Doch das ist eine andere Geschichte …

I.

Es fiel dem Schustergesellen schwer, böse auf seinen Meister zu sein. Wer hätte ahnen können, dass er von heute auf morgen keine Arbeit mehr für ihn haben würde? Natürlich hatte es den Schustergesellen wie alle bei Hof besorgt, dass die Prinzessinnen vermutlich jede Nacht aus dem Schloss verschwanden und dass das einzige Zeichen ihrer Abwesenheit die zertanzten Schuhe neben ihren Betten waren. Es war nicht richtig, aber es war gut fürs Geschäft. Denn die geheimnisvolle Tanzerei der Königstöchter beschäftigte die Hofschusterei so sehr, dass die Schusterei seines Meisters aushelfen musste, und das bedeutete Arbeit für den Schustergesellen. Mochte der König auch verzweifelt sein, der Schustergeselle hatte immerhin einen gut gefüllten Magen. Eines Tages war dieser verlotterte Soldat durchs Schlosstor gestapft, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden …

 Nun stapfte der Schustergeselle mit seinem Bündel auf den Schultern durch den Wald und fror. „Geh und finde dein Glück. Das Glück ist mit den Tüchtigen“, hatte der Meister gesagt und ihn mit festem Handschlag verabschiedet. Dem Schustergesellen wäre ein Laib Brot oder ein Goldstück lieber gewesen. Kaum in der Welt jenseits der Stadtmauern angelangt, hatte er verstanden, dass hier nicht mit den Tüchtigen das Glück war, sondern mit den Mutigen. Es war nicht so, dass er feige war. Er hatte sich sein Leben nur nie als Hexenbezwinger, Räuberhauptmann oder Bärentöter vorgestellt. Er wollte einfach Schuhe reparieren. Die ließen sich besohlen und schnappten nicht nach ihm oder hielten ihm ein Messer an die Kehle. Er ließ sich für sein Nachtlager unter einen Baum mit dichtem Ast- und Blattwerk nieder. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, dem Bauern abzuschlagen, die Bestie zu jagen, die dessen Kühe tötete. Er dachte an glühend rote Augen und Krallen so scharf wie Dolche – da vergaß er das Grimmen im Bauch. „Ich wünschte bloß“, seufzte er.

Auf diese drei Worte hatte die Wunschfee Winnifred gewartet. Sie hatte die vergangenen Monde im modrigen, feuchten Wäldchen gewartet, dass jemand wie der Schustergeselle daherkam. Niedergeschlagen, verzweifelt und randvoll mit Wünschen. Sie hüpfte hinab in die tiefer gelegenen Äste und betrachtete ihr Ziel. Eigentlich besagte die Regel, dass sie nur denen Wünsche erfüllen durfte, die eine Wunschfee aus einer Notlage retteten – aber Winnifred war der Wünscherei müde, und es fehlten nur noch zwei erfüllte Wünsche, und sie wäre frei. Kurzerhand stürzte sie sich mit angelegten Flügeln hinab auf den zitternden Schustergesellen. Der stieß einen spitzen Schrei aus. „Oh, ich danke Euch“, rief Winnifred mit glockenklarer Stimme. „Ihr habt mir das Leben gerettet.“
„Ha, ha, hab ich?“, stammelte der Schustergesell. „Ich wäre in meinen sicheren Tod gefallen, hättet ihr mich nicht aufgefangen“, versicherte sie ihm mit großen Augen. „Aber ich habe nicht …“
„Doch, doch. Ihr habt“, fiel sie dem Schustergesellen ins Wort. „Ich möchte euch als Dank einen Wunsch erfüllen. Dem, der uns Wunschfeen das Leben rettet und reinen Herzen ist, dem gewähren wir mit großer Freude das, was er am meisten begehrt“, rezitierte Winnifred hastig. „Ich… ich möchte in die Anstellung bei meinem Meister zurück.“
„Nein, geht nicht“, sagte Winnifred ungeduldig. Sie holte Luft und erklärt diesem Elendsknaben die Regeln:

1. Nichts Vergangenes konnte sie ihm zurückbringen.
2. Kein Gold
3. Keine weiteren Wünsche.

Das warf den Schustergesellen in tiefes Schweigen. Die Wunschfee machte es sich auf seiner Stiefelspitze gemütlich und verfluchte sich dafür, dass sie sich ausgerechnet einen Zauderer ausgesucht hatte. Schließlich atmete der Schustergeselle durch und sagte, dass er sich wünsche, mutig zu sein. „Mut? Das wünschst du dir?“, fragte Winnifred. Der Schustergeselle sah jämmerlich aus, als er nickte und versuchte tapfer dreinzublicken. Winnifred fühlte, wie der Wunsch in ihr aufstieg und ihr in der Nase prickelte. Es tat ihr leid um den Schustergesellen. Es war ein dummer Wunsch. Aber sie wollte frei sein, und jeder hatte selbst die Verantwortung für sein Leben und alle Wünsche, die es mit sich brachte. „Es ist getan“, hauchte sie. Die Augen des Schustergesellen leuchten auf, als vor ihm eine rot glühende Klinge erschien. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden …

II.

