Lose Gedanken zum Verhältnis von Postdramatischem Theater und Camp.

I Exposition. Anfang, irgendwie. Irgendwer spricht. Nennen wir ihn C.

C.: Wenn man sich für Postdramatisches Theater interessiert – wobei man es nicht unbedingt postdramatisch nennen muss, es könnte auch heißen: ein nicht mehr dramatisches Theater, ein performatives Bühnenstück, wobei nein, kein Stück, ein Ereignis. Jawohl, ein Ereignis! Wenn man sich also für das performative Ereignis Theater im 21.Jahrhundert interessiert und sich, sagen wir, parallel auf das kultextur-Thema ,Camp‘ vorbereitet, dann werden sich einem zwangsläufig Parallelen aufdrängen.

II Steigende Handlung mit erregendem Moment. Es geht weiter, mit Händen und Füßen und irgendwo dazwischen Worten. Sagen wir, ungefähr so:

Von der Gleichwertigkeit der Dinge. Während Susan Sontag alle Ausprägungen des subkulturellen Camp anerkennt und in ihrer Untersuchung in den Ring der Hochkultur hebt, man müsste sagen, als gleichwertig anerkennt, ist auch die Seele des Postdramatischen eine demokratische. Der Text, das Drama und das Literaturtheater geben ihre traditionelle Vorherrschaft zunehmend auf und in den Ring um das, was es zu erzählen gilt, darf nun jeder steigen: Licht, Musik, Körper, Laute, Gesten, Kostüme, Maske, Bewegungen und und und. Hier ist nichts mehr natürlich, organisch, in sich geschlossen.

Das Bühnengeschehen kommt ohne Fabel aus, statt dessen gibt es cool fun und überzeichnete Körper, deviante Körper, manchmal Körper, die sich extremen Situationen aussetzen und Sie, meine Damen und Herren, dürfen sich fragen: ist das normal? Oscar Wilde und Gina Lollobrigida haben es sich jedenfalls in ihren roten Theatersesseln gemütlich gemacht und kichern.

III Höhepunkt und Peripetie. Die Dinge laufen so weiter. Zwischendurch verlässt das gesamte Ensemble die Bühne und macht das Licht im Zuschauerraum an.

In der Schlacht aus Theaterzeichen, sagen wir, aus tanzenden Körpern, einem morbiden Lächeln, einem Scheinwerfer mit schummrigem Licht, kann es schon mal passieren, dass man aus dem Abend vor allem Folgendes mitnimmt: tanzende Körper, ein morbides Lächeln, einen Scheinwerfer mit schummrigem Licht. Die bezeichnenden Signifikanten stellen sich vor die bezeichneten Signifikate, nicht immer kann man die Bedeutung greifen, einen Inhalt, eine Botschaft, die Weltformel.

Manchmal nimmt man einfach nur die Zeichen an sich wahr, einen einzelnen schummrigen Scheinwerfer. Und wenn auf dem Nachhauseweg das Laternenlicht schummrig auf die Straße fällt, macht plötzlich alles Sinn. Oder auch nicht. Auch der Camp-Geschmack kennt das: Ästhetik geht vor Moral und Verpackung vor Inhalt.

IV Fallende Handlung mit retardierendem Moment. Das Ensemble kehrt schließlich doch zurück. Als das Licht im Zuschauerraum gedimmt wird, verlassen einige Herrschaften den Saal. Aber vielleicht ist auch das Teil der Inszenierung.

Postdramatisches Theater und der Camp-Geschmack sind Erlebnisweisen, sind Ästhetiken. Sie wollen erfahren und nicht nur gedacht werden, sie stellen ihre Künstlichkeit aus und einem auch mal ein Bein. Sie performen, zeigen, dass sie weiblich, männlich, wasauchimmer, eine Blumenlampe, tanzende Schwimmerinnen mit Badehauben sind. Sie machen deutlich, dass sie gemacht sind. Die Technik ist gerade in der Raucherpause, den Umbau können alle sehen. Der Hauptdarsteller gähnt, es war spät gestern.

V Katastrophe. Fulminantes Ende. Oder auch nicht. In jedem Fall ein Ende. Könnte aber auch wieder der Beginn von etwas Neuem sein. Sicher ist nur: Jeder nimmt seinen eigenen Schluss aus dem Abend mit.

Auftritt Kulturindustrie: Camp und Postdramatisches Theater reißen emphatisch die Arme hoch und rufen: Du kannst uns gar nichts, wir benutzen dich! Und so können die Gegenstände des Camp eine Nähe zu Trash und Pop aufweisen, so zupft das Postdramatische Theater am Zeitalter der Massenkultur und zieht Sprachflächen hervor, zieht abgeklärte Gesten hervor, zieht Jingles und schnelle Cuts hervor, schrille Farben, perfekte Körper, kalte Wände und zittrige Sorgen. Katastrophe? Oskar Wilde und Gina Lollobrigida lachen herzlich.