Editorial: Labyrinth

Labyrinth

Los geht’s! Erstmal geradeaus: „Haus der Doppelaxt“ – das könnte die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Labyrinth“ gewesen sein. In Anspielung auf den verwinkelten Palast von Knossos auf Kreta, dessen Wände, so heißt es, mit Bildern von Äxten verziert waren. Doch sicher ist man sich nicht.

Richtungswechsel: Mit der Axt in der Hand läuft Jack Nicholson alias Jack Torrance in Stanley Kubricks „Shining“ durch das verschneite Heckenlabyrinth des Overlook-Hotels, auf den Spuren seines Sohnes Danny, den er im Wahn umbringen will. Er stirbt schließlich, überlistet, im Herzen des Irrgartens.

Abbiegen nach links: Der Name Torrance kann an das spanische Wort toro, Stier, und – nochmal abbiegen – an den Minotaurus denken lassen: jenes Ungeheuer mit menschlichem Körper und Stierkopf, das im Labyrinth des König Minos lebte und von Theseus getötet wurde, der danach mit Hilfe des Ariadnefadens wieder aus dem komplexen Wegesystem herausfand.

Dieser kleine Assoziationsgang, dem ich in einer Vorlesung des Germanisten Detlef Kremer folgen durfte, hat sich eingeprägt – vielleicht weil dieser Gang selbst Züge des Labyrinthischen trägt. Und weil er zeigt, mit welchen Assoziationen das Labyrinth als erzählerisches Motiv wie auch als konkrete räumlich-architektonische Situation wiederum seinerseits besetzt ist: mit dem Unbekannten, dem Mythischen und nicht zuletzt – mit Gefahr.

Und dann wären da noch unsere ganz alltäglichen und persönlichen labyrinthischen Momente. Scheinbar unendlich viele Wege gehen zu können, nicht zu wissen, welcher davon der richtige ist oder welcher in einer Sackgasse endet: Befinden wir uns so gesehen nicht öfters im Irrgarten? Und zwar nicht nur dann, wenn wir uns tatsächlich mal in sommerlicher Laune in das Wege-Wirrwarr im Maisfeld wagen? Ist das Irren tatsächlich menschlich, das gelegentliche Sich-Verirren womöglich ein tief in uns verwurzeltes Bedürfnis?

Mit diesen Fragen schicken wir Sie im Dezember hinein in unser Labyrinth aus Worten und Sätzen. Machen Sie sich auf den einen oder anderen Richtungswechsel gefasst!

Für die Redaktion im Dezember

Elisabeth Schröder

Lyrik

Geweihe (Zoë Porombka)

Prosa

Traumtänzer (Anne Wahl)