Gastbeitrag: Elio Minutillo – Der Glaskugelbaum

Der Baum erinnerte sich. Wenn der Wind durch seine mächtige Krone strich, erhob sich ein rauschendes Blattkonzert, das für eine Weile alle anderen Geräusche in diesem abgelegenen Teil des  alten Waldes überschallte. Seine viele tausende Blätter tanzten dann an ihren Ästen, Zweigen und Zweiglein wie Heerscharen grüner Ballerinen, die sich nach dem Licht streckten.

Baumwerk

Unangefochten von all den anderen Eichen, Buchen, Eschen und Eiben thronte er auf einer Anhöhe und tauchte den Boden des Waldes in hier und dort gesprenkeltes Zwielicht. Dann und wann versuchte ein Jungsproß aus einer fallengelassenen Ecker unter diesem Laubdach eigene zarte Triebe in den Boden zu bekommen, doch der war durchzogen von den eisenharten Wurzeln des Baumkönigs. Schon kurz unter den ersten Zentimetern Krume war kein Platz mehr für selbst die Genügsamsten dieser Schößlinge. In den ewig dämmrigen Schatten am Fuß des Waldhünen hielt sich hauptsächlich ein wenig wildes Gras und viel smaragdgrünes Moos, das den Ermüdeten weiche Rast bot.

Die starken Äste des Baums, so groß wie die Stämme anderer Waldgenossen, trugen stets das kräftigste Laub und unzählige Nester für die gefiederten Bewohner des Waldes. Ungezählt waren auch die Sommer, in denen sein gewaltiger Stamm Ring für Ring hinzugewonnen hatte. Einige davon waren eher dünn ausgefallen, wenn die Sonne zu sehr gebrannt hatte. Aber immer fanden seine granitdurchdringenden Wurzeln noch etwas Wasser, wenn den anderen Bäumen schon das Laub vor Hitze welkte. Hin und wieder wälzten sich Sommerfeuer durch das Unterholz, das seinen Nachbarn schwer zusetzte. Für den Baumkönig waren ihre Überreste im nächsten Frühjahr dann nur willkommene Nahrung für sein hungrig wachsendes Holz. Und das war fest und dicht und gesund.

Gelegentlich bohrte ein hartnäckiger Specht eine Höhle durch seine feste Borke. Wenn dann aber eine Eichhornfamilie in die Spechtwohnung ziehen wollte, gab es immer gleich Streit um den begehrten Platz im Schutz des Baumkönigs. Doch den Baum kümmerte nicht, wer letztlich dort wohnte. Manchmal ließ er die Höhle auch wieder zuwachsen, ganz aus der Laune heraus. Nur die Dachsfamilie, die in seinen jüngsten Jahren ihre Behausung zwischen seine ersten Wurzeln gegraben und seither all ihre Kinder und Kindeskinder und Enkel dort geboren hatte, bedachte er gelegentlich wohlwollend. Die Dachse gehörten unveränderbar zu seinem Wurzelwerk. Sie waren da, und er war es zufrieden.

Auch den kleinsten Bewohnern war er eine Heimat. Mehrere Ameisenvölker hegten ihre Blattlausherden auf seinen Blättern, führten gegeneinander Schlachten an seinen Ästen entlang und begriffen gar nicht, dass all ihr umkämpftes Reich eigentlich nur der Baum war, der in dem schier endlosen Wechsel der Jahreszeiten wuchs und war.

Der Baum erinnerte sich. An den großen Schrecken. Als endlich wieder ein Frühling den eiskalten Griff des Winters löste und die Säfte durch Stamm, Äste und Zweige zu strömen begannen, stimmte etwas nicht. Einige kurze Lichtwechsel dauerte es noch, bis sich die kleinen grünen Laubtänzerinnen wieder in den Wind und die Sonne erheben würden. Ein wenig noch, bis das Pfeifen und Heulen des Windes in das Rauschen der Blättermeere münden würde.

Doch an den obersten Zacken seiner Krone, wo junge Sprosse seine zartesten Windtänzer getragen hatten, konnte der Baum die winzigen Blattkokons nicht finden, die er vor der letzten Kaltzeit dort abgelegt hatte. Er spürte ihnen nach, fand aber nur seltsam taube Reiser an diesen entferntesten Enden seiner starken Arme. Sie wollten nicht aufwachen. Seine Säfte machten halt vor dem Weichholz und versorgten die Knospen dort oben nicht mit dem lebenswichtigen Nektar. Sie waren verdurstet. Die Erkenntnis traf den Baum unvorbereitet und plötzlich: morsch!

