Ein Liebeslied

Ich könnte jeden leeren Raum nehmen und ihn eine Bühne nennen,
ein Mann geht hindurch,
während ihm ein anderer zusieht. Aber das trifft es nicht.
Ich könnte Wünsche tapezieren, ein WENN installieren,
mittig, etwas sperrig, ich könnte
Blicke anbringen und Lichter, ich könnte
Spannungen verlegen, sie durch alle Wände ziehen und
atemlose Schwärze
in den Boden pressen. Aber das trifft es nicht.

Ich müsste dich hineinstellen und dich ansehen.
Den Wind in deinen Haaren, wie du über Blicke läufst,
ein Zirpen in der Magengegend, schweißnass deine Haut
und wie du riechst in diesem Licht –
wie du so lachst mit allen Gliedern.
Dem beinah Durchsichtigen die Hand aufhalten,
behutsam,
es Atmosphäre nennen.
Ein Räuspern tauschen und ein Lächeln von dir
zu mir und mir zu dir und dir zu mir und
immer so weiter.
Es dann wir nennen, auch dich
WIR nennen, und bitte sag mir nicht,
du bist nicht wichtig. Sag das nicht, denn
ohne dich ist es ja bloß

ein leerer Raum, den ich Bühne nennen könnte. Ein Mann geht hindurch,
während ihm ein anderer zusieht.
Aber das trifft es nicht.

 

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Das Gedicht beinhaltet ein frei verwendetes Zitat aus Peter Brooks ‚Der leere Raum‘:

„Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist. Allerdings, wenn wir von Theater sprechen, meinen wir etwas anderes.“

(aus: Peter Brook: Der leere Raum. Möglichkeiten des heutigen Theaters. Hamburg: Hoffmann u. Campe 1970. S.27)