Nicht russisch genug

Nicht russisch genugIch stehe auf dem frisch umgepflügten Feld und fühle mich nicht russisch genug. Ich habe auch keine Ahnung, wie man sich russisch fühlt, aber mein inneres Publikum hat eine und das hier ist es einfach nicht. Es ist zu warm, das Licht zu freundlich, der Boden zwar matschig, aber die Furchen in ihm sind wie mit dem Lineal gezogen. So ganz kann ich das Problem nicht in Worte fassen, aber das muss ich auch nicht. Es reicht das Gefühl. Ich bin für diesen Job schließlich nicht ausgebildet, ich habe bloß Talent dazu, wie Stefan sagt. Ich habe wohl mal ein halbes Jahr als Kartograph gearbeitet und bin dabei ähnlich viel gereist, wurde damals aber viel schlechter bezahlt. Außerdem haben sie da einen Scheiss auf mein Gefühl gegeben.
Unruhig wandere ich umher und suche eine neue Perspektive, doch noch immer fühlt sich die Umgebung nicht richtig an. Vielleicht hätte ich den Rest meines Döners im Auto lassen sollen. Vielleicht dämpft der Geruch der Zwiebeln und der scharfen Sauce das Russlandfeeling ab. Vielleicht hätte ich mir stattdessen ein paar Stullen schmieren oder zumindest die Zwiebeln weglassen sollen. Dann müsste ich die Videoaufnahmen mit meiner kleinen Kamera auch nicht ständig pausieren, sobald ich den nächsten Rektalrülpser herbei drängen spüre. Sind ja nur Testclips, aber trotzdem habe ich keine Lust, dass die Jungs sich darüber lustig machen, wenn ich die Aufnahmen später vorführe.

Mein Auge sucht den Leihwagen, den ich am Feldweg habe stehen lassen. 65€ pro Tag darf er mich maximal Kosten, aber Stefan hat mich noch kein einziges Mal nach einem Beleg gefragt: Er wird es auch dieses Mal nicht tun, also habe ich mir das Auto meiner Schwester geliehen. Die kann das Geld gebrauchen, denn das zweite Kind ist auf dem Weg. Außerdem fährt sie einen alten Citroen, so einen kastenförmigen. Eben einen französischen Lada – für den ungefähren Blick jedenfalls. Und das wirkt, denn so wie er dort jetzt in der Abendsonne am Wegesrand glüht, will fast so etwas wie osteuropäische Landromantik aufsteigen. Leider wirkt der zum Feld gehörige Bauernhof zu neu. Als Kulisse für arme, russische Bauern taugt er nicht. Der Altenteil hat Charme, aber selbst, wenn wir das neue Ziegeldach digital gegen irgendetwas rustikaleres austauschen, wird es schwer werden, die richtige Perspektive zu finden. Mit dem Feld könnten wir notfalls etwas anfangen, aber Felder gibt es überall. Ich fische trotzdem pflichtbewusst mein GPS aus dem Rucksack und versuche Koordinaten und Stichpunkte in mein Notizbuch zu kritzeln, ohne dabei den Döner aus der Hand zu legen. Er ist zwar in Silberfolie eingepackt, aber der Boden ist so matschig und meine Erinnerung an die Fernsehdoku über nitratverseuchte Äcker noch so frisch, dass ich lieber das Risiko eingehe, dass mir mit einem Schlag alles aus den Händen rutscht.

Ich habe gerade das Wichtigste notiert, als das Handy in meiner Tasche vibriert. Es ist Stefan, der anscheinend in bester Feierlaune ist.

