Nur nicht aufhören zu schreiben! – Rückblick auf ein Performance-Experiment

Von Zoë Porombka und Elisabeth Schröder

Kerstin Elisabeth PerformanceDas SpecOps-Café in Münster – ein Ort für Club Mate-Trinker, Tischtennis-Zocker, Freunde der Kleinkunstunterhaltung und des Lesens: Ganz hinten sehen wir zwei junge Frauen auf einem der opulenten Plüschsofas sitzen. Sie schweigen sich an, hauen aber mit zeitweise großer Geschwindigkeit in die Tasten eines Laptops, den sie abwechselnd zwischen sich hin und her reichen. Seltsames Schauspiel, mag sich die Studentin hinter der Theke denken, die gerade zu den beiden herüberschaut – wie unkommunikativ. Doch der Schein trügt: Die beiden führen ein lebhaftes Gespräch!

Es sind die kultextur-Autorinnen Zoë Porombka und Elisabeth Schröder, die mit diesem Laptop-Ping-Pong ein zwei Tage zurückliegendes Erlebnis Revue passieren lassen: eine Performance, die am 29. Mai 2012 im Wewerka-Pavillon in Münster stattfand und deren Akteurinnen sie beide waren.

Ermöglicht und begleitet worden war die Aktion von der Düsseldorfer Künstlerin Ute Reeh, deren Installation „therapeutical sculptures“ bis zum 26. Juni 2012 in dem gläsernen Ausstellungsort am Aasee zu sehen ist.

Die als Experiment angelegte Performance stand unter dem Motto „KontrollverLust“ und fand innerhalb der zur Installation gehörenden Hocker-Gruppe in der Mitte des Pavillons statt. Während Elisabeth Schröder mit Stift und Papier auf einem der Hocker saß und spontan drauflos schrieb, stand Zoë Porombka hinter ihr und las die Wörter noch während des Schreibens laut und möglichst synchron vom Blatt ab. Es galt, in dem zuvor festgelegten Zeitraum von 20 Minuten den Schreib- und Lesefluss nicht versiegen zu lassen.

Hörprobe:

Direkt im Anschluss an die Performance gab es die Möglichkeit zum Gespräch, in dem alle Beteiligten – die Künstlerin, die Performerinnen und das Publikum – die gerade erlebte Situation reflektieren konnten.

Und um Reflexion geht es auch heute, in dem spontanen Bildschirm-Dialog der beiden bei einer Flasche Kaffee-Cola und einem schwarzen Tee:

Zoë: Hallo Elisabeth – nun sind die Performance und das Gespräch darüber schon zwei Tage her und die ganzen Eindrücke konnten etwas sacken. Berichte mal – wie geht’s dir?

Elisabeth: Hi Zoë! Eigentlich ganz gut. Ich bin froh, das ausprobiert zu haben. Das ist für mich die erste Performance gewesen und ich fand es gut, diese künstlerische Ausdrucksform in einem ein wenig begleiteten Rahmen und mit anschließender Reflexion erproben zu können.

Zoë: Geht mir auch so. Im Nachhinein denke ich auch, dass unser Rahmen so richtig war; wie Ute schon sagte – es kann sehr hilfreich sein, eine Form/ einen gewissen Rahmen/ festgelegte ästhetische Grenzen  zu haben, um dann darin völlig frei sein und wirklich loslassen zu können. Im Gespräch hat ja ein Kommilitone von dir geäußert, dass das Ansagen des zeitlichen Rahmens von 20 Minuten Spannung genommen und ihn von vorn herein etwas entzaubert hat. Das kann ich, was das Zuhören angeht auch wirklich gut verstehen – aber was unsere Produktionsseite angeht war es doch sehr hilfreich um ein Ende zu wissen, das eben genau nicht in unseren Händen lag. Überhaupt: wie war eigentlich die Anwesenheit des Publikums für dich?

