Editorial: Liebe Lügen

Liebe Lügen„Aber die Dichter lügen zu viel.“

(aus „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche)

 

Ja, wir bekennen uns schuldig. Wir haben es schon oft getan, und wir werden es wieder tun. Wir bei kultextur sind Lügner. Oder haben wir nicht gelogen, wenn wir den Stift in die Hand nahmen oder die Tasten unter den Fingerkuppen zum Klackern brachten? Vielleicht haben wir es ja genau so geschrieben, wie es wirklich ist. Oder waren wir sogar korrekter, als die Wahrheit es selbst zu sein vermag. Nur, weil es unter Umständen erfunden ist, muss es doch nicht gleich gelogen sein, oder?

Die Behauptung, dass Dichtung eine Lüge ist, ist nicht erst in der Welt seit Goethe seiner Autobiografie den doppelbödigen Titel „Dichtung und Wahrheit“ geben hat. Und ist an dieser Behauptung nicht etwas Wahres dran? Stecken in Geschichten und Erzählungen nicht hinter jeder Ecke diese Lügenbarone, die auf Kometen reiten und deren Nasen wachsen, wenn sie nur den Mund aufmachen, und schrumpelten Krimis nicht zu Tatsachenberichten zusammen, wenn alle Figuren ehrlich wären?

Lüge und Wahrheit scheinen sich manchmal so sehr zu ähneln, dass sie kaum voneinander zu unterscheiden sind. Man denke nur an Zeugen, die sich in Verkehrsunfällen bei bestem Willen nicht einig sind, ob das Auto rot oder blau war und deren Wa(h)rnehmung sie glatt im Stich lässt.

Zu lügen heißt nichts anderes, als wahrheitsflexibel zu sein. Und mit der „Wahrheit und nichts als der Wahrheit, so wahr uns Gott helfe“, ist das so eine Sache: Sie mag zwar unumstößlich, aber noch längst nicht unteilbar sein: Oder können Sie genau sagen, wo eine Halbwahrheit aufhört und die Lüge beginnt?

Viele knifflige Fragen, denen sich die kultextur in diesem Monat stellt. Wir haben den schönsten Lügenteppich für Sie ausgerollt. Nehmen Sie Platz, machen Sie es sich gemütlich neben der unbequemen Wahrheit. Schauen Sie hin, ob unsere Nasen wachsen und ob sich in unseren Lügengebäuden die Balken biegen. Schauen Sie genau hin! Bloß nicht blinzeln, sonst ist Wahrheit gleich wieder entkommen in einem roten Fluchtwagen. Oder war er blau?

Wir versprechen Ihnen, dass wir alle Fragen wahrlich beantworten werden, ungelogen. Wir geben Ihnen unser Dichterehrenwort.

Ihre Chefredakteurin im Februar

Julia Nüllen

Diesen Monat in kultextur:

Prosa

[Aus]geklammert (Julia Nüllen)
Die größten Lügen (Lisa Herden)

Bildende Kunst

Oslo I: Liebe Lügen (Elisabeth Schröder)
Oslo II: Kringsjå (Elisabeth Schröder)
Oslo III: Oslofjord, Tauwetter (Elisabeth Schröder)
Book Spine Poetry: Was vom Sommer übrig blieb (Julia Nüllen)