„Matze, alte Titte!“, brüllt er ins Telefon. „Wie weit biste? Muss ich mir Sorgen machen oder hast du die Sets bald zusammen?“

Ich antworte ihm, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht, dass ich im Zeitplan liege und bald wieder zurück sein werde. Ich habe zwar keinen Zeitplan, aber bislang hat es immer gepasst. Stefan erzählt mir freudig, dass er alle beantragten Fördergelder bekommen hat. Er hat es also mal wieder geschafft. Im Hintergrund höre ich die Crew feiern. Die Musik wummst, Gläser klirren, irgendwer gröhlt. Stefan klingt selbst schon schwer angetrunken. Wenn ich hier fertig bin, darf ich auch wieder mitfeiern. Gröhlen, trinken und mit dem Typen, der mir im Moment gutes Geld dafür gibt, durch die ganze Republik zu tingeln, für ein paar Stunden einen Scheiss auf alles geben. Gibt viel zu feiern, wird ein ganz großer Film. Spielt in Russland, Frankreich, Schweden und den USA – muss aber heimisch produziert werden. Kein Geld für exotische Drehorte, für Kulissen ohnehin nicht. Aber Geld für mich und ich habe Talent.

Lars, unser Production Designer, hat sich jetzt das Handy geschnappt und lallt ein paar Änderungswünsche in mein Ohr. Ich bitte ihn, sie mir am nächsten Tag per Mail zuzusenden. Das wird er vergessen und wenn nicht, gleiche ich seine neuen Wünsche einfach mit den Plätzen ab, die ich schon gescoutet habe. Auch das passt immer. Als Lars anfängt einen Song mitzusingen, drücke ich ihn weg und lasse das Handy zurück in meine Tasche gleiten.

Das Telefonat hat mich wieder ins Ich gerufen, das Publikum in mir ist wie verschreckt. Russisch und arm werde ich mich heute nicht mehr fühlen. Bevor ich mich jedoch zu meinem Wagen aufmache, raffe ich mich dazu auf, es doch noch einmal zu versuchen. Pflichtgefühl und so. Nicht gegenüber Stefan. Das passt immer – irgendwie. Aber gegenüber dem Ort.

Ich drehe mich noch einmal zum Bauernhof um und hebe grade die Kamera, als ich erschrocken zusammen fahre. Ein älterer Herr mit einer Schaufel in der Hand und einem zerknautschten Cordhut auf dem Kopf, stampft auf mich zu. Das passiert selten. Üblicherweise kümmert sich niemand um mich, wenn ich meine Kamera schwenke. Doch der Mann baut sich vor mir auf und mustert mich von Kopf bis Fuß. Er ist klein, drahtig und die tiefen Furchen in seinem Gesicht sind nur einen kleinen Deut unregelmäßiger, als die auf dem Feld. Mit Sicherheit tiefer.

„Was wollen Sie?“, fragt er mich und seine Stimme wird im Verlauf des Satzes immer höher und lauter.

„Bin vom Film“, antworte ich, denn das zieht immer. Fernsehen nicht, aber Film. Dann denken die Leute an das Kino und das Kino hat Glanz.

Die Abendsonne ist gerade untergegangen und das Licht verkümmert um mich herum. Die Augen meines Gegenübers kann ich nur noch schlecht erkennen, aber das Publikum in mir meldet sich zurück und vermutet, dass sie gefährlich funkeln. Der Mann wedelt abschätzig mit der Hand.

„Es ist dunkel. Sie stehen hier im Dunkeln auf unserem Feld und filmen. Meine Frau hat sie beobachtet“, sagt er und zeigt hinter sich auf den Hof. Ich sehe, wie eilig ein Vorhang zugezogen wird. „Gehen sie weg. Das ist Privatgrundstück hier!“, schimpft der Mann.

Die Sache mit der sich steigernden Stimme scheint genau sein Ding zu sein, oder ein Tick. Aber er hat die Schaufel, als nicke ich und mache kehrt.

Ich gehe zügig, auch wenn ich in der einsetzenden Dunkelheit hin und wieder stolpere. Ich will keine Zeit verlieren und noch heute Nacht zum nächsten, möglichen Drehort aufbrechen. Ich versuche, mein inneres Publikum wach zu halten und auf die nächste Szene einzustimmen, während ich, die Arme zitternd an mich gedrückt, auf mein Auto zusteuere. Es ist kühler geworden, dunkler. Vor mir erkenne ich nur noch die Konturen meines Wagens. Plötzlich – ein bisschen russisch. Dummerweise bin ich mit den Gedanken schon in Frankreich.

Nicht russisch genug als PDF – Taschenbuchformat