Es knackt

„Knack“ macht es leise, wenn sich die Nadel auf die Platte senkt: Wir hören den nächsten Track auf dem Greatest Hits-Album der kultextur. Und – Zufall oder nicht – dieser Track entstammt ausgerechnet unserem Monatsthema “Musik – Tanzt auf unsere Texte!” im März 2013.

Julia Nüllens kurzes Prosastück “Knack” hat mich damals in besonderer Weise beeindruckt. Gelingt es diesem Text doch, die rauschhafte Intensität eines Konzerterlebnisses so zu beschreiben, dass wir sie selbst fast körperlich spüren können. Wir sind ganz nah dran an der namenlosen Hauptfigur, fühlen mit ihr den Beat in den Eingeweiden und den Bass in der Herzgegend, schwanken wie sie zwischen Überforderung, Überwältigung und Begeisterung, spüren ihre Traurigkeit und Anspannung, deren Ursprung wir nicht kennen – und ebenso die große Erleichterung, das Loslassen, wenn mit einem lakonischen „Knack“ die innere Spannung der Protagonistin endlich aufbricht.

„Sie weiß nicht, was sie tut, aber es funktioniert“, so heißt es im Text. Für Julia Nüllen jedenfalls gilt diese Feststellung nicht. Sie weiß genau, was sie tut, wenn sie ihren Text über die lebensverändernde Wirkung von Musik mit einem Absatz beginnen lässt, der mit Rhythmus und Reim beinahe an einen Rap erinnert, um uns dann mit einer druckvollen Kickdrum mitten ins Konzertgeschehen zu stoßen. Das verdient die große Bühne! – Elisabeth Schröder

 

KNACK

Ankommen. In der Schlange stehen. Warten. Überlegen, weg zu gehen. Schon zu spät. Sie zieht sie rein. Beklemmung, drinnen zu sein. Drängeln. Nach vorne schieben. In der ersten Reihe stehen. Böse Blicke. Nachhause gehen? „Alles cool. Bleib jetzt hier. Wird Spitze, glaub es mir.“ Gemurmel im Raum, enge im Bauch. Nicht sicher, ob sie das braucht. Draußen ist die Welt. Hier geht das Licht aus:

Die Kickdrum stößt in ihre Eingeweide und bringt dort alles zum Vibrieren. Der Bass sticht ihr ins Herz und gemeinsam übernehmen beide ihren Körper. Es ist gewaltsam. Es ist eine Geiselnahme. Sie fühlt ihr Herz kaum noch schlagen, da ist nur noch die Bassline. Er betritt die Bühne und singt den ersten Ton. Alle reißen die Hände hoch und sie auch. Sie sieht nur noch Arme und ihn auf der Bühne. Ihr Körper verarbeitet langsam den Schockangriff und sie beginnt, sich zu bewegen, so wie das Mädchen vor und wie ihre Freundin neben ihr. Sie ist ein Teil des Schwarms, wie die Fische im Meer und die Zugvögel am Himmel. Sie weiß nicht, was sie tut, aber es funktioniert.

Von überall kommt Musik. Von oben, von allen Seiten, sogar der Boden schickt Rhythmuswellen durch ihre Beine. Musik kommt aus dem Nirgendwo. Fremde Musik und auf ihr surft eine Stimme. Diese Stimme kriecht in ihren Gehörgang hinauf in ihr Hirn, wo sie gegen Synapsen tritt, die schon lange im Winterschlaf liegen. Diese Stimme singt von einem Leben, das sie an ihres erinnert.

