Der Schriftsteller Hannes P.

Tina Dunkel: Raumansicht SpecOps | Lochkamera-Aufnahme am 24. April 2015, Belichtungszeit = Lesungszeit | Lichtsensibles Fotocolorpapier

Tina Dunkel: Raumansicht SpecOps | Lochkamera-Aufnahme am 24. April 2015, Belichtungszeit = Lesungszeit | Lichtsensibles Fotocolorpapier

Der Schriftsteller Hannes P. lässt an diesem Morgen, an diesem verzwickten Morgen den Stift wieder zurück auf die Tischplatte sinken. Er ist so um die siebzig Jahre alt, seine Haltung am Schreibtisch ist gebeugt, seine Hand ruht auf dem Stift. Die dunkle Lederjacke trägt er lose über die Schultern geworfen, das Leder ist mittlerweile schon abgetragen und speckig. Und wie Hannes P. so da sitzt und diese Unentschlossenheit im Gesicht trägt, da kann man ihn fast seufzen hören. Es ist ein Seufzen, das sich auch durch seine Stirnfalten, durch seinen abwesenden Blick zieht, wie er nur so da sitzt und seine Augen auf dem Papier vor ihm verharren, versunken, etwas ratlos vielleicht.

Hannes P. weiß, dass er an diesem Morgen tatsächlich mehrere Möglichkeiten hat: Er könnte den Spannungsbogen erneut aufnehmen, den Piazza del Teide überqueren, nichtwissend, dass er dem Mörder seiner Frau dort zweimal über den Weg laufen würde, die flimmernde Abendsonne im Nacken und immer noch Schweißränder auf dem Hemd. Er könnte den Fokus auf die Abendsonne legen und sie als ein Zeichen für seine Wehmut und den Abschiedsschmerz von seiner Frau am Horizont untergehen lassen. Er könnte aber auch ein paar gewiefte Klischees über die italienische Lebenskunst mit einfließen lassen, das kommt ja bekanntlich immer gut an. Eine Auseinandersetzung mit dem Polizeipräsidenten über den Garpunkt von Pasta etwa oder ein Männergespräch über Gel in den Haaren bei derartiger Hitze. Hannes P. könnte sich jedoch auch dazu entscheiden, erstmal einen Punkt zu machen und zunächst den Kontakt zu einer ganz anderen Person zu suchen. Es wäre wohl ratsam, wenn er sich schon kurz nach dem Mittagessen aufmachte, um in diesem persönlich sehr aufwühlenden Mordfall weitere Indizien zu suchen. Er könnte ein Treffen mit der schönen Archivarin einschieben, das ihm danach stets lebendige Erinnerung sein sollte. Er könnte sie aufgesucht haben, um in alten Zeitungsartikeln ein umfassendes Bild des Mordtages zu erhalten, vielleicht dort auf einen ersten Hinweis zum Profil des Mörders stoßen. Die schöne Archivarin würde mit ihren schlanken Fingern zwischen die Seiten der Sammelbände gleiten und ihr luftiges Kleid würde Lust machen auf ein Picknick am Ufer des Piave. Dann würde Hannes P. eine Leerstelle hinterlassen und sich in Schweigen hüllen. Ein vielsagendes Schweigen könnte das sein, das dann dort zwischen den Zeilen stehen würde.

Die Haushaltshilfe von Hannes P. rumpelt im Nebenzimmer mit dem Staubsauger, stößt ein paar Mal ungeschickt gegen den Heizkörper. Doch Hannes P. scheint davon gänzlich unberührt, hat die rechte Handfläche an die Wange gelegt und ist mit seinem Blick ganz in dem Papier vor sich versunken. Der Blick von Hannes P., wir gehen nur an diesen Ausschnitt ein bisschen näher heran, verrät bei genauer Betrachtung eine versunkene Erwartungshaltung, eine versteckte Vorfreude.

Es rumpelt noch einmal, diesmal rumpelt es im Zimmer von Herrn P., um genau zu sein rumpelt es an seinem Schreibtisch. Die Haushaltshilfe drückt vorsichtig die Klinke herunter und lugt verwundert in das leere Arbeitszimmer. Stapel von Manuskripten wandern aus den Regalen inzwischen schon über den Fußboden und auch in den Bücherregalen hat Herr P. den Platz ganz ausgereizt. Durch verschiedene Stapeltechniken sind dort mehrere Schichten Bücher ineinandergeschoben. Die Haushaltshilfe von Herrn P. kann in dem leeren Arbeitszimmer nichts Ungewöhnliches entdecken. Außer – doch, ein Buch ist scheinbar aus dem Regal gerutscht und hochkant auf den Schreibtisch gefallen. Sie hebt es auf und streicht ein paar Mal verwundert über den Buchdeckel. Der dunkle Ledereinband ist lose um das Buch geschlagen, das Leder ist schon etwas abgetragen und speckig. Zunächst scheint im Regal gar kein Platz mehr für den Band zu sein, es ist nicht auszumachen, an welcher Stelle er herausgefallen sein könnte. Doch mit etwas Nachdruck lässt er sich zwischen zwei Taschenbücher schieben, dorthin, wo er hingehört – in ein Regal voller Möglichkeiten.