Winnifreds Suche nach dem letzten Wünschenden führte sie am Drachendorf vorbei. Schon seit vielen Monden dachte sie nicht mehr an den Schustergesellen. Viel zu sehr sehnte sie sich danach, den 777. Wunsch ihres Feendaseins zu erfüllen. Bei dem allerletzten Wunsch würde sie jedoch nicht mogeln können. Wenn sie nicht vorsichtig vorging, dann würde ihr das eine neue Verwünschung mit 7777 neuen Wünschen einbringen. Dann würde sie nie mehr zu ihrer Familie zurückkehren, zumindest nicht zu deren Lebzeiten. Sie ließ sich auf dem Wegschild nieder. Plötzlich stülpte sich ein Einmachglas über sie. „Ha! Hab ich dich“, schrie eine raue Stimme. „Schaut mal Jungs. Ich hab ’ne Fee gefangen.“ Es war einer der Königssoldaten. „Jetzt musst du mir ’nen Wunsch erfüllen, Feechen“, rief der Soldat. „Ich wünsch mir einen Sack Gooold!“ Er schüttelte das Glas, das Winnifred sich den Kopf am Glasdeckel stieß. „Los mach schon!“ Sie würde sich nicht die Mühe machen, diesem Fußvolk zu erklären, wie es mit Wünschen stand. Sie musste nur warten, dass irgendjemand sie befreite, bevor der Dummkopf sie aus Frust im nächsten Fluss ertränkte.

Es dauerte nur einen Mond und die Wunschfee war wieder frei. Es war ein junger Mann, der sie rettete, denn es waren immer die jungen Männer. Nun trennte sie von ihrer Freiheit ein Satz aus dem Mund dieses Kerls mit Zottellocken und vernarbten Armen. „Ich brauche deinen Wunsch nicht“, antwortete er jedoch und griff seinen Wanderstock. „So sei es – was?“, rief Winnifred.
„Du willst nicht? Du musst!“ Sie flog ihm hinterher. „Ich kenne euch magische Geschöpfe, ich habe lange einem gedient.“ Winnifred verlor die Beherrschung und trommelte mit ihren Fäusten gegen das Wams des jungen Mannes. Als sie sah, dass sie gegen kupferfarbene Schuppen schlug, hielt sie inne: „Du bist der Drachenhüter.“
„Das war ich“, sagte der Drachenhüter leise und erzählte, wie alle Erstgeborenen seiner Familie seit Hunderten von Jahren Drachenhüter waren, wie auch er sich um den Drachen kümmerte und wie der Drache dafür das Dorf beschützte. Doch eines Tages sei ein Held gekommen mit einer Klinge, so rot wie die Augen einer Bestie. Er habe den Drachen getötet für den König. Nun läge das Dorf schutzlos da, die Soldaten des Königs raubten das Drachengold, von dem das Dorf in harten Zeiten existierte, und er lebe in der Schande, dass der Drache unter seiner Obhut gestorben war. Ein Held mit einem Schwert so rot glühend wie die Augen einer Bestie, habe den Drachen getötet – so mutig war kein Mann, um einen Drachen zu konfrontieren, außer er bekam Hilfe, das wusste Winnifred. „Lass mich dir helfen, bitte“, flehte sie. Zum ersten Mal in ihrem Feendasein, meinte sie es so. Doch der Drachenhüter war nicht umzustimmen. Stattdessen bot er ihr an, mit ihm zu kommen. Vielleicht würden sie jemanden finden, dem sie den Wunsch anstatt seiner geben konnte. Winifred ging mit. Doch was er nicht wusste: Sie hatte keine andere Wahl, denn ihr letzter Wunsch gehörte unwiderruflich ihm, der sich nichts wünschen wollte. Sie würde dem Drachenhüter das Wünschen schon beibringen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden …

III.

