Jongleure

Du hattest diese Faszination für Jongleure. Wie jeden Dienstag bestehst du darauf, dass wir den Nachmittag auf der Wiese mit den Lindenbäumen verbringen, weil man dort im Halbschatten der Bäume die Hitze besser ertragen könne. Aber ich weiß, dass es dir um die Hobbyartisten geht, die dort mit Bällen, Keulen und Diabolos hantieren. Wenn es wenigstens die Slagliner wären, diese verkappten Hochseiltänzer, die deine Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen. Aber Jongleure?

Über meine Schulter hinweg verfolgst du jede Bewegung eines blonden Jungen, der mit blauen und silbernen Bällen übt. Ich weiß, dass du mir nur gelegentlich zuhörst – vielleicht den besonders energisch intonierten Silben. Weniger fesselnd zu sein als eine Handvoll geschickt in die Luft geschleuderter Bälle, das ist beleidigend. Deine Blicke schlagen Haken wie die Kaninchen, die in den Morgenstunden die Wiese ihr Eigen nennen, bevor wir und alle anderen kommen.

Deine Stirn ist geteilt durch eine Falte. Wie ein krummer Stamm wurzelt sie zwischen deinen Augenbrauen und macht dich zu einer jugendlichen Greisin. Immer häufiger ertappe ich dich, wie du die Welt betrachtest, als sei sie der Behandlungsraum deines Zahnarztes. Er verunsichert dich, weil er in deine Mundhöhle Geschichten von Tauchgängen vor den Malediven hineinmurmelt. Gerade ist die Falte besonders sichtbar, deine Augen fokussiert. Ich kann dahinter die Gedanken vorbeirauschen sehen. Es ärgert mich, wenn ich mich nicht entscheiden kann zwischen der Sorge um und dem Ärger über dich. Es macht mich schwindelig. Du seufzt, aber du resignierst nicht über meine letzten Worte. Ganze fünf Minuten hast du mich nicht angesehen.

„Was?“, platzt es aus mir heraus und bin erschrocken, wie schnell die Wut in meinen Tonfall eingeschossen ist. Du schaust mich an, dann rutscht dein Blick an mir ab und bleibt am Jongleur hinter mir hängen. „Was ist, wenn am Ende alles fällt?“, fragst du. Ich möchte mit den Augen rollen, also schließe ich sie. „Du meinst die Bälle, schätze ich.“ Du nickst, in deinen Augen glänzt Tränenflüssigkeit – vielleicht mehr als ich mit deiner Allergie begründen kann. Ich drehe mich zu dem Jungen um, der in diesem Augenblick tatsächlich einen Ball nicht zu fassen bekommt. Er entkommt dem Griff seiner rechten Hand, wie ein Fisch im Überlebenskampf, und alle anderen Bälle folgen eine Sekunde später dem Sturz gen Rasen. Der Junge vergräbt seine Finger in den Haaren, Frustration flackert über sein Gesicht.

„Dann fällt eben alles hin“, antworte ich, „und nichts passiert.“ Argwöhnisch betrachtest du mich und dann wieder den Jongleur. Dein Mund ist eine Slagline. Deine Blicke wuseln über die Trainingsszenerie. Nicht zum ersten Mal denke ich, dass du mehr mit den Kaninchen gemeinsam hast als mit mir. Der Jongleur hat inzwischen die Bälle aufgesammelt, geht in Position, prüft seinen Stand, schließt die Augen, und noch bevor er sie wieder öffnet, wirft seine rechte Hand den ersten Ball in die Luft.

„Und dann fängt es von Neuem an“, sage ich und klinge unoriginell mütterlich. Du zupfst an deiner Unterlippe, so wie immer, wenn du dich von aufkommenden Tränen ablenken willst. „Und wenn nicht?“, hauchst du. Ich zucke mit den Schultern, setze mich neben dich. Von hier sieht die Wiese nicht anders aus.

„Dann eben nicht“, sage ich. Immer habe ich das Gefühl, dass ich dir eine Antwort schuldig bin, erst recht, wenn mir die Frage gar nicht klar ist. „Eben nicht“, flüsterst du wie mein fernes Echo. Wir sehen den Artisten eine Weile zu, verfolgen, wie die Keulen mit den Bällen um die Wette fliegen. Du kauerst dich näher neben mich und deine Form kommt mir selbst wie ein Ball vor. Mir entgeht doch etwas. Gerne hätte ich deine Augen. Nur geliehen, versteht sich, ich weiß ja nicht, was ich da sähe. Jetzt sehe ich lediglich Körper im Rhythmus mit Bällen und Keulen. Dabei denke ich an das motorische Gedächtnis, an Ausdauer und Geduld.

Als ich die Wärme deines Körpers an meinem Arm spüre, kommen mir die Tränen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: was auch immer du siehst oder ich nicht sehe. Und die Antwort, die ich dir schulde, steht zwischen mir und dir in der Luft wie der Ball eines unmöglichen Jonglagetricks. Und so sieht die Welt wirklich beängstigend aus.