Jubiläum – zusammen_geschrieben

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Ich wurde schon gefragt, ob es nicht Wahnsinn ist, dass wir uns freiwillig ein mehrstündiges Perspektiventreffen antun (so mit Tagesordnung und Abstimmungen). Bei der letzten Redaktionssitzung (ja, genau, so mit Protokoll, aber auch mit Melone und Kuchen) habe ich das erzählt, und wir haben herzlich gelacht… Das war bei TOP 6: Zweijähriges Jubiläum der kultextur im Mai. Wäre es denn möglich, zusammen zu schreiben, ohne bis in die Abendstunden zu planen, zu fabulieren, zu ent- und verwerfen?

Vom zusammen Schreiben…

Wir treffen uns gerne, weil wir nicht nur ein loser Zusammenschluss Schreibender sind. Die kultextur ist ein feines Netz aus basisdemokratisch veranlagten, unterschiedlichen Figuren. Jede von uns hat im Verlauf der Geschichte ihren eigenen Charakter weiterentwickelt, und ihre Fäden haben sich über die Monate und Motive, die uns begegnet sind, metaphorisch, symbolisch und doch irgendwie immer ganz real miteinander verwoben. Das hat auch ein (mittlerweile sehr gewachsenes) buntes Archiv an Themen und Texten entstehen lassen.

Wenn wir uns treffen, imaginieren wir mögliche Handlungsverläufe für eine derart komplexe Struktur. Dabei spielt es eine wichtige Rolle, dass im Text wie im Leben keine von uns ihr wahres Wesen allzu lang vor den anderen geheim halten kann oder will. Denn wir entwerfen unsere Perspektiven nicht nur für unsere Leser_innen, nein, wir lesen uns auch gegenseitig, wir lesen uns sogar gegenseitig unsere Texte, unsere Macken und besten Seiten vor, legen Möglichkeiten offen und nutzen sie auch.

…zum Zusammenschreiben

Wie das Wort schon sehr intuitiv verdeutlicht, bedeutet kultextur auch, zusammenzuschreiben. Text, Kultur, Kult, Literatur, alles ist erlaubt, solange es ge- und verdichtet auftritt, so reimen wir uns einiges zusammen, und schreiben gemeinsam an unserer Zukunft. An der Zukunft von kultextur, die es so nicht gäbe ohne unseren Entwurf: wir haben uns vor zwei Jahren quasi zusammengeschrieben und sind noch dabei – Monat für Monat, Montag für Montag, Donnerstag für Donnerstag.

Wer nicht drinsteckt, liest das vielleicht als Schicksal, als Machwerk der Nornen: eine rasante Achterbahn-Geschichte, in die wir unverschuldet hineingeraten sind. Aber wer genau hinliest, muss doch einsehen, dass es literarische Züge trägt. „Though this be madness, yet there is method in’t“[1] Es ist ein kreatives Chaos. (Unseres.) Live-Experiment: Poetik des gemeinsamen Schreibens.

Was passiert, wenn wir es auf die Spitze treiben mit dieser Poetik? Wenn also unsere Plots, unsere Figuren, unsere Worte verschmelzen? Wie schreibt man Texte -zusammen, wie schreibt man sie in-, an- und umeinander? Schreiben wir dann letztlich auch über einander? Wie viel Kooperation wagen wir? Wir dachten uns: auf den Versuch kommt es an. Im Jubiläumsmonat Mai!

[1] Shakespeare: Hamlet. II. Akt, 2. Szene.

Geschichtenkranz

Ich habe dich schließlich doch vergessen (Anne Wahl)
Es ist ein guter Tag (Elisabeth Schröder)
Du hast gesagt: Mach doch einfach selber mal den Führerschein, oder besorg dir ne Bahncard … dann kannste auch fahren, wohin du willst. – (Lisa Herden)
Über Westfalen komme ich nicht hinaus (Dinah Schöneich)
Was du wohl wiederfinden wirst, wenn du zurückkommst (Zoë Porombka)
Ein guter Tag (kultextur)

Lyrik

(auf dem) weg sein (Dinah Schöneich und Elisabeth Schröder)
Ein brauchbares Alter für tiefgreifende Verzweiflung (Lisa Herden und Zoë Porombka)

Prosa

Überraschenderweise donnerstags (Julia Nüllen und Anne Wahl)