Casinogarten / Skulpturenpark

Der Text »Casinogarten / Skulpturenpark« ist im Rahmen eines Beitrags von Elisabeth Schröder zur Ausstellung »Klasse Sammlung« in der Städtischen Galerie in Viersen entstanden. Die Ausstellung von Studierenden der Kunstakademie Münster fand im Herbst 2014 anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Skulpturensammlung Viersen statt. Viersen ist eine kleine Stadt am Niederrhein, deren Skulpturensammlung überregional bekannt ist. Sowohl Casinogarten als auch Skulpturenpark gehören zu den dortigen städtischen Grünanlagen.

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So wie das Licht hier über das Boulefeld wandert, könntest auch du von Bank zu Bank. / Auf dem bemoosten Holz der Sitzfläche könntest du dir überlegen, wie es wäre, hier zu leben. Die Begrenztheit des Areals würde dir nichts ausmachen. Dass man hier nur drei Wege gehen kann, wäre schon in Ordnung. Dass hier immerhin neun Buslinien halten, gäbe dir Perspektiven. / Allerdings bräuchtest du dann einen Hund oder ein Kind. Jedenfalls etwas, um nicht allein zu sein, wenn du an der Blutbuche vorübergehst. „Blutbuche“ würdest du mit wohligem Schaudern von dem kleinen Schild ablesen, die Hand des Kindes fester drücken oder die Leine des Hundes kurz halten. „Fagus sylvatica atropunicea“, wie eine magische Beschwörung. / Allein sein müsstest du aber, wenn du an dem jetzt im Herbst ausgeschalteten Wasserspiel stehst. Die leere und trockene Schale wäre eine Tabula Rasa, das wäre irgendwie symbolisch. Zusammen mit deinem Blick darauf, der wie gefangen wäre vom Nichts, ergäbe das eine melancholische und rätselhafte Szene.[1] / Ansonsten könntest du dich nicht wie die anderen Parkbesucher auf dein Handy konzentrieren. Du könntest nicht vergessen, wie viel Geformtes um dich ist, wenn du zum Beispiel auf einer der Bänke am Mittelweg sitzt.[2] Wie um dich her Gestalten und Statiken und Bewegungen aufgestellt, ausgestellt sind. Wie hinter Stein oder Metall ein geheimes Leben pulsiert, wie hinter der Rinde eines Baums. / Übrigens würdest du dich gerne noch mehr im Park aufhalten, doch dann könnte es Missverständnisse geben. Man wird hier komisch angeguckt, wenn man sich zu sehr für die Skulpturen interessiert. Das hat nämlich, und das muss nun wirklich mal gesagt werden, zu wenig zu tun mit dem wirklichen Leben. / Um nicht verdächtig zu werden, solltest du daher Zigaretten dabei haben, oder wenigstens ein Handy, wie schon erwähnt, um damit auf einer der Bänke laut Skrillex zu hören. Und du könntest, wenn es Abend ist, beim Rauchen wahlweise mit dem Feuerzeug etwas in das Holz der Sitzfläche einbrennen.[3] Auch dann stündest du nicht länger im Verdacht, von den Skulpturen zu sehr berührt zu werden. / Doch wenn du, von einer spiegelnden Oberfläche angezogen und wieder in die Umgebung zurückgeschickt, schließlich ein wenig verloren am Mispelbaum stündest, dann würden all diese Ablenkungsmanöver nicht mehr funktionieren, es würde trotzdem passieren: Du würdest dir hier ein Arkadia imaginieren, du würdest diesen Ort romantisieren.[4] / „Mispelbaum“ würdest du feierlich flüstern wie im Märchen, „Mespilus germanica.“ Und du würdest dich recken und strecken und deine Hand ins Laub stecken und die größte, die schönste, die süßeste Frucht pflücken. Ein plötzlicher Wind würde aufkommen, ein Rascheln würde durch den Park gehen und ein erleichtertes Seufzen und Ächzen durch die Skulpturen. Dann wäre der Zauber vorbei.


[1] Diese Szene könnte mit einem Close-up auf die fötusartige Gestalt auf dem Stein verschränkt werden, der in der Mitte des Kreises aus rostigen Metallfiguren im Casinogarten liegt. Man wüsste dann nicht richtig, was das zu bedeuten hat, aber visuell würde es gut funktionieren.

[2] Übrigens sollte man, so schön es auch ist, nicht zuviel über Bänke schreiben. Das macht alt.

[3] Beispielsweise „Nuttööö“ oder „BIG Best Rapper“.

[4] „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es –“ (Novalis, Fragmente zur Poetik, 1798 – 1800)

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