Der Straßenmusiker

Der Straßenmusiker

Natürlich gab es den Platz schon, bevor der Straßenmusiker beschlossen hatte, ihn zu seinem Platz zu machen. Er bestand in einer frühen Form vor zweihundert Jahren, aber was sagt es aus, dass irgendwann ein Acker zu einem urbanen Raum zusammengedrängt wurde von Häusern, die von allen Seiten aus dem Boden schossen wie Pilze? So ging es letztendlich immer – irgendwann begann die Beklemmung.

Siw Marklund war die Historie des Platzes vollkommen egal. Ihre Zeitrechnung hatte mit dem Tag begonnen, an dem der Straßenmusiker aus südöstlicher Richtung auf den Platz gestiefelt war und begonnen hatte, „Bitter Sweet Symphonie“ von The Verve zu spielen. „So ein Hippie“, hatte Sommer, der Buchhändler, geschnaubt, als er mit Siws Chefin Alex vor seiner Buchhandlung Sommer, Sommer und Sohn gestanden und sich über den Straßenmüll aufgeregt hatte, der sich mit jedem Tag mehr aus dem anliegenden Studentenviertel auf dem Platz ausbreitete. „Das ist eine stille Okkupation, ich sage es ihnen. Erst nehmen sie unsere Straßen und dann, dann …“ Er hatte innegehalten, als raubten ihm die ersten Akkorde von „I have a dream“ von ABBA, die der Straßenmusiker anschlug, die Worte.

„Ach“, ärgerlich hatte der Buchhändler abgewunken und sich in seinen Laden zurückgezogen – ohne jedoch die Tür hinter sich zu schließen. Siws Chefin war mit gekräuselter Stirn ins Café zurückgekehrt, wo Siw so getan hatte, als schreibe sie den weisen Spruch des Tages an die Tafel. Vermutlich war Siw deshalb auch die Einzige gewesen, die gesehen hatte, wie der Buchhändler im Schutze eines Regals bei der Tür seines Ladens stehen geblieben war und mit geschlossenen Augen gelauscht hatte, „If you see the wonder of a fairy tale“.

Seine Stirn war in Falten geworfen, aber auf seinem Mund hatte Siw ein Lächeln gesehen. Man sagte, dass der Buchhändler einmal eine Buchhändlerin und einen Sohn gehabt hatte, dass daher auch das Sommer und Sohn auf dem Schild herrührte. Andere sagten, dass der Buchhändler selbst der Sohn im Ladensnamen war. Beides war richtig. Deshalb ging der Buchhändler jeden Morgen in sein Geschäft, ohne jemals den Kopf zu heben, sodass er, wenn man ihn fragte, welche Farbe die Lettern des Schildes hatten, sich bemühen würde, sich nicht daran zu erinnern, dass sie azurblau war. Dasselbe Blau nämlich wie der Stein im Ring, den er auf Korsika für sie im Antiquitätenladen von Pascal gekauft hatte. So blau wie das Meer vor Mykonos an dem Abend, als er ihr den Ring an den Finger gesteckt hatte, und noch blauer als der Kassettenrekorder, zu dem sie immer wieder gesummt hatte „I have a dream, I’ll cross the stream“, und selbst blauer als die Augen des Anderen. „You can take the future, even if you fail.“ Diese verdammten Hippies, dachte der Buchhändler, als er die Augen öffnete, der Straßenmusiker ihn ansah und seine Augen blau waren. Von diesem Tag an war die Tür des Buchladens nur selten offen. Wegen der Heizkosten, sagte der Buchhändler.

Siw hielt die Tür offen. Obwohl es Gäste ins Café lockte, lange bevor die Espressomaschine die Betriebswärme erreicht, Siw die Nelken auf die Tische gestellt und die Croissants unter die Glasglocke gelegt hatte. Aber es war ihr wichtig. Solange die Tür offenstand, würde sie nicht verpassen, dass der Straßenmusiker den Platz betrat. Während in Siws Kopf jeden morgen die Lieder in Endlosschleife liefen, sie noch an den Blick des Straßenmusikers dachte und was er bedeuten mochte, flog sie auf Autopilot. Sie gab dem Jungen mit dem abstehenden Eckzahn eine Apfelspalte aus ihrem eigenen Lunchpaket ab, während seine Mutter auf ihren Chai Latte wartete, und fragte sich, wie der Straßenmusiker wohl als Kind ausgesehen haben mochte. Sie lächelte freundlich als der Herr mit der Fliege, ein Stammgast der ersten Stunde, sie zum ersten Mal lobte und feststellte, dass der Milchkaffee, den sie ihm zubereitete, „langsam trinkbar, fast passabel“ war – ein Ritterschlag, der Siws Chefin dazu veranlasste, beide Daumen in die Luft zu strecken wie ein Motivationscoach. Aber Siw fragte sich, wie der Straßenmusiker seinen Kaffee wohl trank – schwarz, beschloss sie, mit einem halben Löffel Muscovado-Zucker. Kam der Straßenmusiker dann endlich, dann hörte sie ihn zuerst, bevor sie ihn sah, was sie durchaus passend für einen Musiker fand. Es war diese Melodie, die er pfiff, die Siw an eine Zeit erinnerte, in der sie keinen Autopiloten hatte.