Während die Wunschfee und der Drachenhüter gen Norden das Drachendorf verließen, fuhr die Schatzkutsche des Königs mit den letzten Kostbarkeiten des Drachenschatzes gen Süden zum Seeschloss. Hätten die Soldaten sich nicht so über ihren Kameraden lustig gemacht, dass ihm die Fee gleich wieder geklaut worden war, wäre ihnen vielleicht der dunkle Schatten aufgefallen, der sie den gesamten Weg begleitete. Als die Soldaten im Schlosshof absattelten und ihren Durst mit Bier stillten, glitt der Schatten unbemerkt in die Kutsche. Die dunkle Fee brauchte nicht lange, da fand sie, was sie in den Schatzkutschen, die täglich vom Drachendorf kamen, gesucht hatte. Die smaragdbesetzte Schatulle, die der Drache ihr gestohlen hatte, lag zwischen Säcken mit Goldmützen und besaß noch ihren Inhalt. Drachen waren nichts Anderes als Sammler, ohne jeden Sinn für das, was ihr Besitz vermochte. Die dunkle Fee steckte die Schatulle in ihre Robe und schlüpfte davon. Es erfreute sie, dass sie sich nicht die Drecksarbeit hatte machen müssen, den Drachen in seiner Schwefel verpesteten Höhle von ihrer Schatulle zu zerren. Helden konnten nützlich sein. Besonders dieser, der den mächtigsten Drachen niedergestreckt hatte. Sie beschloss, einen Blick auf ihn zu werfen. Wie gewöhnlich herrschte ein Fest im Schloss des Königs. Die dunkle Fee fand das Fenster, von dem sie einen exzellenten Blick auf den Ballsaal hatte. Sie kannte alle Plätze, von denen man unentdeckt beobachten konnte. Doch, was sie sah, vertrieb ihr die Siegeslaune: kein Trinkgelage, wie der König sie häufig abhielt. Im lichtdurchfluteten Ballsaal wurde Hochzeit gehalten. Die Königstochter drehte sich in ihrem schimmernden Kleid, und die dunkle Fee war wieder nicht eingeladen worden! Es war immer das Gleiche. Nur wegen dieser einen Sachen damals. Wie konnte man nur so nachtragend sein! Das würde sie nicht auf sich sitzen lassen, nicht schon wieder. Doch als die Fee sich aufmachen wollte, in das Fest zu platzen und einen Fluch über das Brautpaar zu werfen, fiel ihr Blick auf das Schwert, das der Helden-Bräutigam siegreich in die Luft streckte. Es hatte eine glühend rote Klinge. Die dunkle Fee ließ ihre Arme sinken. Es war ein verwunschenes Schwert. Wenn die Lage so stand, brauchte sie sich nicht die Mühe machen. Das Schicksal des Helden war längst besiegelt. Mit diesem Schwert würde sein Untergang einhergehen, früher oder später. Sie fühlte sich alt und müde und beschloss, Heim zu gehen, als Geraschel in den Büschen sie aufschreckte. „Wer ist da?“, stieß sie hervor. „Verzeiht“, piepste eine Stimme und eine Dienstmagd über und über mit Asche beschmiert, trat hervor. „Ich wollte euch nicht erschrecken. Ich, ich habe nur das Fest beobachtet.“
„Was gibt es da schon zu sehen?“, herrschte die dunkle Fee sie an. Das Mädchen stieg aus den Büschen und schaute verlegen auf ihre nackten Füße. „Na ja, so ein richtiger Ball ist doch etwas Wunderschönes, nicht wahr? Ich wohne in einem Dorf nicht weit von hier. Und ich wollte doch so gerne den Bruder der Prinzessin sehen“, hauchte sie. „Soso“, sagte die dunkle Fee. Der Königssohn war ein dümmliches Exemplar, aber verehrt im ganzen Königreich. „Warum seid ihr nicht auf dem Fest?“, fragte das Mädchen. Die dunkle Fee wusste nicht, mit welcher Lüge sie antworten sollte und sagte deshalb die Wahrheit. „Weil man mich nicht einlädt.“ Das Mädchen sah sie mit traurigen Augen an. „Ist das nicht schade?“
„Es geht“, räusperte sich die dunkle Fee.
„Also, ich wäre schrecklich gerne einmal auf einem Ball“, sprudelte es aus dem Mädchen hervor, bevor es sich eines Besseren besann und hinzufügte: „Aber das sind nur alberne Träume.“ Die dunkle Fee sah zwischen dem Aschenmädchen und den glänzenden Fenstern hin und her. Für sie selbst würde es nie mehr ein Fest geben. Sie zog ihre Robe zurecht. „Eines Tages“, sprach sie zum Mädchen. „Eines Tages wird der Königssohn ein Fest geben. Und vielleicht wird das ein ganz alberner Tag werden, wer weiß das schon, mein Kind.“ Sie prägte sich das Gesicht des Mädchens gut ein, bevor sie sich von ihm abwandte und mit einem Lächeln und einer Idee in die Nacht verschwand. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden …