Kurkuma und Marmeladenbrot

Tina Dunkel: Lesungsportrait Julia Nüllen | Lochkamera-Aufnahme am 24. April 2015, Belichtungszeit = Lesezeit | Lichtsensibles Fotocolorpapier

Tina Dunkel: Lesungsportrait Julia Nüllen | Lochkamera-Aufnahme am 24. April 2015, Belichtungszeit = Lesezeit | Lichtsensibles Fotocolorpapier

Beim Klingeln krampft mein Magen. Die letzten zwei Stunden habe ich ausgeharrt. Habe nicht geschrieben, sondern gewartet, dass es elf Uhr wird und du meinen Magen krampfen lässt. Wie soll ich auch schreiben, wenn Suse mir dich auf den Hals hetzt? Eigentlich wollte ich dich warten lassen, die Rillen in meinen Fingernägeln ausführlich betrachten oder direkt hinter der Tür stehend ein beachtliches Loch in die Luft starren. Immerhin habe ich zwei Stunden deinetwegen nicht geschrieben. Aber ich lasse dich nicht warten. Wer macht sich schon gerne einen Feind an der Türschwelle?

Ich lasse dich hinein. Es wird nicht lange dauern, hat Suse gesagt. Es ist eine spannende Idee, hat sie gesagt. Ein Fotograf mitten in deinem Arbeitsumfeld, der dein Schreiben begleiten kann, hautnah. Suses Markenzeichen sind Sätze, die aufregend aber ungefährlich klingen. Das Wohlgefühlige hat sie zu ihrem Job gemacht. Und du kannst doch gut mit Menschen, meinte sie auch noch. Und ich gebe ihr nach. Nicht, weil sie mir schmeichelt, sondern weil sie mir leidtut. Wahrscheinlich sitzt ihr der Marketing-Fredel mit dem Undercut im Nacken. Wenn sie zu Dummschwätzerei greift, dann muss es dringend sein. Und Suse war immer gut zu mir. Ich mache es nur für sie, damit das klar ist. Das sage ich aber nicht zu dir, sondern ich sage „Guten Morgen“. Aber meine Augen sagen Suse und vielleicht einen Hauch von „keine Mätzchen oder du bist schneller draußen als du Tiefenschärfe“ sagen kannst.

Aber du siehst ihn wohl nicht, meinen Suse-Märtyrer-Blick. Denn du lächelst und faselst etwas über das Wetter. Du kannst wohl gut mit Menschen, das sehe ich an deinen Perlweißzähnen. Menschen, die gut mit Menschen können, sind mir immer ein bisschen zu viel: zu viel Zahnlächeln, zu viel fröhlich, zu viel empathisch. Dein Händedruck ist ausgeglichen. Deine Stimme wohltemperiert. Du kommst bestimmt direkt von einer Insel mit gut gelaunten Menschen auf Segelbooten. Ich weise dir den Weg ins Wohnzimmer, wo mein Schreibtisch steht und komme mir vor wie eine Hausfrau aus den Fünfzigern. Gleich am Türbogen wird’s krampfig. Wir können uns nicht einigen, wer von uns beiden höflicher ist und den anderen vorlässt. Bevor ich mir überlege dich hineinzuschieben, trittst du ein. Das wird ein langer Vormittag ohne jede Chance auf Text.

Du bewunderst natürlich meine Bücherwand. Hast du dir gedacht, dass ich viele Bücher habe, sagst du und lachst triumphierend. Du hast wohl mit deinem Segelturn-Kumpel drum gewettet, dass ich ein Klischee bin, und jetzt gehst du deine Checkliste durch, um dir einen Hunderter zu verdienen. Du lebst bestimmt in einem Loft mit Helmut Newton und Andy Warhol an der Wand und einem Regal voller Holgas und Dianas. Ich biete dir Kaffee an, weil man das so macht als Fünfziger-Jahre-Hausfrau. Danke, später vielleicht, ist deine Antwort. Du möchtest direkt starten, wenn es mir nichts ausmache. Und das erste Mal bin ich deiner Meinung. Das Versprechen einer geschriebenen Seite schimmert am Horizont.

