Editorial: Es war einmal …

Einen Moment noch! Bevor wir anfangen: Sitzen alle bequem? Holt Euch ruhig noch eine Decke. Sind zwei Kissen genug? Zeit für eine frische Tasse Tee haben wir auch noch. Bereit? Gut, dann wollen wir mal:

„Es war einmal …“, mit diesen Worten beginnen Erzählerinnen und Erzähler an Bettkanten, Lagerfeuern, in Sesseln und auf den Kinoleinwänden. Sie stoßen eine Tür auf in eine Welt, in der die Wunder am Rande des Weges warten, man auszieht, um im Abenteuer sein Glück zu finden und dabei Drachen besiegt, die Waldgeister austrickst und die ständig infolge von magischer Einwirkung in Not geratenen Thronerben errettet.

Ja, ein Leben wie im Märchen, das wünschten wir uns als Kinder. Wäre die Rückwand unseres Kleiderschranks doch nicht einfach nur aus Pressspan gewesen, sondern der Zugang zu einer anderen Welt und der Stock, den wir im Wald gefunden hatten, ein Zauberstab. Und im Erwachsenenalter wünschen wir uns heimlich immer noch, wir hätten ein “Tischlein Deck- Dich”, ein Töpfchen, das fortwährend Brei kocht und einen Esel, der irgendetwas mit Gold zu tun hat …

Aber nachdem wir unsere Steuererklärungen gebändigt, die Berge an dreckigem Geschirr bewältigt und den Wäschehaufen besiegt haben, wartet keine Fee, die uns drei Wünsche erfüllt.

Vielleicht ist das auch gut so, denn welches Märchen erzählt schon von dem Wunsch, der in Erfüllung ging und danach absolut nichts Erwähnenswertes mehr passiert? Mit den Wünschen fängt das Märchen erst an.

Gut, dass die erfüllten Wünsche ihren Wünschenden immer mehr geben, als sie eigentlichen haben wollten, und die Grenze zwischen Märchen und Realität doch dünner ist, als gedacht, denn im November rückt kultextur den Ohrensessel zurecht und schlägt das schwere Märchenbuch auf. Heraus fallen verwunschene Gestalten im harten Licht des Alltags und normale Wesen mit wundersamen Schicksalen. Vielleicht purzelt noch der eine oder andere Wunsch aus den Seiten hinterher …

Für kultextur im November

Julia Nüllen

Prosa

Taubenherzen (Lisa Herden)
Schreiborte III: Woyton, Antoniusgasse, Köln (Anne Wahl)
Doch das ist eine andere Geschichte … (Julia Nüllen)
Gastbeitrag: Der Glaskugelbaum (Elio Minutillo)