Carpe Noctem – Nutze die Nacht!

TräumeAls im 19. Jahrhundert zunächst das Gaslicht und bald danach die elektrische Beleuchtung Einzug in die Städte und ihre Haushalte hielt, war das eine Revolution. Und diese Revolution war nicht nur technischer Natur, denn die glühenden Gebilde aus Draht und Glas änderten auch den Lebensrhythmus der Menschen. Wie hell die Nacht auf einmal wurde! Wer wollte sich noch schlafen legen, wo das Licht doch länger scheinen konnte als die Sonne? Carpe Noctem, wollte man rufen – Nutze die Nacht!

Und wie bunt die Nacht selbst geworden war! Leuchtreklamen strahlten wie Glühwürmchen in der Dunkelheit und verhießen einen Tag, der auch dann nicht enden musste, wenn es Nacht wurde. Und heute? Heute strahlen die Städte heller denn je. So hell, dass man die Sterne kaum noch sehen kann. Wozu noch schlafen? Wer schläft verliert! Carpe Noctem – Nutze die Nacht!

Doch wer sagt, dass Schlaf der Inbegriff der Passivität ist? Gut, sein Image ist nicht das Beste. Er ist ein Langweiler und Faulenzer. Außerdem lastet ihm der Ruf an, der kleine Bruder des Todes zu sein. Doch liegt man erst im Bett, und beginnen in der REM-Phase die Augäpfel hinter den Lidern zu tanzen, dann ist man alles andere als tot. Man beginnt zu träumen: Träume, die einen weit wegführen, in Welten, die schwarz-weiß sind oder bunter als jedes Farbspektrum, Träume vom Alltag, Träume, in denen man losgeht, aber nie ankommt, Träume von Monstern in der Dunkelheit, Träume vom Fliegen und Träume, die am nächsten Morgen verschwunden sind.

Im November, wenn die Tage kürzer und die Schatten länger werden, widmet sich kultextur der passivsten Aktivität zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang: dem Träumen!

Und vielleicht sind Texte ja wie Träume: Gewebe aus Gedanken, Strukturen aus Unsichtbarem sichtbar gemacht, Entführer, die einen manchmal nicht mehr loslassen, selbst, wenn die Geschichte vorbei und man schon längst wieder aufgewacht ist.

Wo fängt der Traum an und hört der Text auf?

Für die Redaktion im November,

Julia Nüllen

Prosa

Klar-träum-ich (Malte Klingenhäger)
Eine Reise (Lisa Herden)
Schreiborte II: Schreiben am Meer (Julia Nüllen)
Willkommen hinter den Türen (Anne Wahl)

Lyrik

nachts I & II (Kerstins Mertenskötter)
Ohne Titel (Betrifft: Schlafen) (Elisabeth Schröder)
Durch Traum und Zeit (Julia Nüllen)
traeumen (Dinah Schöneich)