Du ziehst den Reißverschluss deiner Equipment-Tasche auf, darin liegt fein säuberlich in Schaumstoffkompartments gebettet schwarz-matte Technik. Wie du ein Objektiv auf die Kamera steckst und du einen Blick hindurch wirfst, wirkst du professionell und ein bisschen tödlich. Du platzierst dich mitten in meinem Wohnzimmer, schaust dich um. Ich stehe hinter dir und starre auf dieses Monstrum in deinen Händen. Du fotografierst mit natürlichem Licht, sagst du, das sei ehrlicher. Diese Sorte Licht kenne ich. Jeden Morgen, wenn ich aufstehe und lese, was ich in der Nacht zuvor versucht habe, zu schreiben. Kein schöner Anblick.

Ich solle mich an meinen Sessel neben die Anrichte lehnen, die Bücherregale im Rücken – zum Aufwärmen. Prompt weiß ich nicht mehr, wozu ich Hände und Beine habe. Ich bräuchte nicht auf meinen Gesichtsausdruck zu achten, es seien nur Probeaufnahmen für das Licht, fügst du hinzu. „Wenn ich mit meinem Gesichtsausdruck im engen Kontakt stehen würde, wäre ich nicht Schriftsteller geworden“, entfährt es mir. Du lachst laut auf.

Als ich gerade gemerkt habe, dass sich meine Arme gut verschränken lassen, lässt du die Kamera sinken und murmelst etwas, das, wie Zahlen klingt, und wendest dich deiner Tasche zu. Du tauschst das Objektiv aus und legst das Alte neben mir auf der Anrichte ab. Du bist mit den Einstellungen auf dem Display beschäftigt. Ich greife mir das Objektiv. Als ich höre, wie du die Luft scharf einziehst, schaue ich auf. Ich betätige den kleinen Hebel, der die Blende aufschnappen lässt, und sehe hindurch; sehe die Welt murmelig und glänzend und ich sehe dich, wie du durch deine Kamera siehst, wie ich durch das Objektiv schaue. Womöglich habe ich mir gerade ein Gluppschauge gezaubert. Ein gefundenes Fressen für dich.

Können wir beginnen, will ich von dir wissen. Definitiv keine Seite heute Vormittag nicht mal ein Wort. Du nickst hastig und schlägst vor, am Schreibtisch zu beginnen. Ich soll dich einfach ignorieren und so tun, als wärst du nicht da. Wärst du nicht da, würde ich schreiben. Nein, das ist gelogen. Ich würde den Küchenboden putzen oder anfangen meine Schubladen aufzuräumen, um dann auf der Hälfte die Lust zu verlieren und alles wieder hineinzustopfen. So, wie ich es immer mache, wenn ich wieder nicht … Nein, ich denke jetzt nicht an die Deadline, ich denke nicht vor dir an Dinge, die mich nachts wach halten.

Ich würde den Einkaufszettel schreiben. Aber dann drücktest du auf den Auslöser und dann wäre das mein Denkgesicht in aller Öffentlichkeit. Dann sähe man den Liter Milch in meinen Augen, die Gurke in den Wölbungen meiner Augenbrauen oder noch viel schlimmer, man würde den Moment zu erkennen glauben, in dem ich beschloss, Marcel im zweiten Buch zu töten und dabei hätte ich nur Kurkuma im Sinn, das ich bereits seit Wochen vergesse, zu kaufen. Mein Denkergesicht wäre eigentlich ein Kurkumagesicht.

Vielleicht sollte ich einfach etwas schreiben, meinst du, das könne mich doch entspannen. Mein Magen krampft wieder. Ich mag es nicht, wie du mit mir redest – so pädagogisch wertvoll. Genau wie Suse, vor zwei Tagen, als sie wissen wollte, wie es um meinen Page Count steht. Ich ignoriere deinen Vorschlag. Bald wird mir klar, dass sich meine Lippen aufeinanderpressen und du immer zögerlicher auf den Auslöser drückst. Ich solle doch bitte etwas schreiben. Ich gebe nach und so schreibe ich. Ich schreibe: Kurkuma, während du meine Welt kartografierst. Ich schreibe noch mal Kurkuma, in Druckbuchstaben, und du lässt dein Objektiv wie einen Spürhund über mich schnüffeln. Ich kritzele Kurkuma, Kurkuma Kurku …, und du fotografierst meine schreibende Hand. Ich knülle das Papier zusammen. „Reicht das jetzt?“

Du guckst mich mit großen Augen an. Ein bisschen schimmern sie wie die Kameralinse. Ob ich meinen Schreibtisch verschieben könnte, fragst du, es sehe spektakulär aus in dem Licht bei dem Fenster. Ich entgegne, ob man nicht deine Hände hinter die Ohren nähen könnte, das sähe sicher auch spektakulär aus. Dein Kinn beginnt zu zittern.

