Worte – man sollte immer eins dabei haben…

Was, wenn die Worte mal fehlen?
Wenn sich der Mund öffnet und nichts herauskommt?
Diese Worte, diese Wörter!
Im Grunde sind es ja gar nicht die Wörter, die fehlen. Es sind nicht diese Konstrukte aus Buchstaben, die sich am liebsten in Lexika häufen! Es sind Worte, die fehlen, die wegbleiben. Denn Worte sind nicht einfach nur Wörter: „Wörter bestehen aus Buchstaben, Worte bestehen aus Gedanken.“ So fasst der Spiegel-Kolumnist Bastian Sick das Verhältnis zwischen den beiden Verwandten. Der romantische Maler Philipp Otto Runge geht sogar noch einen Schritt weiter. Er schreibt 1803 an seine Verlobte Pauline Bassenge: „Das Wort ist nur der Körper unserer inneren Empfindungen.” Und macht es das nicht gerade so schwierig, ganze Emotionswelten und weitläufige Gedankenreiche in die kleine Dimension von Schriftzeichen zu sperren? Nicht selten klagen gerade die, die am meisten mit Worten umgehen über das Fehlen eben dieser. Und das – wie kann es anders sein – sehr wortreich. Zuvorderst der fiktive Lord Philipp Chandos, das 26-jährige Dichtergenie aus Hugo von Hofmannsthals Prosa-Werk „Ein Brief“. Darin durchlebt der arme Lord eine tiefe Schaffenskrise. Er kann nach seinem hochgelobten Erstlingswerk nicht mehr schreiben, ihm fehlen schlicht die Worte. Welche Worte er auch immer versucht hervorzubringen, sie alle „zerfallen ihm im Munde wie modrige Pilze“. Während Chandos immer wortloser wird, und nicht mehr in der Lage ist die Welt verbal zu fassen, werden seine Gefühle gleichzeitig immer stärker. Doch wohin mit diesen Gefühlen, wenn er keine Worte findet, sie zu beschreiben?

Auch die kultextur-Autoren haben schon den einen oder anderen Kampf mit dem Sinn, der Bedeutung und den dazu passenden Wörtern ausgefochten. Manchmal bleibt es nur eine leise Ahnung, wie der maßgeschneiderte Ausdruck sein könnte, manchmal tauchen die Wörter einfach auf, unbekannt und doch direkt sympathisch und wieder ein anderes Mal passen sie so gut auf Zunge und Feder, dass es eine Freude ist, sie zu sagen, zu hören, gar zu denken. Das eine oder andere ist ein fester Begleiter, ein guter Freund, eine Trostdecke geworden. Diese Worte erklären die schlechten Tage, machen sie vielleicht erträglicher. Denn jeder Wortfreund weiß: Es sollte nicht einfach irgendein Wort sein. Darf es sogar nicht sein – das meint zumindest Mark Twain, denn „der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und dem Glühwürmchen.” Ob gesprochen, geschrieben oder gedacht: Es gibt diese Worte, die magisch sind. Nicht umsonst, heißt es Zauberworte.

In diesem Monat wimmeln auf kulextur.de die Lieblingsworte, die seltenen, die vergessenen und wiedergefundenen. Die Worte, die es noch nicht gibt und die, die zu schön sind, um wahr zu sein. kultextur sagt diesen Monat danke zu dem schöpferischen Material aus dem die Texte sind.

Ihre Chefredakteurin im Oktober

Julia Nüllen

Grenzübergreifend

ohne titel (2) (Elisabeth Schröder)

Lyrik

Zeitgeister (Dinah Schöneich)
Vorsprachliche Gedanken (Anne Wahl)

Prosa

Undank (Lisa Herden)
Es fehlt ein Wort für… (Julia Nüllen)