Er wusste, was das bedeutete. In jungen Jahren, als ein anderer Baumkönig in diesem ältesten Teil des Waldes herrschte und er selbst erst ins erste Holz kam, erlebte er, wie morsch werdende Äste den Untergang der Uralten ankündigten. Später, als es auch den früheren Baumkönig nicht mehr gab und eine ganze Gruppe grüner Sprösslinge um seine Nachfolge wetteiferte, diente das faulende Holz der Gefallenen als jene Kraftquelle, die dem Baum schließlich zum Sieg verhelfen sollte.

Denn er wuchs am prächtigsten und stärksten, seine Rivalen von einst waren geschlagen. Und während der neue Baumkönig gedieh, folgten sie schließlich den Uralten. Auch bei ihnen morschten zuerst die Spitzen, dann die Äste und schließlich kamen noch Pilze hinzu und begannen, ihren Stamm emporzuklettern, bis auch sie nur mehr Dünger für den Nachwald waren.

Wie immer stärker werdende Wellen durchbrandete es in jener Zeit die Hügel und Baumtäler des alten Forsts. Nur war es nicht der Wind, der die Blätter zum Rauschen brachte. Erst jetzt, als ihm die Spitzen taub wurden, begriff der Baum: was die Jungen damals für den ersten Frühjahrssturm hielten und was er später als König überhört hatte, war der Ruf seiner Ahnen! Die Sterbenden sehnten sich mit allem, was sie waren, dass es noch nicht vorbei sein möge, dass die Pilze verschwänden und sie selbst bleiben dürften. Das Rauschen hallte aus den erzitternden Baumkronen der siechen Baumgenossen heraus, Laubschreie zwischen den Stämmen der Gesunden, der Wunsch nach Leben.

Niemand erhörte diesen Wunsch, das Sehnen der Alten und Ältesten blieb unbeantwortet. Ihre Rufe vergingen, wie auch ihre ehemals stolzen, blattbewehrten Stämme und Äste vergingen.

Ein fürchterlicher Gedanke schlich sich durch die Borke des Baumkönigs: hatte er mit der Kraft der Anderen auch ihre Schwäche aufgesogen? Morschten seine Spitzen, weil ihre Äste vermorscht waren? Er konnte diesen Gedanken nicht abschütteln, nur einige alte Samen fielen herab.

Ein Zeichen des Untergangs hatte ihn getroffen. Oder war es nur eine Warnung? Der Baum wusste, dass er handeln musste. In den folgenden Sonnenläufen konzentrierte er alle seine Kräfte auf diese Baumspitzen, die ihn verraten hatten. Er ließ seine Harze steigen und versiegelte die Zugänge der Verlorenen. Sollten die Morschen abfallen, was kümmerte ihn das schon? Abertausende andere Sprossen konnte er austreiben, die sein Laub gern tragen wollten! Schließlich strotzte er vor Kraft – er war der Baumkönig und er würde leben!

Die Jahreszeiten vergingen. Dreimal, viermal fand er im Frühjahr noch solche Zweige, immer verschloss er sich ihnen, so dass sie ihre Fäule nicht weitertragen konnten. Nach dem fünften Winter folgte die Erleichterung – wo er auch hintastete, seine Krone war wieder stark und gesund, alle seine Knospen entfalteten ihr frisches Grün. Kurz wallte Triumph in ihm auf und der Wind rauschte tosend durch seine Blätter.

Aber bei all der Kraft und Aufmerksamkeit, die er den äußersten Zweigen widmete, blieb seine Borke unbewacht. In diesen unbeobachteten Momenten flog eine Spore herbei, fasste Fuß und machte es sich in ihrem neuen Zuhause bequem. Und als der Baum eben wieder zu ruhiger Erhabenheit zurückkehren wollte, durchfuhr ihn ein jäher Schmerz in seiner Seite. Nicht das unermüdliche Picken eines Spechts, nicht das Schaben der Geweihe der Hirsche, nicht einmal die begierigsten Flammenzungen in den schlimmeren Feuerjahren, die an seiner Anhöhe entlanggekrochen waren, nichts war je so schmerzhaft gewesen. Wie ein Brand in seinem Inneren durchfuhr es ihn und weckte eine nie gekannte Furcht. Erst die Morsche, nun ein Pilz! Ein Pilz hatte ihn befallen und der Baum wusste, dass es hiervon keine Rettung gab. Kein Harz, kein noch so hartes Holz würde einen Pilz wieder vertreiben.

Doch so konnte, durfte er nicht enden! Er wollte leben, für immer leben! Aber ein Pilz nagt und frisst und kann nicht gestoppt werden. Kein Harz, kein Siegeln und Verschließen half dem Baum, immer wieder fand sich ein winziger Riss im alten Holz, in den der Pilz weiter vordringen konnte, und dann kehrte auch die Morsche zurück.

