Gastbeitrag: Julius Noack – Der Endlose Regen auf die Pfütze des Bewusstseins

Erneut November in der Stirn wie ein Spaten in gefrorner Erde; jedes Jahr derselbe Frost, der Furchen zieht, dieselben Fragen, deren Schnitte sich als Falten tarnen und dies unterkühlte Denken – wie ein klammer enger Keller voll verschimmelnder Kartoffeln. Und es tropft und rinnt unter den Dächern, seien sie aus Nacht oder Beton: der Herbst wirkt ein und alles welkt und keiner schreit hurra. Irgendwann war irgendwas erhaben. Aber diese Zeiten sind vorbei. Jetzt schweigt man nur betreten. Und liegt so da, wie ein Schlagloch im Asphalt. Und mühevoll erhebt man sich und Wolken wälzen sich bis knapp vor Pfützen und sinken auf durchnässte Füße: Lecks in Schuhen, Socken, sogenannten Siebensachen, um die Sorgen kreiseln und spiralisieren; dieser Magnetismus alles sogenannten Eigentums und die von Anziehung gestörten Nadeln, ausgerichtet ohne Aussicht starr auf diese eine Richtung der Verheißung eines Immermehrs. Diese Flucht ins Augenzu, diese Fliehkraft vor dem Abgrund, der uns zieht, und diese Regelmäßigkeit an Fensterscheiben: Tausend Tropfen und Vereinzelte, gar einer, der alleine fließt und stockt und steht und ganz erstarrt – bis ein kleiner Strom ihn schließlich fasst und reißt und in Richtung aller andren zieht und zerrt, zerstreut, bis jener fort – und nicht mehr zu erkennen ist. Diese Tropfenmasse und das stete Strömen, das die Köpfe tropfend höhlt und widerhallt, dieses Nieseln, das die Straßenzüge bleicht, und graut, wohin die Schritte oder Wünsche fallen, bis alles nur banal und nur Bewegung ist: Langeweile klafft der Grund entgegen, Kurzerwille geht spazieren, senkt den Blick in überfüllte Gullys und die Strömung zieht das lose Hoffen mit hinab – und verschluckt es gurgelnd mit den farblos angestarrten Blättern. Schmal ist dieser Augenwinkel und lästig diese Dauer, die da tropft und tropft. Als sei die Zeit ein stummer Greis, der gähnt. Als hinke nur ein allgemeines Altern ohne Stützstock durch die Kopfsteinpflasterstraßen, ein Warten ohne Schleife, schlaff und schmutzig, und der Tod: der schläft in allen Dingen.

Erneut November in Gedanken wie der Wurm im faden Apfel, wie die Schlange in dem Paradies, das niemals war. Abgelaufen ist die Haltbarkeit der faulen Zauber, auch die Unschuld schimmelt schon und krampft im Fieber, angesteckt mit Nichtigkeit. Mit kaltem Schweiß und Zähneklappern in den sonst so sichren Selbstverständlichkeiten. Außer Übung in den sonst so festen Schritten, in dem einst so stolzaufrechten Gang. Wie ging es noch, wie war das gleich, gesund zu sein? Wie konnte man es denn vergessen? Es war doch gar nicht lange her, da war man in Zusammenhang, und war bezogen. War kein loses Ende. War verbunden mit dem Grund und konnte an ihn reichen, alles reichte und das Glück berechtigte zu allem Anfang. Nun ist man in allem ohne. Und ohne Lebensappetit: Die Zunge klemmt, Gedanken quetschen und ein Stocken steckt im ohnehin so engen Hals. Man verspürt auch kein Verlangen mehr nach mundgerechten Illusionen oder Fütterung, und kaut doch lieber auf der Leere und zehrt von diesem Nichts, bis es auf den Magen schlägt. Wie absurd, so ohne Maß zu sein – und nicht zu wissen: Wie? Wozu? Was soll‘s: Der große Abfall aller Absicht, der zum Himmel stinkt; der Mensch als ausrangierte Witzfigur, die verdrossen auf die Bühne blickt und halb Bedauern, halb Bereuen ist, ohne einen deus ex machina noch zu missen. Was für ein Blick, der überall Verwittrung sieht, und Dreck und die Romantik alter Halden, jene Drohung des Novembers: Auch deine Stricke reißen. Also abgedankt mit Endzeitgeste! Jetzt nur noch Ruinen! Sich verwickeln und nach Fäden fassen und so tun, als wäre man frei und würde nicht hampeln, baumeln oder sich wie einen klammen Mantel an den nächsten Haken hängen wollen.