Entschuldigung, sagst du und lässt die Kamera mit einem Ruck los, dass sie dir am Hals baumelt. Du hättest mir nicht zu nahe treten wollen, du seist einfach so nervös, sprudelt es aus dir heraus. Du hättest noch nie jemanden so Berühmtes fotografiert. Und eigentlich hätte dein Chef das heute tun sollen, aber der sei krank und da wärst du eingesprungen. Es würde ja keiner merken. Du stolperst über deine Worte, und ich frage mich, wann ich dir sagen soll, dass man mich kaum als berühmt bezeichnen könne. Aber du hättest alle meine Bücher gelesen und seist ein Fan. Meine zwei mickrigen Bücher, will ich hinzufügen. Und es täte dir leid, du hättest schon zehn Tassen Kaffee getrunken und könntest die Kamera kaum stillhalten.

Ich schaue auf den zerknüllten Zettel, der sich wie eine Blume langsam wieder öffnet und seinen unangenehmen Inhalt offenbart. Ich stehe auf und sage dir zu, dass wir den Schreibtisch verschieben könnten, er sei ja nicht schwer, aber erst würde ich dir etwas Wasser und zu essen vorschlagen.

Einen Liter Wasser später sitzen wir am Küchentisch. Du kaust auf deinem vierten Marmeladenbrot, und ich denke sehnsüchtig an Tage zurück, als ich so hingebungsvoll in Marmeladenbroten aufgehen konnte. Mit vollen Backen siehst du viel jünger aus. Du erzählst mir von der harten Arbeit im Fotostudio und das du davon träumst, die Welt zu sehen. Ich frage dich, wo du zuerst hinfahren würdest, wenn du könntest. Entweder weit in den Norden, Alaska vielleicht oder in den Süden, etwas Exotisches. Du schluckst Brot hinunter, Indien zum Beispiel.

Ich glaube zu hören, wie der Kurkuma-Zettel im Wohnzimmer knisternd kichert.

Was das eigentlich zu bedeuten habe, willst du wissen und zeigst mit Marmeladenbrot Nummer fünf auf meine Kreidetafel. „Verdammtes Kurkuma“, steht drauf gefolgt von fünf Ausrufezeichen. Es sind wütende Ausrufezeichen. Von der Sorte schreibe ich viele in letzter Zeit.

„Ach nichts. Es ist peinlich“, murmele ich. Ob es peinlicher wäre als das, fragst du und zeigst mit dem Brot auf dich selbst. Ich hole Luft, besser ich bringe es schnell raus. Und ich erzähle dir von dem Buchprojekt, das in Indien spielt; von dieser Szene in der sie Dal Tadka essen und dass ich mir einbilde, ich müsse es nachkochen, um endlich weiterzukommen. Aber dazu bräuchte ich Kurkuma. „Also will ich es kaufen“, erkläre ich dir. „Aber wenn ich es kaufte und das Gericht kochte und danach immer noch nicht weiterschreiben könne, hätte ich ein Problem.“ Jetzt ist es raus. Das erste Mal, dass ich mein Kurkuma-Paradox eingestanden habe.

Du lässt dich im Stuhl zurückfallen und meinst, dass das schon crazy wäre. Ich zucke nur mit den Schultern zucken. Du solltest dringend die Welt bereisen. Später verschieben wir den Tisch, ich schreibe keine Kurkuma-Zettel mehr und lass mir sogar einen Anflug von Lächeln über das Gesicht huschen.

Zwei Tage später finde ich eine Tüte vor meiner Haustür. Darin ein Umschlag mit Kontaktabzügen, eine kleine silberne Dose und eine Notiz mit deiner Unterschrift und den Worten: „Die beste Curry-Mischung der Stadt.“

Vielleicht lasse ich den Schreibtisch so stehen.