Elisabeth: Noch einmal ganz kurz zu dem zeitlich gesteckten Rahmen: Ich fand es auch gut, auf diese Weise eine äußere Begrenzung zu haben, eine Art „kontrollierten Kontrollverlust“ ausprobieren zu können. Für mich selbst wäre es schwer gewesen, beim Schreiben von mir aus einen Endpunkt zu finden bzw. ich hätte dann immer versucht ein „schönes“ Schlusswort zu finden oder so etwas. Daher war es gut, von außen das Limit gesetzt zu bekommen.

Die Anwesenheit des Publikums hat das, was ich geschrieben habe, sehr stark geprägt – mehr, als ich gedacht hätte. Ich stand doch unter einem ziemlich starken Druck bzw. der „innere Zensor“, der mir verboten hat, wirklich alles zu schreiben, was mir durch den Kopf geht, war doch recht präsent. Das hat auch dazu geführt, dass ich in dem, was ich geschrieben habe, eigentlich die ganze Zeit die Situation und das, was ich schreiben oder eben nicht schreiben möchte, reflektiert habe.

Zoë: Stimmt… – genaugenommen war es gar kein „kontrollierter Kontrollverlust“, sondern gerade durch das Abgeben der zeitlichen Kontrolle noch sehr viel unkontrollierter. Denn wie wir schon festgestellt haben, ist unser Zeitgefühl in  der Performance ja total durcheinander gekommen und du konntest dir nie sicher sein, wann du mit deinem Schreiben enden musst. Das Publikum hat dann vielleicht wieder für eine Art Kontrolle gesorgt.

Aber es ging ja auch um den Spaß am Kontrollverlust und bei einem ersten Versuch ohne Publikum hatte ich das Gefühl, es gibt für dich diesen Punkt, an dem die Sprache einfach fließt, bewusstseinsstromartig, an dem der Kopf völlig ausgeschaltet ist und dein Schreiben mit meinem Vorlesen fast vollkommen zusammenfließt…?

Elisabeth: Ja! Bei unserer Probe hat es tatsächlich diese Momente gegeben, in denen es fast etwas Rauschhaftes hatte und Spaß gemacht hat. Momente, in denen etwas „geleuchtet“ hat, sozusagen.  Das fand ich nach der eigentlichen Performance dann auch etwas schade: dass ich dort solche Momente nicht erlebt habe, sondern es eigentlich in erster Linie anstrengend war. Überhaupt hatte ich danach solche Gedanken wie: Warum hast du denn nicht über dieses oder jenes geschrieben? Dir hätte doch so viel einfallen können?! Aber ich denke, Ute hat schon recht, wenn sie sagt, dass das etwas ganz Natürliches und auch Teil kreativer Arbeit ist: dass man auch solche „negativen“ Erfahrungen macht, daraus seine Schlüsse zieht und etwas weiterentwickelt.

Zoë: Das ist überhaupt nicht negativ, finde ich, sondern eine Erfahrung, die einen wichtigen Teil künstlerischer Produktion zeigt – die Anwesenheit des Dritten/ des Publikums. Und diese Anwesenheit zu leugnen wäre doch ziemlich ‚Elfenbeinturm‘. Markus Orths hat einmal etwas dazu in einem Interview gesagt, vielleicht können wir das später einfügen.

(Später hinzugefügt – Markus Orths in einem Gespräch mit Marie T. Martin für den Poetenladen bzw. den poet Nr.11: „Dann aber auch die Frage: Was an diesem Stoff könnte andere Menschen interessieren? Man kann, wenn man veröffent­lichen will, den Leser nicht ausblenden. Man kann nicht in reiner Nabelschau bei sich selbst bleiben. Man existiert nur durch die Blicke der anderen. Man schreibt demnach auch immer im Hinblick auf die anderen, zwangsläufig. Das ist kein opportunistisches Hinter­her-Eiern und Anbiedern, sondern eine Grund­konstel­lation, die es immer wieder sich klarzumachen und zu hinterfragen gilt.“ Aus: http://www.poetenladen.de/marie-martin-markus-orths.htm, Titel: „Heute minus zwanzig Seiten geschrieben!“ Stand: 07.06.2012.)

