Editorial: Die Ruhe vor dem Sturm

Es ist kalt, aber die Sonne scheint und Vögel singen. Wir machen einen langen Spaziergang, eingemummelt in selbstgestrickten Schals und dicken Mänteln. Und auf einmal ist es still, nur noch das Knirschen unserer Schuhe auf dem Boden. Sonst nichts: kein Wind, kein Vogel. Ruhe. Wir sehen dunkle Wolken, die sich schwarz am Himmel auftürmen und für einen Augenblick schauen wir nur. Dann reißt der Wind an den Bäumen, unseren Kleidern, wir sind mit einem Mal bis auf die Haut durchnässt. Die Ruhe vor dem Sturm ist vorbei: der Sturm ist da.

Was ist es, das die Ruhe vor dem Sturm so faszinierend macht? Dass plötzlich die Vögel aufhören zu singen, dass man den Eindruck bekommt, gleich passiere etwas Großes, Gewaltiges, dass man als kleiner Mensch nun die Gewalten der Natur zu spüren bekommt?

Wissenschaftlich ist nicht genau geklärt, was diese Ruhe vor dem Sturm ist, und möglicherweise hat das alles doch mehr mit unserer Vorstellung als mit Wirklichkeit zu tun. Aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hat sich der Ausdruck in unserem allgemeinen Sprachgebrauch eingefunden – und wenn wir ihn benutzen, dann reden wir meistens nicht vom Wetter, sondern vom Zwischenmenschlichen und dem Menschen dazwischen. Egal was es ist, das nach der Ruhe losbricht – der Sturm ist erst das, was die Ruhe so faszinierend macht.

Auf ein – im positiven Sinne – stürmisches Jahr freut sich

Ihre Chefredakteurin im Januar

Lisa Herden

Diesen Monat in kultextur:

Neujahrsgruß

Swinging Soho – Ein Abend mit Kunst, Musik, Literatur und jeder Menge Party

Ankündigung
Das nackte Leben ist…
“Was ist das nackte Leben für dich?”

Prosa

Die Abendburg  (Elisabeth Schröder)
Gemeinsam II (Lisa Herden)
Englisches Wetter (Anne Wahl) 
Der Chronist (Julia Nüllen)

Lyrik

Offenes Meer (Zoë Porombka)