Umso stiller war es abends, wenn Siw in ihrer Wohnung über dem Café am Fenster saß, einen Becher Tee auf den angezogenen Knien abgestellt, dort solange balancierend, bis die Hitze auf ihren Kniescheiben unerträglich wurde. Sie blickte dann auf die Stelle unter der Laterne, wo der Straßenmusiker tagsüber stand und ignorierte das Blinken ihres Telefons, das sie nicht vergessen ließ, dass es in diesem Augenblick jemanden gab, der sich fragte, warum sie nicht mehr ans Telefon ging, kaum noch schrieb, und ob es seine Schuld war.

Je mehr sie sich dann versuchte, den Straßenmusiker vorzustellen, wie er auf der Lehne der Bank unter der Birke saß und Zigaretten dreht, desto stärker legte sich über die schlaksige Figur des Musikers eine andere. Sie hatte breite Schultern, erste Anzeichen eines Buckels. Müde stützte diese Gestalt ihren Kopf auf die großen Hände. Hände, die Siw so gut kannte wie ihre eigenen, weil sie an ihnen durch die Welt geführt worden war. Hände, die sie bei der Gartenarbeit beobachtet hatte und Hände, die ihr gezeigt hatten, wie man eine Zwille schnitzte. Immer, wenn sich die Bilder in ihrem Kopf überlagerten und die Erinnerung an den Gesang nicht reichten, legte sie die Platte von The Verve auf und drehte die Musik so laut, dass sie ihr rasendes Herz mit dem Bass der Musik verwechselte. „I let the melody shine, let it cleanse my mind, I feel free now. But the airways are clean and there’s nobody singing to me now.“

„Seltsame Liederauswahl hat der“, murmelte Siws Chefin Alex als sie neben ihr stand, in der einen Hand die Zigarette in der anderen ihr Telefon und Siw dabei zusah, wie sie das Herbst-Special wieder auf die Tafel schrieb, das der Regenschauer noch vor zehn Minuten fortgewaschen hatte. „Hmm,“ machte Siw und nickte. Sie hoffte, dass sich kein Gespräch entwickeln würde, denn der Straßenmusiker spielte ein neues Lied. Siw kannte es nicht, aber wie fast alle seine Lieder, übertönte es ihre Gedanken. „Hello, hello turn the radio on. Is there anybody out there? Help me sing my song.

Gerade als Alex Siw dazu anhalten wollte, sich endlich Urlaub zu nehmen – denn dieses Mädchen arbeitete ja nur noch – vibrierte ihr Telefon, und ein Bild von Marie erschien im Display, wie sie einen Handstand vollführte. Ihre Füße ragten in einen hellblauen Himmel getupft mit Wolken, und ihre Hände schien sich auf den gleichen Himmel zu stützen. Alex knirschte mit den Zähnen. Das Bild hatte bestimmt Volker gemacht. Sie konnte es sich genau vorstellen, wie er und Marie durch die Salar de Uyuni trampelten, durch die dünne Wasserschicht planschten, die sich über den Salzboden gelegt hatte, und sich Dinge zuriefen wie „Wahnsinn, wir stehen auf dem größten Spiegel der Welt!“ und Volker sagen würde „Hammer, mach mal was Verrücktes, so’n Yoga-Ding!“. Dann würde er ein Foto machen, „Niiiice!“ rufen und wie ein Streber aus der ersten Reihe sagen: „Wusstest du übrigens, dass das hier nicht nur die größte Salzpfanne der Erde ist, sondern auch größer ist als Niederbayern?“ Marie käme zu Volker hinübergestapft und würde irgendetwas sagen wie: „Boah, Volker, woher du diese Fakten immer hast!“, und dabei klingen wie ein Kind. Salar de Uyuni, das war eigentlich Alex’ Ort gewesen, wohin sie fahren würde, wenn entweder alles den Bach runterging oder sie sich ihre Träume erfüllte hatte. Es war die Versicherung, dass es nach dem Ende immer einen Schritt weiterging. Und dann hatte sie Volker kennengelernt. Volker sprang mitten ins Leben und checkte erst während des Fallens seine Sicherung. Das hatte sie an ihm geliebt, bis er sich zu langweilen begann.