Aber zurück zu dir: Als du den Text von unserer Probe zu Hause noch einmal gelesen hast: Hattest du da das Gefühl man kann diesen Punkt an dem die Worte leuchten auch als Leser ausmachen? Glaubst du, es ist für deine weiteren Arbeiten wichtig noch einmal an diesen Punkt zu kommen oder haben dir andere, überarbeitete Texte besser gefallen?

Elisabeth: Insgesamt kann ich sagen, dass ich die Texte aus der Probe, bei denen ich während des Schreibens immer dachte, dass das jetzt nicht gerade toll ist, was ich da schreibe, im Nachhinein eigentlich doch ganz okay fand und dass ich schöne und auch lyrische Stellen darin gefunden habe. Allerdings waren das gar nicht unbedingt die Stellen, die mir beim Schreiben am meisten Spaß gemacht haben. Und selbst der Text aus der Performance wirkt beim späteren Lesen nicht so angestrengt, wie er mir beim Schreiben vorkam – auch wenn er schon viele Wiederholungen enthält und sich die ganze Zeit auf einer selbstreflexiven Meta-Ebene bewegt, die sprachlich interessante Bilder oder narrative Elemente in meinen Augen tatsächlich weitgehend verhindert hat. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass die Möglichkeit zur Überarbeitung und zum Feilen am Text doch ein ganz wichtiger Aspekt für mich als Schreibende ist. So ein Spontantext kann für mich zwar eine gute Inspirations- oder Ideenquelle darstellen, er wiegt aber meist eben doch nicht den bewusst geformten Text auf.

(Die Thekenkraft bringt die zweite Flasche Kaffee-Cola und einen Cappuccino. Wegen Überlänge der Unterhaltung überspringen wir ein paar Dialogpassagen, schauen dabei ein wenig aus dem Fenster, lassen den Blick in die Kuchenvitrine und über das Büchertausch-Regal schweifen und klinken uns mit dem nächsten Laptop-Wechsel wieder in den Dialog der beiden Schreiberinnen ein.)

Zoë: Inwieweit schließt unser ‚KontrollverLust-Experiment‘ denn eigentlich an andere künstlerische Arbeiten von dir an und was nimmst du daraus für dein weiteres Schaffen mit?

Elisabeth: Der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Performance war meine Arbeit an den Schreibzeichnungen, bei denen ich zuerst bereits bestehende Texte von mir in Zeichnungen „übersetzt“ habe, dann aber gemerkt habe, dass das nicht richtig funktioniert und zu dem Schluss gekommen bin, dass es dem Prozess des Zeichnens vielleicht eher entspricht, spontan, erst während des Zeichnens die Worte zu suchen. Diese Spontaneität führt aber dazu, dass auch Worte aufs Papier gelangen, die mir hinterher vielleicht „peinlich“ sind, die ich unter anderen Umständen wegstreichen würde, die nun aber in der Zeichnung fixiert sind. Das ist ja schon eine Form des Kontrollverlusts, und aus dieser Überlegung hat sich dann im Gespräch mit Ute das Konzept für die Performance entwickelt, die, wie Ute sagt, ja letztlich auch eine Form der Zeichnung ist: eine Zeichnung im Raum, bei der die Worte von mir über dich in den Raum zu den anwesenden Zuhörern gelangen und bei denen der Text – oder die Zeichnung – letztlich auch erst durch diese drei Komponenten vollständig wird.

Durch das Experiment habe ich auf jeden Fall gemerkt, dass ich es an sich schon ganz gerne mag, im künstlerischen Prozess Kontrolle zu habe, dass ich aber auch das große positive und produktive Potential sehen kann, dass im Spontanen und in der Improvisation liegt. Das Prinzip der Improvisation – das ist auf jeden Fall etwas, das mich nun verstärkt interessiert und mit dem ich mich weiter auseinandersetzen möchte.

(Ein Pärchen am Tisch gegenüber beobachtet das Laptop-Geschiebe irritiert. Die Schreiberinnen versuchen seriös zu gucken.)

