Lieblingsmenschen

Lieblingsmenschen, ein merkwürdiger Ausdruck. Als könnten wir die in Kindertagen mit heiligem Ernst abgefragte Liste von Lieblingsfarbe, Lieblingsessen, Lieblingstier ganz pragmatisch durch besonders geschätzte menschliche Ressourcen ergänzen. Natürlich steckt ein Augenzwinkern darin und ziemlich viel harmlose Putzigkeit – davon zeugt im Übrigen auch der gleichnamige Song des Rappers Dendemann. Doch meine Begriffsskepsis bleibt. Umso lohnender scheint daher die Frage, was dieser Ausdruck eigentlich meinen soll und welche Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen er benennen kann.

Lieblingsmenschen, das könnten Leute sein, die wir noch nicht mal kennen. Gut möglich, dass sie uns bisher zum Beispiel nur im Film begegnet sind. Oder irgendwo, Lieder singend – und zufällig war darunter eines unserer Lieblingslieder. Das könnten Leute sein, die wir schön finden in der Art wie sie sich bewegen, wie sie sich kleiden, wie sie lachen oder Dinge sagen wie „Mein Bockfenster steht heute nur so auf Kipp.“

Es kommt vor, dass Lieblingsmenschen gut massieren können, vielleicht aber auch schlecht loslassen, dass wir sie schon ewig kennen oder erst eine Stunde, dass sie um die Ecke wohnen oder ziemlich weit weg. Das können Freunde oder Verwandte sein, Kumpel oder Geliebte – und sind die Übergänge da nicht ohnehin fließend?

Im Altnordischen gab es zum Beispiel das Wort frændi, das sowohl den Freund als auch den Verwandten bezeichnen konnte. Im heutigen Deutsch wiederum wird uns oft erst aus dem Zusammenhang klar, welche Art von Beziehung gemeint ist, wenn von „meiner Freundin“ oder „meinem Freund“ die Rede ist. Und im Englischen begegnen uns Ausdrücke wie bromance oder friends with benefits, die Beziehungen sowohl zwischen als auch innerhalb der Geschlechter benennen, in denen sich Kumpeltum und Romantik, Platonisches und Erotisches mischen.

Lieblingsmenschen, das können definitiv Leute sein, mit denen wir Sex haben oder gerne hätten. Menschen, die uns ganz pathetisch hoffen lassen, dass das eigene Leben irgendwie ein bisschen großartiger wird, wenn sie ein Teil davon werden. Und Lieblingsmenschen können Menschen sein, deren Lieblingsmensch wir selber gerade leider nicht sind und die Dinge zu uns sagen wie: „Sorry, aber ich empfinde irgendwie nur freundschaftlich für dich. Mehr ist da einfach nicht.“

Und natürlich können Lieblingsmenschen auch Menschen sein, die wir so richtig schön unsympathisch finden: Lieblingsfeinde. Dabei muss ich an meine Oma und ihre Canasta-Schwestern denken, die sich jahrzehntelang einmal wöchentlich unter dem Vorwand des Kartenspiels zum Austausch ausgewählter Boshaftigkeiten trafen. „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr“, heißt es. Und bedeutet das im Umkehrschluss: Brauchen wir eigentlich Feinde?

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Elisabeth Schröder / Chefredakteurin im März

Lyrik

Lieblingsfeind 18 (Anne Wahl)
Sie sind die schönsten Freunde (Elisabeth Schröder)

Prosa

Schicksalskind (Julia Nüllen)
Möglicher Lieblingsmensch (Dinah Schöneich)
Wie Maike den Mann ihrer Träume und ihren zukünftigen Ehemann trifft (aber nicht gleichzeitig) (Anne Wahl)

KultexTour

Eine Postkarte aus Dublin (Lisa Herden)