sie – ich gebe es zu – eine gewissen heldenverehrende Zurückhaltung überwunden hatten, kopfüber ins kreative Abenteuer gestürzt.

Das SpecOps, in dem die Lesung statt fand, ist ein gemütliches Café voller Sessel und Sofas und geschwungener Holztische, mit Wohnzimmerambiente und allzu leckeren Kuchen. Die Autorinnen lasen auf einer kleinen Bühne, in einem blutroten Sessel und mit einem Kaktus auf dem Beistelltisch. Vor der Bühne waren einige gemütliche Stühle aufgestellt, so dass ihnen beim Lesen Reihen ernster, neugieriger und erwartungsvoller Gesichter entgegenblickten.

Kurz bevor sie starten wollten, kochte die Aufregung hoch, denn wie das immer so ist, muss mindestens eine Sache nicht so laufen wie geplant und die arme Tina Dunkel – sie ist Künstlerin und war von den Autorinnen eingeladen worden, ihre Lesung dem Fotothema entsprechend mit fotografischen Experimenten zu begleiten – steckte mit all ihren Kameras im Stau, mitten in Münster. Tina macht ganz besondere Fotos; mit Hilfe von Lochkameras, die anders sind, als es unsere modernen Augen gewohnt sind. Wenn Du neugierig bist, so besuche die Webseite der sechs Autorinnen im nächsten Monat, denn dort werden ihre Bilder gezeigt. Die langen Belichtungszeiten machen sie zu „Lichtzeichnungen“, wie Tina sie selber nennt und ich bin neugierig, wie das Licht die Lesung gezeichnet haben mag. Die Musen waren den Leserinnen aber schließlich doch geneigt und Tina stieß genau rechtzeitig dazu, so dass die Veranstaltung studentenpünklich anfangen konnte.

Um Dir einen Eindruck zu geben, zu was all die abgelichteten Berühmtheiten die Autorinnen inspiriert haben, verzeihst Du mir hoffentlich, liebe Freundin, nicht ganz linear zu erzählen. Die Texte werden bald auf der Webseite erscheinen und ich freue mich schon zu hören, was Du von ihnen hälst.

Der Abend stand unter dem Thema „Perspektivwechsel“ und ganz in diesem Sinne begann Julia Nüllen in ihrem Text „Kurkuma und Marmeladenbrote“ von der Beziehung zwischen Fotografierter und Fotografin zu berichten.
Elisabeth Schröder schrieb aus Sicht einer Fotografin („Blackout“). Keine Angst, ich werde Dir nicht zu viel verraten, doch ich kann unverblümt bezeugen, dass der Text in der Pause zu allerlei beunruhigten Spekulationen anregte.
Dinah Schöneichs „Dunkle Kammer“ und Kerstin Mertenskötters „Der Schriftsteller Hannes P.“ waren direkt von Bildern aus der Ausstellung inspiriert. Erstere von Hilde Domin und die zweite Geschichte von Hans-Georg Gadamer. Doch keine Sorge, Du musst keines der Bilder gesehen haben, um die Texte zu verstehen. Kerstin Mertenskötter konnte leider bei dieser Lesung nicht dabei sein, obwohl sie viel Zeit in die Organisation gesteckt hatte. Anne Wahl hat Kerstins Text vorgelesen und so war diese doch fast dabei, denn das ist eines der schönsten Dinge am Schreiben, auch wenn es manchmal geleugnet wird: dass der Text ein Stückchen seines Autors mit sich herumträgt.
Lisa Herden las die Geschichte eines Autors, der plötzlich ein Bild von sich findet und stellte fest, dass jeder Schriftsteller ein Portrait braucht („Fotografie des Autors als Kind“) und Dinah Schöneich wandte in ihrem Abschlusstext diese Erkenntnis gleich auf die Gruppe an und erzählte, wie die Kultexturianierinnen vor Tina Dunkels raumgroßer Lochkamera saßen und eine halbe Stunde lang auf Fotopapier gebannt wurden („Dunkelkammer“).
Anne Wahl schrieb „Beobachtungen“, denn was mögen die aufmerksamen Literatinnen und Literaten in ihren Bildern dort im Stadtmuseum nicht jeden Tag erleben?

Meine liebe Freundin, ich hoffe, ich konnte Dir vermitteln, wie sehr wir diesen Abend genossen haben. Wir ließen ihn mit Rotwein, Weißweinschorle und Brause ausklingen und erfreuten uns daran, dass das Jahr schon im April einen warmen Sommerabend extra für uns zu Verfügung gestellt hatte.

Vorlesebuch

Foto: Markus Bomholt

Ich wünsche Dir alles Gute und viel Lesefreude und hoffe, wir werden recht bald wieder voneinander hören.

Die Beobachterin.