Nebenfiguren – mittendrin und nur dabei?

Watson: Have you talked to the police?
Sherlock: Four people are dead. There isn’t time to talk to the police.
Watson: So why are you talking to me?
Sherlock: Mrs. Hudson took my skull.
Watson: So I’m basically filling in for your skull.
Sherlock: Relax. You’re doing fine. Well?
Watson: Well what?
Sherlock: Well you could just sit there and watch telly.
Watson: What, you want me to come with you?
Sherlock: I like company when I go out and I think better when I talk aloud. The skull just attracts attention.

Szene aus „A Study in Pink“ der BBC-Serie „Sherlock“

***

Ein Mann, der einen Schädel in der Hand hält, spricht, hektisch fabuliert, argumentiert – aber keiner antwortet ihm. Er hat nur die Überreste des menschlichen Lebens, um seinen inneren Monolog in der äußeren Welt zu befestigen. Klingt nach Hamlet. Hätte aber ebenso Sherlock Holmes treffen können, wäre da nicht Dr. Watson, der Weggefährte und Sidekick des großen Detektivs und das Sprachrohr des Lesers und Zuschauers. Wenn Watson nicht ständig an unserer Stelle nachfragen würde, wäre Sherlock Holmes wohl ein stumm vor sich hinstarrendes Genie, das innerhalb kurzer Zeit den Mörder entlarvt. Natürlich ist die Figur des Sherlock Holmes an sich als ein genialer Denker konzipiert, daran ändert die Anwesenheit eines Gesprächspartners nichts, aber erst im Dialog mit diesem Gegenüber wird sein Genie ruchbar. Dr. Watson ist einer, der Aber- und Abertausenden Nebenfiguren, die in großer und kleiner Funktion, in langen und kurzen Geschichten, Romanen und Stücken zur richtigen Zeit das Richtige sagen oder tun. Sie sind diejenigen, auf die sich zwar nicht jede Hauptfigur verlassen kann, aber immer der Leser und der Zuschauer. Sie können kommen und gehen, während die Hauptfigur mit uns durch die Handlung schreiten muss. Sie lotsen als Stichwortgeber, Hürdensetzer oder treue Freunde den Helden der Geschichte durch den Plot.

In Literatur und Film spannt sich eine ganze Skala an Seitencharaktere auf. Von der Nebenhauptfigur, die hinsichtlich Komplexität, Biografie und Bedeutung für die Handlung kaum von der zentralen Hauptfigur zu unterscheiden ist, über die „Frau, die auf der anderen Straßenseite ihren Yorkshireterrier“ spazieren führt, bis hin zu der schieren Masse an Statisterie, wenn unser Held „in einer Menschenmenge untertaucht“. Die Vielfältigkeit der Schattierungen und Abstufungen einer Nebenfigur ist endlos. Im engeren Kreis um die Hauptfigur fungieren sie als ein Spiegelkabinett, denn oft sind die Protagonisten erst durch ein Gegenüber definiert. Der Superheld kann in seiner edlen Stärke glänzen, wenn er dem Superschurken entgegentreten muss. Die Ernsthaftigkeit eines tragischen Helden kann erst deutlich werden, wenn es den komischen Vogel neben ihm gibt. Und oft wird der Held einer Geschichte durch die ergänzenden Eigenschaften seiner Mitstreiter erfolgreich.

Frei nach Sherlock Holmes schlussfolgern wir: Wäre Harry Potter ohne Ron Weasley und Hermine Granger jemals durch alle sechs Bücher gekommen? Niemals. Oder Frodo ohne Samweis Gamdschie zum Schicksalsberg? Wohl kaum. Und wie unbevölkert wären die Buddenbrocks, Krieg und Frieden und jeglicher Jane-Austen-Roman? Eine wahre Handlungswüste. An welchen sozialen Verwicklungen sollten Elisabeth Bennett und Fitzwilliam Darcy sich abarbeiten? Hätten sie sich doch sowieso nie getroffen ohne Mr. Bingleys Umzug nach Netherfield. Und welche Ödnis müsste Anna Karenina erdulden? Unvorstellbar.

Eine Binsenweisheit, die wohl jeder Schauspieler mindestens einmal in Promotion-Interviews als Lobgesang auf seine „extremely talented colleagues“ gesagt haben wird: „Ein Schauspieler ist immer nur so gut wie sein Gegenüber.“ Also, danken wir den Nebenfiguren, dass sie unsere Helden zwischen den Buchdeckeln vorantreiben, sie vor der Einsam- und Tatenlosigkeit, nicht zuletzt vor der Alleinherrschaft des inneren Monologs bewahren.

Deshalb schwenkt kultextur diesen Monat die Scheinwerfer ein paar Zentimeter neben die Helden. Wir folgen ihnen auf dem unbetretenen Faden der Nebenhandlung, schauen ihnen über die Schulter und entdecken ungelesene Identitäten. So findet sich in manchem Epos oder Kinoblockbuster die wirklich spannende Geschichte abseits der Rahmenhandlung. Auf den zweiten Blick verdrehen sich die Handlungsstränge und ganz am Ende stellt sich noch die Frage, ob wir in unserem eigenen Leben die Hauptfiguren sind?

Schauen Sie also neben sich.

Ihre Chefredakteurin im Februar

Julia Nüllen

Prosa

NebenFigur (Zoë Porombka)
Hinter der nächsten Ecke (Julia Nüllen)
Dublin, neulich (Lisa Herden)
Jennie (Dinah Schöneich)

Comic

I’m no hero underneath (Anne Wahl)