Der [leere] Raum

Leerstelle

Seit einiger Zeit kommen alle meine Freunde der Reihe nach dazu, mich einmal auszulachen und mir zu sagen, wenn ich ein Editorial über das Thema „der leere Raum“ schreiben wollte, müsste ich es doch nur bei einem weißen Blatt belassen. Aber das ist es ja gerade: abgesehen davon, dass Schreibende wie ich weiße Blätter nicht lange ertragen, ist der leere Raum zwar faszinierend, nicht aber für sich genommen. Erst wenn darin Planeten auftauchen, wenn die Wüste sich mit Visionen von Schlangen und Kakteen ausstattet, wenn eine Katze im Innern vermutet wird, wenn eine Kultur-Kolumne Bedeutung und Wirkung eines Buches mit nur leeren Seiten diskutiert, oder ein Gespräch, Träume, Gedanken über das Potential einer frisch renovierten Wohnung entstehen, erst dann wird der leere Raum fantastisch.

Fantastisch ist das Wort, das ich meine. Denn fantastisch kann bedeuten: „wunderbar“ ganz gedehnt gesprochen. Was ist wunderbarer als Platz zur Entfaltung? Fantastisch heißt aber auch „wunderbar“ mit Betonung am Anfang. Mit Fantasien, Wundern und Unmöglichkeiten besetzt. Denn was ist der leere Raum anderes als ein Paradoxon? Zumindest ist unser Schreiben, unser Denken und Reden über den leeren Raum ein ganz Unmögliches: wenn wir ehrlich sind, ist da nichts zum Beschreiben, Überdenken, Bereden.

Wo nichts ist, wirklich gar nichts, da ist selbst diese Tatsache nur Spekulation.

Und das hat etwas Beängstigendes – behaupte ich, was meinen Sie? – warum sonst sind leer stehende Häuser und verlassene Gegenden unheimlich? Der Leere gegenübertreten heißt, sich dem Zwang der Erzählung auszusetzen. Das tun wir diesen wie jeden Monat, das ist das Schicksal der Schreibenden, dieses leere Blatt, das uns anstarrt, immer wieder aufs Neue und uns fragt, ob wir dem etwas entgegensetzen können, ob wir sicher sind, dass wir das wollen, dass wirklich irgendwo in uns etwas ist, womit wir diesen Platz füllen, ja, können und wollen? Da stoßen wir auf die Angst vor einer ganz anderen Leere: der Leere – der möglichen, der denkbaren – Leere in uns.

Beinahe jede Angst ist eine Chance, wenn man sich ihr stellt. Für diesen Gedanken stehen die eckigen Klammern. Da wo „leer“ steht, was könnte da noch gestanden haben? „Für nicht so wichtig gehalten“ etwa, so, wie das raue Gefühl der papiernen Oberfläche? Oder „vergessen“? „So noch nicht betrachtet“?

Im September wünscht Ihnen viel Freude an den Texten, die wir in, über und mit dem freien Raum entfalten wollen, Ihre Chefredakteurin,

Dinah Schöneich

Lyrik

Das leere Feld (Dinah Schöneich)

Lyrik – Theater

Ein Liebeslied (Kerstin Mertenskötter)

Lyrik – Bildende Kunst

ohne titel (1) (Elisabeth Schröder)

Prosa

Nichts (Anne Wahl)
Verdunklungsgefahr (Malte Klingenhäger)