Melancholische Beobachtungen

Wenn ich Lisa Herdens Texte lese, bin ich am Ende immer zufrieden und traurig. Durch ihre Geschichten zieht sich eine Melancholie, die Figuren hängen Tagträumen vom Venustransit nach oder sitzen in verlassenen Gärten und planen die Revolution. Sie beobachten. Ebenso wie ihre Autorin alles ganz scharf beobachtet.

Wenn ich “Buldern, 1. Oktober 2015 – Eine Beobachtung” lese, dann ist da dieses Bild einer münsterländischen Kleinstadt, voller Grün, voller Stille, voller Melancholie. Dabei passiert nichts trauriges, ganz im Gegenteil, alles geht seinen richtigen Gang und die Autorin beobachtet scharf was für ein Gang das ist (in diesem Fall der von James Dean).

Das Bild von Buldern am 1. Oktober 2015 wird haften bleiben. Als wäre ich dabei gewesen.

BULDERN, 1. OKTOBER 2015 – EINE BEOBACHTUNG 

Ich fahre mit der Regionalbahn Richtung Ruhrgebiet. Es ist Anfang Oktober und warm. Die Sonne scheint und es ist nachmittags gegen halb vier. In Buldern wird angehalten. Wo ist das eigentlich? Gehört das noch zum Münsterland? Buldern sieht aus nach Münsterland – jede Stunde ein Zug – nach einem Ort, an dem man nicht sechzehn sein will. Und wenn man doch sechzehn ist in Buldern, dann wünscht man sich weg, um mit Anfang dreißig zu denken: war aber vielleicht doch ganz schön. Und im eigenen Kopf ist es in Buldern dann immer Anfang Oktober: der staubige Asphalt liegt in der gleißenden Sonne und die Regionalbahn Richtung Großstadt ist gerade eingefahren.

Neben den Bahngleisen gehen drei Jungen entlang. Im T-Shirt. Einer mit Lederjacke darüber. Sie könnten vielleicht achtzehn sein oder zwanzig. Sie sind jedenfalls keine sechzehn mehr. Und immer noch in Buldern. Und sie gehen da lang, als hätte ihnen jemand gesagt: „Geht mal so wie James Dean durch New York.” Ist das Kitsch? Zwei von ihnen rauchen. Fast selbstvergessen gehen sie daher, nicht direkt nebeneinander, sondern etwas versetzt, sodass man alle drei vom Zugfenster aus sehen kann. Einer streicht sich durch die Haare. Ihre Frisuren sehen altmodisch aus. Oder retro.

Der Zug ist jetzt schon weiter gefahren. Gerade wurde Marl-Sinsen durchgesagt. Der Zug wird langsamer und hält. Eine Frau steigt laut keuchend und schnaufend ein, sie muss gerannt sein, ringt nach Luft. Buldern ist weg. Es ist knapp fünfzehn Minuten her und ich kann mich nicht mehr genau an die Haarfarben der Jungen erinnern. Einer war blond. Aber die anderen? Wie James Dean durch New York? Wirklich? Ich weiß nicht. Aber ich lasse das jetzt so.

“Buldern, 1. Oktober 2015 – Eine Beobachtung” ist ein Repost des Textes vom 12. Oktober 2015, den Lisa Herden zum damaligen Monatsthema „Melancholie“ verfasst hat.