Die Dunkelkammer

© Tina Dunkel - kultextur Gruppenfoto

Tina Dunkel: kultextur Gruppenfoto (Umkehrung) | Aufnahme am 9. April 2015 mit der DunkelKammer, Belichtungszeit: 30 Min. | Lichtsensibles Fotocolorpapier | 125 x 120 cm

Als wir in dem ehemaligen Stallgebäude eintrudeln, ist der Raum durchflutet von Sonnenlicht. Aus ihrer surrealistisch verzerrten Dunkelkammer ruft Tina Dunkel uns zu: Ich bin gleich bei euch.
Diese Box, in der die Künstlerin gerade ein Foto aufnimmt (seit 25 Minuten), ist ein begehbarer Raum im Raum. Sie hat die Form eines großen „A“, das sein Gleichgewicht verloren hat, man schwankt auch etwas unwillkürlich beim Betreten – nicht, dass wir heute hineingingen, aber ich weiß es von meinem letzten Besuch in der Klasse Löbbert der Kunstakademie Münster. Von außen muss man an alte Stummfilme denken, an kippende Treppenhäuser, finstere Winkel, und das Flimmern, das im Wechsel von Lichtbild und Dunkelpause entsteht.
Heute sehen wir sie nur von außen, die Kiste mit ihrer silbernen Oberfläche. Das beschäftigte Rumpeln im Innern lässt erahnen, wie die Künstlerin mit ihren lichtempfindlichen Papieren hantiert. In der Tür: die Blende, ehemals Türgriff – ein quadratisches Loch in Größe eines halben Smartphones, aber dadurch sieht man nur ein Metallplättchen, und dann, durch eine winzige Öffnung, nicht einmal den schwarzen Vorhang, der das Innere bei geschlossener Tür noch zusätzlich schützt.
Was weiß ich vom Geheimnis der obskuren Kammer? Wenn Tina nach einer halben Stunde Belichtungszeit wieder herauskommt, wird sie ein Negativ vom Raum davor haben. Alles steht darauf Kopf, ist linksrechts- und farbverkehrt, und die Seite, zu der sich die Box neigt, wird eine erweiterte Perspektive bieten. Ein Gemurmel setzt an, als Tina das erklärt. Es leuchtet uns Laien nicht wirklich ein, wie das kommt. Aber vielleicht kann der Raum des Betrachters tatsächlich die Gegenstände in ein anderes Licht setzen (immerhin: der Betrachter lebt vielleicht immer schon in einem anderen Raum, der mir irgendwie unzugänglich bleibt).
Mit etwas Fantasie kann ich mir ein Bild von dem machen, was sich bei der Entwicklung in den Laboren der Kunstakademie ergeben wird. Wir haben Tina dorthin begleitet und über die Wannen voll Flüssigkeiten und die unscheinbaren, aber metergroßen Maschinen gestaunt. Eine ihrer Lichtzeichnungen haben wir auch schon gesehen: Sie sind riesig, von kräftigen Farben auf Glanzpapier, und alles Helle hebt sich eindrucksvoll hervor, als trügen die Dinge eine markante Leuchtschrift.
Aber wie wird es nun aussehen, unser Foto? Einmal kultextur mit Sonnenlicht und Strahlern, gesehen durch die Camera Obscura eines Publikums, das wir nicht erkennen können?
Heute stimmt etwas nicht mit der Entwicklungsmaschine, und der Fachmann ist nicht da. Das letzte Bild ist nur ein verstaubtes Orange mit blauen Streifen, da, wo die Neonröhren an der Decke auf den Fluchtpunkt zulaufen.
Tina sagt, sie hat gesehen, dass wir alle sechs im Bild sind: die ganze kultextur. Sie hat unsere Umrisse schon auf dem Papier gesehen, da drin, im Finstern. Wie das aussah, ist mir unklar, auch das Negativ habe ich nie zu Gesicht bekommen, es wartet lichtdicht verpackt auf den Techniker. Was auch im Dunkeln bleibt: was Tina da drin eigentlich gemacht hat. Nach fast genau 30 Minuten hat ihre Stimme nach der Uhrzeit gefragt. Vielleicht hat sie in der Schwärze gesessen und dabei zugeschaut, wie die chemikalischen Stoffe, das Papier, das Licht und der Schatten ein Bild der kultextur hergestellt haben. Oder geträumt. Oder gelauscht. Im Hintergrund sind unsere Stimmen als leises Gemurmel durchs Holz gedrungen.