„Lass uns um die Welt reisen“, hatte er vorgeschlagen. „Wir könnten die Tempelanlagen von Ayutthaya besuchen oder nachts im Outback die Milchstraße sehen“, hatte er geschwärmt, „und wir könnten deine Salzwüste besuchen.“ Sie fand es wunderbar, wie abenteuerlich er war, aber sie hatte ihm erklärt, dass sie gerade erst das Café eröffnet habe, das sei auch ein Abenteuer. Das hatte er verstanden. Aber dann hatte er abends im Café bei einem Rotwein philosophiert, wenn sie aufräumte und die Kasse machte, über Dinge wie Enge und die Begrenztheit des eigenen Lebens. Eines nachts hatte er sie dann geweckt: „Lass uns einfach los.“ Und sie hatte sofort gewusst, was er damit meinte. Das hatte ihr Angst gemacht. So sehr, dass sie nicht mehr eingeschlafen war. „Komm wenigstens ein halbes Jahr mit“, hatte er sie später gebeten, dann gedroht: „Ich gehe, ob du kommst oder nicht“. Vier Monate später war er mit ihrer Freundin Marie losgeflogen. Und Alex fragte sich jeden Abend, wenn sie die Kasse machte und auf den leeren Tisch neben der Tür schaute, was sie noch besaß, wenn Marie und Volker am Ende des Jahres einander gehörten?

Noch einmal brummte ihr Telefon „wish u were here“ schrieb Volker und sendete ein Bild von sich und Marie Wange an Wange ins Display gedrängt. „La, la, la, life is a strange thing. Just when you think you learned how to use it, it’s gone“, sang der Straßenmusiker. Alex blies den Rauch ihrer Zigarette in Richtung dieses nervigen Jungen und flitschte den Stummel in eine Pfütze. Mit trotzigem Lächeln sah sie, wie der im Wasser gespiegelte Himmel verschwamm. Dann sagte sie zu Siw im Vorbeigehen: „Nimm dir für heute frei. Ich schmeiß den Laden alleine.“

***

Als Siw aus dem Café trat, dachte sie an die Stille und das blinkende Telefon in ihrer Wohnung. Da beschloss sie den Straßenmusiker, der gerade eine Pause auf der Bank machte, zu fragen. „Hi, ich bin Siw“, würde sie sagen, „und arbeite drüben im Café. Ich wollte wissen, warum …“, weiter wusste sie noch nicht, denn, wie fragte man jemanden nach dem Warum, ohne wie ein Kind zu klingen? Irgendetwas würde ihr schon einfallen. Als sie den Platz überquerte, sah sie, wie eine Frau, viel kleiner als der Straßenmusiker mit einem hohen Turm aus Dreadlocks gekrönt auf die Zehenspitzen ging, sein Gesicht in beide Hände nahm, ihn küsste und beide lachten. Siw verging die Neugier nach dem Warum. Welche Geschichte konnte sich schon hinter den Liedern und dem Blick verstecken, wenn man doch jemanden hatte, der einen küsste?

***

Es war still in Siws Wohnung, so still, wie seit Wochen nicht. Siw verbrachte den Rest des Tages und die Nacht in Stille. Erleichtert stand sie auf, als der Wecker klingelte. Sie hatte schon lange wach gelegen und auf das Signal gewartet, unsicher, ob ihre Ohren noch funktionierten. Aus Gewohnheit wollte sie eine Platte auflegen, dann sah sie wieder das blinkende Licht am Telefon. Es gab eine Geschichte und einen Grund und beides war nicht fair, und ihr Schweigen war es auch nicht. Sie buchte den nächsten Flug nach Stockholm und ein Zugticket weiter nach Uppsala – seit der Beerdigung war sie nicht mehr dort gewesen. Dann nahm sie ihr Telefon und wählte aus der Liste der unbeantworteten Anrufe die Nummer ihres Vaters.