Editorial: Chor – die Tragödie erzählt sich nicht von allein

Im letzten Monat des Jahres schmiegen sich unsere Buchstaben winterlich aneinander und umgarnen eine Figur, die letztlich auch unsere Arbeit in der kultextur spiegelt, denn sie ist vor allem kollektiv. Der Chor als Kollektivfigur kann sich in vielen verschiedenen Formen zeigen. Er ist der Weihnachtschor in der Kirche, der musikalische Chor, ein tanzender Zusammenschluss von sich synchron bewegenden Körpern, der Sprechchor beim politischen Protest oder im Stadion.

Vor all dem war er jedoch der Chor der antiken Tragödie, der im Ausschluss des Einzelnen den Helden und die Figur erst hervorbrachte. Für die Choreuten des antiken Chores war das ganze Unterfangen und die vielen Proben nicht einfach. Ihr tanzender, singender und textlastiger Auftritt in bis zu vier Stücken hintereinander war im antiken Griechenland eine große Herausforderung. Im Endeffekt wohl derart herausfordernd, dass die Choreuten zu ihrem Auftritt verpflichtet werden mussten. Die Beteiligung an den wettkampfartigen Festspielen galt für gebürtige Athener sogar als zu erbringende Bürgerpflicht.

Ganz gleich, wie sich der Sprechchor auf der Theaterbühne auch zeigt – ob bei Brecht als Verfremdungseffekt eingesetzt oder in den nationalsozialistischen Thingspielen zur Demonstration von Macht missbraucht – immer verhandelt der Chor das Verhältnis von Kollektiv und Einzelperson. Damit wird die ambivalente Färbung des Chores klar, die zum einen Massen inszenieren und Individualitäten verschlucken kann, die zum anderen aber gerade in jener Gegenüberstellung auch auf Individualitäten und Individuen aufmerksam machen und sie hervorhebt.

So viele Facetten wie der Chor als Kollektivfigur hier mit sich bringt, so viele Texte wird unser schreibendes Kollektiv in diesem Monat entstehen lassen.

Viel Vergnügen beim Lesen und einen wunderschön-winterlichen Dezember wünscht
Ihre Chefredakteurin

Zoë Porombka

p.s.: Das Editorialbild zeigt den Männer-Bürgerchor der vergangenen “Hamlet”-Inszenierung am Theater Münster. Mehr Informationen finden Sie unter: http://www.theater-muenster.com


Prosa

Gespräch (Anne Wahl)
Verschwunden (Lisa Herden)
Gastbeitrag: Schnaps und Strategie, das Tagebuch einer Chorsängerin (Annalisa Hartmann) – Neu