Lose Gedanken zu Schimmelpfennigs ‘Das fliegende Kind’

(In den Inszenierung des Wiener Burgtheaters und des Stadttheaters Münster: siehe Artikelende)

Schimmelpfennigs Das fliegende Kind spielt in der Großstadt, genauer: in unserer postmodernen Großstadt, dem Raum urbaner Abgründe und montageartig zersetzter, zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Handlung ist schnell erzählt: Eine Kleinfamilie (Vater, Mutter, kleiner Sohn) nehmen am Sankt-Martins-Umzug teil – zumindest soweit es die Situation zulässt. Denn zwischendurch wollen die Liebhaber aufgesucht werden; zum Beispiel die brasilianische Forscherin Dolores da Silva, die gerade in der Stadt ist um einen Vortrag über den tropischen Regenwald zu halten; der vielversprechende Titel: ‚Untergang und Zukunft‘.

Damit wäre schon die erste Thematik des Abends genannt, denn: ein schwarzer Wagen fährt bei Nacht durch die Stadt und holt unsere Kinder. Es ist dieser geheimnisvolle schwarze Wagen, der später das Kind überfahren wird, unachtsam, ausgerechnet gesteuert vom Vater des Kindes, der davon selbst zunächst nichts bemerkt.

Schimmelpfennig hat das Ehepaar aus drei Zeitphasen gleichzeitig auf die Bühne gebracht. Im Nebeneinander des jungen Ehepaares zur Zeit des Unfalls und im Alter von etwa 40 und 60 Jahren, kreist immer noch alles, kreisen Untergang und Zukunft um diesen einen Abend, den einen Augenblick, in dem das Kind durch die Luft geschleudert wurde, in dem es flog.

Bei Schimmelpfennigs Dramentext liegt die Betonung auf Text. Schon die Überlagerung der drei Zeitebenen gibt dem Stück einen epischen Anstrich, aber auch der Stil ist ein literarischer: rhythmisch und redundant, tragend und symbolisch aufgeladen, mystisch und – nicht auf Dialoge ausgelegt, sondern flächig.

In der Schimmelpfennig-eigenen Inszenierung mit dem Wiener Burgtheater, scheint genau darin das Problem zu liegen. Die Bühne ist karg und dunkel, die sechs SchauspielerInnen stehen während ihrer Rede meist aufgereiht auf dem Proszenium – und schon bald ist die Bühne übervoll von Sprache/Text. Es wird eben erzählt und schnell wird klar, dass hier über Sprache eine untergründige, unbehagliche Mystik erzeugt werden soll. Genauer: über das poetische Potenzial der Sprache, denn zur Illustration von Reibungen im zwischenmenschlichen Dialog dient sie in Das fliegende Kind kaum. Denkbar wäre es sicher, den Konflikt und die Emotionen fast ausschließlich über Sprache zu verhandeln, doch müssten die Körper auf der Bühne dafür viel konsequenter zurücktreten – bei Schimmelpfennig sind sie aber noch immer dreidimensionale, konkrete Figuren, sind Lehrerinnen, Elternteile, Tunnelarbeiter. Damit befinden sie sich in einem Dazwischen, in dem ihre Körper auf der großen Bühne eher verloren wirken und die Sprache wiederum muss zu große Anstrengung wagen, um Atmosphäre aufkommen zu lassen. Während der lautmalerischen Illustration des Regenwaldes allerdings, deren Schrillen und Zirpen sich langsam im Raum aufbaut, kann man die großen Blüten und Palmenblätter förmlich vor sich aufgehen sehen.

Überhaupt: Darin liegt doch die mediale Besonderheit und die Stärke von Theater, dass dort physische Körper agieren und zur Sprache hinzutreten, anders als bspw. im Hörspiel. Vor allem das zeitgenössische Theater spricht den Körpern viel Raum zu, ermöglicht Bewegungen unabhängig vom Theatertext und Raum für eigene Ausdrucksweisen. An diesem Abend jedoch werden die Körper scheinbar unter Text begraben und, zumindest für mich, Sprache und Zeit in der Mühlheimer Stadthalle stark gedehnt.

Das Stadttheater Münster hat nach Schimmelpfennigs eigener Inszenierung die deutsche Erstaufführung gewagt. Gespielt wird im kleinen Haus, die Zuschauer sitzen eng zusammengepfercht im völlig schwarzen, kargen Theatersaal. Das rhythmische Sprechen der SchauspierlerInnen wird unterstützt von dumpfen Straßengeräuschen, vom Wummern dieser Stadt bei Nacht, in deren Bauch sich Publikum wie Akteure befinden.

Die lautmalerische Inszenierung des Regenwaldes macht in dieser Inszenierung einen etwas unbeholfenen Eindruck und auch der hineininszenierte urbane Rap wirkt schief. Und doch kriecht im Verlaufe des Abends ein Unbehagen durch die Zuschauerreihen, durch diesen beengten Raum, an den flimmernden Glühbirnen des Bühnenbildes entlang. Die Körper der Schauspieler richten sich in den Worten ein, gehen mit ihnen auf und ab, ringen mit ihnen, klettern auf Tische, verzweifeln an ihnen.

Und das fliegende Kind? Das fliegt an diesem Abend tatsächlich: die Hinterwand des Bühnenbildes hatte sich während des Spiels nach vorne geschoben und den Raum stärker verengt. Die verspiegelte Rückwand (zu hoffen bleibt, dass uns damit nicht etwa ein Spiegel vorgehalten werden soll. Das wäre doch zu moralisch…) kippt schließlich nach vorne und zeigt das auf dem Boden liegende Kind – zeigt es im Flug. Eine Illusion, die ihre eigene Durchschaubarkeit offen auslegt und Gefahr läuft, nicht aufzugehen. An diesem Abend jedoch lässt man sich im düsteren Theatersaal nur allzu gerne auf die Poesie einer solchen Illusion ein.

Das fliegende Kind Schauspiel von Roland Schimmelpfennig

Burgtheater Wien (Aufführung Stadthalle Mühlheim, Mai 2012) Regie: Roland Schimmelpfennig / Dramaturgie: Klaus Missbach / Besetzung: Regina Fritsch, Barbara Petritsch, Christiane von Poelnitz; Peter Knaack, Johann Adam Oest, Falk Rockstroh

Theater Münster (Aufführung Oktober 2012) Regie: Alexander Nerlich / Dramaturgie: Kathrin Mädler / Besetzung: Claudia Frost, Johanna Marx, Carola von Seckendorff, Mark Oliver Bögel, Frank-Peter Dettmann, Sven Hussock