Im Turmzimmer

Illustration: Elisabeth Schröder

 

 

Du lagst still über der Baumgrenze. Irgendwo dort unten, dort hinten war dein Zuhause, aber das tat nichts zur Sache. Um die dort zurückgelassenen Gegenstände und Tätigkeiten musstest du dich jetzt nicht kümmern. Ihre kleinteilige, verwirrende Präsenz, ihre nervöse Geschäftigkeit war seit du hierher gekommen warst auf wunderbare Weise verstummt. Das Hantieren in der Küche, das Inspizieren des Gartens, das Ordnen der Dinge – all dies lag nun bis auf Weiteres verlassen, und es wäre eine Lüge gewesen, hättest du gesagt, dass es dir fehlte. Es war einer aufgeräumten Leere gewichen, in die gelegentlich ein Schmerz mit plötzlicher Farbigkeit hineinflackerte.


Du warst müde, schliefst viel, denn die Luft hier oben war dünn. Das war nicht weiter überraschend. Natürlich wusstest du, dass Hochleistungssportler bewusst in Höhenlagen trainieren um ihre Kondition zu stärken, und ähnlich verhielt es sich jetzt auch mit dir. Du versuchtest dich in der Höhenluft an einem härteren, tieferen, traumreicheren Schlaf. Du übtest dich in ausdauernderen, stärkeren, weitläufigeren Träumen. Und es gelang dir nicht schlecht. Zwar bewirkte die unvertraute Umgebung, dass Unvorhergesehenes – ein nächtlicher Schritt auf dem Flur, ein digitales Fiepen, ein ausgiebiges Husten – sich ab und an in deinen Schlaf verirrte, aber meist fügte es sich dann ganz selbstverständlich in die Geschichte ein, in die du gerade verwickelt warst.


Du lagst in steifen Laken und erinnertest dich an früher, an das ein bisschen verlorene Gefühl zu Beginn der großen Ferien. Dass du an den ersten freien Tagen nicht wusstest, wohin mit dir. Dass die plötzliche Ruhe dich verunsicherte und selbst Tischtennisspielen nicht half. Dass die Zeit sich dehnte und der Raum sich zusammenzog und du, ein wenig aus dem Tritt geraten, dich an repetitiven Tätigkeiten, an Uhrzeiten und Mahlzeiten aufrecht hieltest. Dass du mit dem Fahrrad ziellos durch die Straßen fuhrst und dich später in Büchern und Basteleien verlorst. Dass du versuchtest deine Freunde zu erreichen und in der Leitung zwischen den Tönen des Durchwahlgeräuschs eine große, tiefe Stille vernahmst.


Du empfingst deine Besucher mit schläfriger Würde. Nahmst ihre Gaben mit freundlicher Geste entgegen, reichtest Gebäck und sprachst ansonsten nicht viel. Du sahst sie kurzatmig kommen, wie nach einer Bergbesteigung, und jedes Mal warst du aufs Neue erstaunt, dass sie tatsächlich den Weg nach hier oben gefunden hatten. Sie kamen und brachten Kunde von dort unten, dort hinten, und du lagst andächtig und hörtest zu. Du wusstest, es würde nicht mehr lange dauern, bis du die schwere Decke zur Seite schieben, dich vorsichtig aufrichten, aufstehen und dich anziehen würdest, um dich langsam auf den Weg abwärts zu machen. Du würdest, noch ein wenig wacklig auf den Beinen, mit vorsichtige Schritten wieder eintreten in den rastlosen Reigen der Menschen und Dinge. Das würde gar keine große Sache sein. Das wäre ganz normal.