Editorial – Falscher Alarm

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

gemessen am Dramatischen, überraschenden Wirkungen und abrundenden Enden, die wir aus so vielen Geschichten kennen, sind unsere Leben meistens das genaue Gegenteil und im Vergleich oft eintönig. Es gibt hier weder Exposition noch Spannungsbogen und nie werden alle unsere offenen Handlungsstränge oder die unserer Freunde zusammenlaufen. Auf ein großes Finale warten wir vergebens. Selbst wenn wir etwas Vergleichbares erfahren – diese Episode, die das Leben in Davor und Danach einteilt – sind wir uns dessen vielleicht nicht bewusst oder das Erlebte hat gar nichts mit dem zu tun, was wir aus Romanen, dem Theater oder dem Kino kennen.

Das ist enttäuschend – und unglaublich befreiend.

Denn oft sind Geschichten vorhersehbar oder zumindest erahnbar. Die Abteilung der Bücherei, das Regal im Buchhandel und die Beschreibungen in Theater- und Kinoprogrammen geben entscheidende Hinweise. Unser Leben lässt sich trotz tragischer, romantischer und/oder komischer Elemente, nicht einem Genre zuordnen.

Das macht Angst und Hoffnung: Man stößt bei diesen Überlegungen schnell auf philosophische Debatten und fundamentale Glaubensfragen.

Allerdings machen wir Teile unseres Lebens gerne zu Geschichten. Das sind die Splitter der letzten Woche, des letzten Urlaubs, der letzten Party. Wir sitzen mit Freunden oder mit der Familie zusammen und erzählen Erlebtes und Gehörtes wie eine Geschichte, samt Exposition, Spannungsbogen und großem Finale. Wir formen uns das Leben so, wie es in der Realität nicht war.

Und trotzdem gibt es sie, diese Momente, in denen wir uns sicher sind, dass gleich etwas Geschichtenmäßiges passieren wird, weil Filme und Romane unsere Erwartungen so geprägt haben. Dann ist sie da: die ernüchternde Leere – oder die große Überraschung, denn entweder ist nichts Erzählenswertes passiert oder wir hätten das Geschehene, in einem Roman gelesen, als unrealistisch abgetan.

Auf kultextur.de formen wir jeden Monat Geschichten, wir spielen mit Expositionen und schlagen Spannungsbögen. Doch in diesem Monat werden wir es anders machen. Wir beginnen unsere Geschichten nicht mit „Was wäre wenn …?“, sondern fragen uns „Was wäre, wenn doch nicht …?“

Ihre Chefredakteurin im Februar

Lisa Herden