Wieder rollte es durch den Wald, mächtig und verzweifelt. Ein Wunsch jagte durch jede Faser, jede Wurzel, die Borke, jeden Jahresring und alle Äste, hinauf zum frischesten Grün und hinaus in die Welt. Ein Wunsch nach Leben, Heilung, wenigstens etwas mehr Zeit! Der Wind war still, als die Blätter rauschten.

Und nun könnte die Geschichte enden, denn der Baumkönig würde bald gestorben sein. Vor kurzem noch schien ihm der Platz im ältesten Teil des Waldes als sein Sockel für die Ewigkeit, aber bald wäre auch er nur noch Mulch. Und so begab er sich geschlagen in die Ruhezeit, als der Winter kam. Das Laub hatte ihn verlassen, genau wie jede Hoffnung, im Frühjahr wieder als er selbst zu erwachen. Sein Wunsch war verstummt, die Sieche blieb.

Doch diesem Baumkönig war ein anderes Schicksal bestimmt. Vielleicht, weil er der älteste und stärkste aller Baumkönige war. Vielleicht, weil sein Wunsch nach Überleben lauter als der aller Uralten durch den Wald geklungen war. Oder vielleicht, weil eine Fee, ein zaubermächtiger Faun, oder gar der Teufel selbst seinen Ruf zufällig vernommen und beschlossen hatte, ihn zu beantworten. Vielleicht war es auch etwas ganz anderes, denn was verstand schon ein Baum von solchen Dingen?

Glaskugelbaum

Aber als er nach einem langen und tiefen Schlaf in den Frühling zurückkehren wollte, war ein Wunder geschehen. Ein wahrhaftiges Wunder: Sein Wunsch war erhört worden! Mehr Zeit, irgendwie, hatte sich der Baumkönig gewünscht – und wirklich: Jede Wunde und aller Schmerz war vergangen. Es war nicht die einzige Veränderung.

Der Wald war fort. Und mit ihm auch alles andere, das dem Baum vertraut gewesen war. Kein Dachs regte sich zwischen seinen Wurzeln, keine Ameisen mit ihren Herden, keine Vögel und kein Eichhörnchen störten das Gebälk. Seine Blätter standen im schönsten Grün stolz empor gerichtet und kein Windhauch regte sich. Alles war Ruhe. Der Baum hatte keinen Durst mehr, konnte aber auch kein Wasser finden. Er war nicht mehr der Baumkönig des Waldes, aber was war er dann?

Noch immer thronte er auf einer Anhöhe, einer anderen. Der Baum konnte nicht wissen, dass sein neuer Platz ein Kaminsims war, in einem schönen, herrschaftlichen Haus. Eingeschlossen und geschützt von einer Glaskugel war er dort ausgestellt. Besucher kamen und bewunderten den Baum und die vielen Details des kleinen Stammes, der Äste und der hübschen grünen Blätter. Regelmäßig wurde er von Bediensteten abgestaubt und die Staubwedel mit ihren Federn erinnerten den Baum an die Vögel, die früher in seinen Zweigen nisteten. Er gefiel sich dort, wurde ihm doch gehuldigt und gedient.

Der Baum erinnerte sich an das Gefühl des Triumphs. Er war dem sicheren Tod entgangen, ein  zweites Leben war ihm geschenkt worden. Und als ein Staubwedler ihn aus Ungeschick einmal auf den Boden warf und er und seine Kugel nicht geringsten Schaden nahmen, jubilierte er – denn er hatte die Ewigkeit gewonnen. Kein Zerfall, kein Tod bedrohten ihn mehr. Sein Wunsch war wirklich erfüllt worden.

Das alles war nun schon viele Jahre her. Irgendwann kam niemand mehr zu Besuch oder wedelte den Staub fort. Langsam wurde die Kugel davon eingetrübt, doch der Baum lebte weiter. Schließlich brach man das Haus um seinen Kaminsims herum ab und brachte ihn mitsamt der restlichen Steine auf eine neue Anhöhe. Dort, auf der höchsten Stelle, lag er für einige Zeit, sicher in seinem unzerstörbaren Glas. Dann wurde es dunkel, als die Reste eines anderen Hauses über ihm ausgebreitet wurden.

Der Baum wusste nicht, wie viel Zeit seither vergangen war. Kein Licht blitzte mehr auf seine nun schwarzen Blätter. Lange war es her, dass sie in der Frühlingssonne mit dem Wind getanzt hatten. Der Baum lebte, er erinnerte sich.

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Über Elio Minutillo:

Elio Minutillo, Münsteraner mit nominellem Migrationshintergrund. Schreibt fleißig an seiner Biografie, damit hier mal was stehen kann. Veröffentlichungsdatum: 29. 02. 2021.

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Fotos: Elio Minutillo