Editorial: Die Poesie des Profanen

Sind wir doch mal ehrlich: Das Leben in der Stadt ist hart und gemein.

Tag für Tag quetscht man sich mit fremden Menschen in die öffentlichen Verkehrsmittel. Auf den Straßen herrscht Chaos, und kurz bevor man sein Ziel erreicht, wird man angerempelt und mit „Meeensch, pass doch auf!“ angeschnauzt. Den Rest des Tages steht man in Schlangen an und kämpft um das letzte Brötchen in der Auslage. Und dann ist alles so verdammt grau. Es sei denn, es strahlt Neonsättigung von einer Reklametafel.

Ach, ist die Stadtwelt nicht schnöde? Und zubetoniert ist sie auch. Aber wo sollen wir stattdessen hin? Zum Glück liefern neo-romantische Song-Zeilen mit gaaanz viel „Emotion“ die Antwort: „Hinter Hamburg, Berlin oder Köln. Hört der Regen auf, Straßen zu füllen. Hör’n wir endlich mal wieder das Meer und die Wellen.“ Gott sei Dank trauen sich Großstadtpoeten wie die Band Revolverheld auszusprechen, was wir niemals wagten, uns einzugestehen: Das moderne City-Life erstickt unser Ego. Nur im Schoss der Natur sind wir real.

kultextur folgt in diesem Monat nicht Revolverhelds Ruf „Lass uns geh’n“. Wir lösen kein Ticket nach Schweden. Stattdessen bleiben wir auf unseren Straßen und nehmen das verborgene Potenzial des Alltäglichen unter die Lupe, das den Zauber der kleinen Dinge feiert. Wir haben es als Poesie des Profanen betitelt – ein Phänomen, das nicht mehr braucht als den Alltag, um uns gefühlig werden zu lassen.

Wir sind ausgeschwärmt und haben Momente gesammelt, die uns vor unserer Haustür, in unserer Stadt, im Nicht-Erwähnenswerten erstaunen. Wir schreiben über eine Poesie, die ganz ohne Eichendorff, Sterngefunkel und Wanderlust auskommt. Räumt Berührendes im Banalen den Weg erst frei, dann können wir unsere modernen, ach-so-abgeklärten Stadtherzchen aufklappen und ganz unbeobachtet leise „Hach“ seufzen.

Es kann das Glitzerkonfetti zwischen Erde und Laub sein, die Liebeserklärung an der Häuserecke: „Susi liebt Philipp Andi“, der umhäkelte Laternenpfahl, an den sich ein Hund schmiegt oder die Plastiktüte, die im Wind eine Choreografie vollführt und den Blick von der Werbetafel „Grillgut zu Hammerpreisen“ ablenkt.

Es sind kleine Botschaften von heimlichen Guerilla-Romantikern. Es sind Anblicke, die sich oberflächlich in ihre Umwelt einpassen und beim zweiten Blick ein Kuriosum offenbaren, und es sind die Orte mit ramponiertem Charme.

In diesem Sinne empfiehlt die kultextur in diesem Monat: Schauen Sie genau hin, und wenn Sie sich nach einem melancholischen Seufzer sehnen, nur zu, wir verraten es nicht.

 Für die Redaktion im April

 Julia Nüllen