Romantik reloaded – Über die Lust an der Sehnsucht und den Grusel des Idylls


Es gibt da diesen Anfang von einem David Lynch-Film (nicht irgendeinem Lynch-Film, es ist Blue Velvet!): tiefrote Blumen vor einem schneeweißen Gartenzaun, dahinter ein kitschblauer Himmel. In einer späteren Einstellung wandert die Kamera langsam unter die akkurat geschorene Rasendecke und wir sehen, wie es im dunklen Erdreich vor widerlich scharrenden und mahlenden Käfern nur so wimmelt…

Warum fällt mir diese Szene ein, wenn ich ein Editorial zum Thema Romantik schreibe? Lynchs blauer Samt, die romantische „blaue Blume“ – gibt es da irgendwelche geheimnisvollen Zusammenhänge?

Auf den ersten Blick wohl nicht. Doch scheint es, als würden bestimmte – sowohl literarische als auch visuelle – Motive, die in der Romantik als Epoche der Literatur- und Kunstgeschichte aufkamen, bis heute zum festen Inventar abendländischer Kulturproduktion gehören.

Insbesondere die romantischen Ausprägungen des Unheimlichen sind zu stetig wiederkehrenden Topoi spannungsgeladenen Erzählens geworden, die sich in fast jedem Psychothriller und Horrorschocker finden lassen: die unschuldig-heitere Fassade, hinter der sich das Düstere und Grauenvolle verbirgt (siehe Lynch), Metamorphosen und Maskeraden, Doppelgänger und Mensch-Maschinen, versteckte Tapetentüren und geheimnisvolle Spiegel, wahnsinnige Besessenheit und das Fragwürdig-Werden von naiver (Natur)Idylle.

Doch die Romantik ist nicht nur das Unheimliche. Sie ist auch – diese Schlagworte lernt man im Germanistikstudium – progressive Universalpoesie, das Interesse am Volksläufigen, romantische Ironie, Fragment. Die Romantik, das sind Hoffmann, Tieck, Brentano, Novalis, Eichendorff. Das ist in der Kunst – schon reichlich überstrapaziert, aber es muss doch genannt werden – Caspar David Friedrichs Der Wanderer über dem Nebelmeer oder die Landschaftsmalerei William Turners mit ihren sich fast schon ins Abstrakte auflösenden Farb-Orkanen.

Und die Romantik ist auch – und hier nähern wir uns ein klein wenig der heutigen alltagssprachlichen Bedeutung dieses Begriffs, die greift, wenn wir vom romantischen Dinner bei Kerzenschein und von romantischer Liebe sprechen: Sehnsucht. Sehnsucht nach oder aus Liebe, natürlich. Aber auch Sehnsucht nach Erkenntnis, nach Transzendenz. Sehnsucht, dieses irgendwie altmodische Gefühl, das sich trotzdem immer wieder in uns erneuert und dessen prominentes romantisches Symbol die besagte „blaue Blume“ aus Novalis’ Romanfragment Heinrich von Ofterdingen ist.

Mit all diesen – und noch viel mehr – Namen und Schlagworten und Bildfetzen im Kopf macht sich die kultextur im düster-nebligen November daran, das kulturelle Erbe der Romantik mit eigenen Texten und Bildern einem ganz persönlichen Reload zu unterziehen.

In diesem Sinne grüßt von der Nachtseite der Vernunft

Elisabeth Schröder / Chefredakteurin im November

Öffentliches

Neue Wände – Studentische Kultur im Theater Münster, 6.-8. Dezember 2013

Bildende Kunst

et in arcadia ego (Elisabeth Schröder)

Prosa

Lichtverschmutzung (Lisa Herden)

Song und Lyrik

Gastbeitrag: Kaum Jemand – Tausend Wände (Michael Holz / Kaum Jemand)
wäre nicht der herbst (Dinah Schöneich)