Der Autor ist tot – Es lebe der Autor

Tod des Autors„Der Tod des Autors“, so heißt der berühmte Text von Roland Barthes, den wir im ersten Semester Germanistik vorgelegt bekamen. Ich war verwirrt. Hatte ich nicht in der Schule noch gelernt, dass die einzig wahre Interpretation Kafkas auf dem schlechten Verhältnis zu seinem Vater beruht, sollte ich nun neun Jahre Deutschunterricht über den Haufen werfen und den Autor vergessen?

Ich lernte nach und nach, dass der Autor nicht mehr die letzte Bedeutungsinstanz ist. Im dritten Semester hatte ich mir Formulierungen zugelegt wie „der Text sagt …“, es geschafft ohne zu stottern das Wort „Diskurs“ zu benutzten, etwas von Rezeptionstheorie mitbekommen und ich war mir vor allem völlig sicher: Der Autor ist tot.

Doch dies ist nur die akademische Seite eines Germanistenlebens. Es gibt da auch noch die Feuilletons, mit ihren Fragen wo die Autorin lebt, was ihre Lieblingsspeise ist, ob sie schön zu fotografieren und natürlich, ob diese Geschichte autobiographisch ist. Der Autor ist tot, denke ich mir manchmal, auch wenn die Autorin wirklich hübsch zu fotografieren ist.

In Interviews werden AutorInnen ohne Bedenken zu politischen und sozialen Themen befragt, zu den Gefühlen einer „Generation“, zu technischen Errungenschaften und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Es lebe der Autor!

Da ist noch eine dritte Seite in mir: Die Seite, die besonders verwirrt, und auch ein bisschen eingeschnappt war, als ich zum ersten Mal „Der Tod des Autors“ las. Es ist die Autorenseite, die in vielen Germanisten schlummert.

„Ich bin doch hier“, mault die Autorenseite und fühlt sich unbeachtet. Also schenken wir von kultextur unseren Autorenseiten ein bisschen Beachtung und lassen sie das Thema von allen Seiten stupsen und piecksen. Es lebe der Autor!

Eure Chefredakteurin im Juni
Anne Wahl

Prosa

Immer nur das Beste (Julia Nüllen)
Gondals Königin stirbt (Lisa Herden)
Was vom Autor übrig bleibt (Anne Wahl)

Informatives

Wer will den Autor schon tot sehen? (Malte Klingenhäger)

Lyrik

andicht (Dinah Schöneich)
Aufgeben – Song of Surrender (Elisabeth Schröder)

Grenzübergreifendes

von Autoren und Pfauen und so (Zoë Porombka)
Nur nicht aufhören zu schreiben! – Rückblick auf ein Performance-Experiment (Zoë Porombka und Elisabeth Schröder)

Comic

Verwandlungen (Malte Klingenhäger)