Die Dame des Hauses

Einmal im Jahr trifft man sich auf der Wiese hinter der Hütte im Wald zum Jahrmarkt. Früher hatte in der Hütte ein junger Jäger gelebt. Er hatte sie selbst gebaut, hatte selbst die Bäume gefällt, ihre Stämme gesäubert, sie übereinandergelegt und die Ritzen mit Schlamm verdichtet. Er hatte das Dach gedeckt, war heruntergefallen und nicht wieder aufgestanden.

Eine Bärin hatte ihn gefressen und war über den Winter in die Jagdhütte gezogen. Oder es stimmte, was die Leute im Dorf sagten, und der Jäger hatte sich an einem Honigbaum gestochen und sich in einen Bären verwandelt. So genau kann man das heute nicht mehr wissen.

Die Bärin jedenfalls bekam im Frühling zwei Junge (und wir wollen hoffen, dass es eine Bärin war und nicht der verzauberte Jäger, denn sonst wäre diese Erfahrung doch ein rechter Schock für den armen Mann gewesen). Das Dorf rief zur Jagd auf die Bärin und ihre Jungen, als diese ein Schaf aus dem Stall des Bäckers gestohlen hatten. Die drei entkamen durch die Schlucht am Rande des Waldes, und die Hütte mit dem hübschen Dach und den ordentlich verklebten Wänden blieb unbemerkt.

Ein paar Mäuse waren über den Winter ebenfalls eingezogen und hielten Ordnung, bis ein weiterer Mann vorbeikam, den man aufgrund seines Bartwuchses für einen Wolfsmenschen hielt, und der in den Wald geflohen war in der wagen Hoffnung, er sei tatsächlich ein Wolfsmensch und die vierbeinige Seite seiner Verwandtschaft sei gastfreundlicher als die zweibeinige.

Er und die Mäuse lebten in rechter Eintracht, und da der junge Mann ein freundliches Kerlchen, (eher ein Pudel als ein Wolf) war, das nicht viel jagen ging und nicht geizig mit Beeren, Nüssen und Brot war, waren die Tiere des Waldes schnell an ihn gewöhnt und saßen ihm im Weg, wenn er Holz hackte oder fraßen ihm die Blumen von der Fensterbank.

Die Blumen und das Brot kamen von einer Frau, die am Rande des Dorfes lebte. Als sie klein war und er klein war, da hatte er ihr ein Gänseblümchen geschenkt, und das war zwar kitschig, aber solche Dinge vergaß man nicht.

So kam es, dass sich unter den Augen von Mäusen, Hirschen und einer Igelfamilie eine der romantischsten Geschichten der Menschheit abspielte, ohne dass einer der Zuschauer auch nur das geringste Interesse daran hatte.

So glitten die Jahrhunderte dahin und die Hütte wurde mal repariert und mal verfiel sie wieder. Jemand installierte eine Toilette, in der heute eine Kröte lebt. Jemand anders zog eine Rigipswand ein, deren sich das Moos annahm. Eine Zeit lang gehörte die Hütte zu einem Hedgefond, aber sie fiel aus steuerrechtlichen Gründen wieder aus den Büchern. Manchmal kamen Jugendliche und rauchten den einen oder anderen Pilz und brachten die Mäuse in Aufregung.

Ja, die Mäuse waren geblieben. Sie hatten sich inzwischen in die Rigipswand gegraben, sie saßen morgens neben der Geranie, die aus ihrem Topf heraus in den Garten gewachsen war, und wenn ihnen danach war, dann verklebten sie die Löcher in den Wänden und richteten das Dach.

Wenn wir kommen, um Jahrmarkt zu halten, dann klopfe ich an die mit Efeu überwachsene Tür. Die Maus blickt durch den Türschlitz zu mir hinauf.

„Guten Morgen, Dame Maus“, sage ich. „Dürfen wir bitte auf Ihrer Wiese Jahrmarkt halten?“ Die Maus wackelt mit ihren Schnurrhaaren, piept und tut so, als kümmere es sie nicht, aber insgeheim mag es jede Dame, wenn man sie höflich fragt, ob man in ihrem Garten die Zelte aufschlagen darf, bevor man sich niederlässt.

Der junge Jäger hatte mit dem Jahrmarkt nichts anfangen können, hatte ihn nicht beachtet und sein Dach gedeckt. Die Bärin hatte sich Schinken gestohlen, aber mit einer Bärin diskutiert man solche Dinge nicht und der Schinken war kampflos verloren gegeben. Der Wolfsmensch war mit seinem Mädchen beschäftigt gewesen. Manchmal hatten freche Augen aus dem Nebel heraus in die Hütte gelugt und der Mond war fett und voll und hell in diesen Jahren. Aber die Jahre waren vergangen und Mäusegenerationen wechselten. Die Dame Maus hält immer Ordnung.

Einmal im Jahr treffen wir uns zum Jahrmarkt auf der Wiese hinter ihrer Hütte. Das Dorf ist eine Stadt und der Wald ist dünn und alt geworden. Dame Maus lässt uns Jahrmarkt halten und wenn wir gehen, dann klopfe ich an die Tür und sage: „Auf Wiedersehen, Dame Maus, bis zum nächsten Jahr.“ Und sie wackelt mit ihren Schnurrhaaren und tut so, als kümmere es sie nicht.