Die Diskokugel wirft Sterne auf die Haut und Blitze in die Augen. Und alles wird aufgefangen von ihm. Wie Solarenergie treibt es ihn an und er dreht sich auf der Bühne wie ein Derwisch, als wüsste er nicht, dass alle ihn sehen. Er singt als gäbe es nur sie. Dann bleibt er stehen, vorne am Bühnenrand und schaut ihr direkt durch die Augen auf den modrigen Grund. Ein einziges Spotlight ist jetzt auf ihn gerichtet und es macht ihn überlebensgroß. Traurigkeit wird Gramesschmerz, Begeisterung zu Euphorie, sein Winken eine Geste an Millionen. Seine Augen in ihren Augen. Sie saugt alles auf und füllt ihre leeren Gefühlstanks mit den Emotionen eines anderen. Sie sieht ihr Leben in Szenen, zu denen er den Soundtrack liefert: Ihre Schwester, die nur existiert um ihr zu zeigen, dass sie der erste fehlerhafte Versuch war. Ihre Oma, von der sie sich nicht verabschieden konnte, weil sie nicht wusste, dass es das letzte Mal sein würde. Dieses letzte Mal, an das sie sich nicht mehr erinnern kann. Er, der nicht um sie gekämpft hat, als sie ihn mit stummen Blicken darum anflehte. Ihr eigenes Spiegelbild, das ihr mit jedem Morgen fremder wird.

Der Beat hämmert von innen gegen ihre Rippen und den hochgewachsenen Frust, die Klavierakkorde rutschen über die heruntergeschluckten Tränen im Hals. Dann greift er in die Saiten seiner Gitarre und lässt ihren Herzstrang flitschten. Die Wucht reißt sie weg von ihrem Leben. Was war es gleich noch? Wo lag das Problem? Und was war noch gleich die Zeit?

***

Das Licht geht aus. Ein Menschensturm tost in ihren Ohren. Wie von einem Gummiband gezogen, rast sie in sich zurück. Wird zurückgeschleudert in sich selbst. Es will nicht mehr passen. Es macht knack in ihr. Sie hört es nicht. Sie hört ja auch nicht ihre eigene Stimme, sie spürt sie nur kratzen im Kehlkopf und vibrieren im Hals. Es macht knack. Wie ein Ei, das an einer Schüssel aufgeschlagen wird – Knack. Sie spürt es nicht, denn die Bassdrum pocht. Knack – und Risse ziehen sich durch Verzweiflung, durch Verdrängung, durch Panik, durch Verkrustung. Ihr Inneres bröckelt. Sie spürt es nicht. Knack.

Plötzlich ein Lichterrauschen und ein Instrumentenorkan. Das große Finale rollt wie eine Walze über sie alle hinweg. Er trägt sein Herz auf der Zunge und schreit es an die hinterste Wand. Die letzte Note, heiser von seinen Lungen herausgepresst, schwirrt wie ein angeschlagenes Glühwürmchen mit letzter Kraft in die Dunkelheit. Aus. Dann geht das Licht an. Alles ist wieder irdisch und sie steht da. Zwischen ihnen Galaxien. Und plötzlich fühlt sie sich einsam. Knack.

„War das nicht klasse! Das war voll krass, als die so…“ und Worte von ihrer Freundin und wedelnde Arme und weitere Worte. Ihr Rücken schmerzt und ihr Trommelfell tanzt noch zu einem längst verklungenen Rhythmus. „Der Moment, wo sie dann…“ und Worte und Lachen und – knack.

Er hat sie angesehen. Das weiß sie genau. Er hat sie angesehen, ihr genau in ihre Augen geschaut. In der Glastür sieht sie sich selbst. Nein. Das stimmt nicht. Er hat nicht sie gesehen. Er hat Augen und Hände und Teile eines Ganzen gesehen. Ein Gesicht von hunderten, das strahlt als wäre es das einzige in der Halle. Und dennoch. Knack.

Draußen in der Kälte hat sie auf ihrem Handydisplay nur ein Bild von einer Gestalt aus hellem Licht umgeben von blauen Strahlen, die ein Mikro festhält. „Wahnsinn! Schlaf gut! Schick mir die Bilder“, sagt ihre Freundin und hüpft die Straße hinunter. „Ja, mach ich“, ruft sie ihr hinterher und geht nach Hause, das Handy in beiden Händen wie einen kranken Vogel. Der Wind fährt ihr durch die schwitzigen Haare. Sie summt, ohne es zu merken seinen letzten Song. Knack. Sie weiß es nicht. Noch nicht. Knack. Bald ist es Frühling.

 

“Knack” ist ein Repost vom 28. März 2013, den Julia Nüllen zum damaligen Monatsthema “Musik – Tanzt auf unsere Texte!” verfasst hat.