Menschen hüllen sich in schweren Mut und schleppen jenes “Hätte ich!”, das wie Schatten an den Schläfen klebt. Und mit hinunterzieht: Wie nah der Boden ist, wie tief der Himmel, eng ist selbst der Horizont – vor dem ein graugetrübtes Denken Makel zählt und auf die Erde wirft: die Wut des Regens gegen ein Bewusstsein nur aus Schmutz und Pfützen. Man mag den Augen gar nicht trauen! Aber welchem Sinn? Der Regen trommelt nur das Lied vom Rost. Und selbst die Blicke tasten, doch: der Nächste ist nicht nah genug und alles Ferne nie Erwiderung. Im Gegenteil: Gebäude lassen Kanten spüren, also tun die Hände so als ob, aber dieser leichte Kitzel ersten Sommerlichts, der liegt vergessen unter alten Kleidern knochiger Bäume. Wie so vieles andere: Soviel in der Erinnerung, das viel zu wenig scheint. So unvollendet, unversucht, vergeblich. Unvermeidlich vorbei. Sommer wie Wimpernschläge. Alles wird, bloß der Mensch bleibt still und starr und denkt sich unveränderbar, und sitzt und steht und stiert: Das Dasein einer Vogelscheuche auf den brachen Feldern. Man musste ja, man hatte keine Wahl. Man sollte. Dieser Stress und Raserei. Der Anspruch “Ich”, das Jetzt, der Blick zurück, nach vorn, der Mensch ist drei. Und selten eins. Das Wir, wir zwei, das Einigsein. Und innig, eins, und wie entzweit im allernächsten Augenblick, in Sprachverirrung und Sprachlosigkeit, im Denken, das entkernt, und vor jeder Kreuzung zweifelt: Schilder, denen man nicht trauen kann und folgen will, und auch nicht weiß: in welche Richtung?, außer: weg. Soweit wie möglich weg – und noch ein Stückchen, ganz egal, wohin, egal, wie lang, lange währts ja nie und ist ja doch vergeblich: Diese Welt, das ist ihr Fluch, ist überall – und jeder nimmt sie mit sich mit, ein Atlas unentwegter Wanderung. Was die Menschen auf den Schultern, in den Köpfen tragen! Und schweigend nickt man manchem zu, als sei man einverstanden, dabei fehlen nur die Kräfte – und die Worte. Wie so vieles fehlt und sich entzieht und nur durch eine Lücke wirkt. Wie durchlöchert, leergekauft ist diese Welt: Es rieselt Zeit, es heult der Wind – und durch alle Gassen streunt Vergeblichkeit: Die Menschen stehn wie hingestellt, haltlos mit dem Hang zum Fall. Hüllen sich in Ablenkung, in Wärme, die nicht hält und flieht. Wie Herbst entstellt und seine Schwerkraft zieht! Ewiger November, wenn das Wachen Warten ist, und die Stirn in nassen Schuhen steckt: Selbst Gedanken rosten und der Regen fällt wie Trümmer. Wenn nur alles anders wäre!

Doch wenn alles anders wäre, würds nichts ändern. Schon stirbt erneut ein Jahr und dennoch bleibt November. Dabei fällt schon irgendwo der Schnee, vermutlich ist es längst Dezember. Aber nicht in jedem Menschen, nicht auf allen Uhren. Manche stehen still und manche will man heut nicht lesen. Dieses Heute ist längst abgelaufen. Ohnehin ist Uhren nicht zu trauen. Zeit bemisst sich nicht in Zahlen. Es ist ein Denken in Verlusten und all dem, was einer nicht verliert, obgleich ja alles irgendwann verloren ist. Ein Tropfen in dem Strom. Aus seiner Quelle durch die Zeit ins Nichts. Verflossen und verschwunden irgendwo im Wolkenfall. Aufgelöst in diesem Meer aus Nacht und kaltem Licht und Regen … wieder wogt der Regen und darüber – - -: schweigt das All. So unerschöpflich allein in allernächster Nähe. Wie alles fällt und fließt und schließlich Pfütze, Schmutz und gar nichts wird. Wie alles strauchelt, stürzt und stirbt.

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Über Julius Noack:

Julius Noack wurde geboren, “lebt” und wohnt nicht in Berlin. Banalem Biografismus sollte kein Wort mehr als nötig.