Zoë: Schön, ich bin schon gespannt! Und um noch einmal ganz deutlich den Bogen zu unserem Monatsthema, dem Tod des Autors, zu schlagen: das, was wir produziert und in den Raum gezeichnet haben, ist letztlich erst von den Zuhören selbst zu einem großen, auch sinnvollen Ganzen zusammengesetzt worden. Wo die Zuhörer Sinnabschnitte bildeten, wie sie die bruchstückhaften Worte zusammen setzten, wo sie der klanglichen Dimension Inhalt zufügten, das alles konnten wir letztlich nicht kontrollieren. Also nochmal ein Kontrollverlust – und auch irgendwie eine postdramatische Geste… Ich muss zugeben, dass ich so langsam etwas müde werde. Wollen wir zum Ende kommen? Möchtest du noch etwas loswerden?

Elisabeth:  Ja, eine Sache noch: Etwas, das ich krass fand, war die „Machtposition“, die ich in der Performance in gewisser Weise hatte. Die Abmachung war ja, dass ich schreibe und du das direkt liest – egal, was ich schreibe. Ich fand das Gefühl sehr komisch, theoretisch die Macht zu haben, dich alles sagen zu lassen, was ich will – auch wenn ich diese Macht nicht missbraucht habe. Da kommt dann natürlich auch der Aspekt von Vertrauen ins Spiel: dass man sich in der Performance aufeinander bzw. die ästhetische oder einfach zwischenmenschliche Intuition bzw. Sensibilität des anderen verlassen kann, dass eben nicht einer die Situation auf Kosten des anderen ausnutzt.  Du hast ja auch im Gespräch nach der Performance gesagt, dass du diesen Macht-Gedanken gar nicht so schlimm fandest – weil du in dem Moment ja die Verantwortung für das Gesagte abgeben konntest.  Oder?

Zoë: Ja, das stimmt. Ich hätte ja nur meine Aufgabe im abgesprochenen Gesamtkonzept erfüllt und hätte bei allen Aussagen immer auf dich als Autorin verweisen können. Und: ein bisschen Macht hatte ich ja auch, z.B. wenn ich einige Buchstaben ausgesprochen habe, noch bevor du sie wegstreichen konntest. Das hat mir am meisten Spaß gemacht, dann dachte ich immer: hah, es ist trotzdem da, es existiert jetzt, weil ich es gesagt habe! Interessant war aber auch, dass die Zeichnung aus dem Rahmen gefallen ist, im wahrsten Sinne des Wortes, wenn du mich direkt angesprochen hast. In diesen Momenten hatte ich dann auch das Gefühl sichtbar zu sein und nicht nur als unsichtbarer Sprecher zu fungieren. Darüber sollten wir beim nächsten Kaffeetrinken nochmal in Ruhe nachdenken…

Elisabeth: Diese Momente, in denen ich dich in der Performance direkt „angeschrieben“ habe, waren – zumindest wurde das so rückgemeldet – für das Publikum auch besonders merkwürdig: Momente, in denen es sich plötzlich „außen vor“ und ein bisschen in der Position des Voyeurs gefühlt hat.

Aber du hast Recht, für heute ist unser Koffeinpegel wohl hoch genug… und der Kopf wird auch langsam leer. Apropos leer: Da fällt mir noch eine Beobachtung von dir ein, die ich so schön fand, dass ich sie gerne ans Ende unseres kleinen Reflexionsdialogs stellen würde. Nämlich die Tatsache, dass es eine interessante Polarität zwischen uns beiden innerhalb der Performance gab: Während du im Kopf ganz leer werden musstest, dein eigenes Ergänzen-Wollen im Leseprozess möglichst ausschalten und die eigenen Worte im Kopf eher zurückdrängen musstest, durfte ich gerade nicht leer werden, durfte nicht aufhören zu schreiben und Worte „heranzuschaffen“ – ein interessanter Gegensatz bzw. eine interessante Ergänzung unserer beiden Positionen, finde ich.

In diesem Sinne – bis zur nächsten Performance!?

Zoë: Auf jeden Fall bis zur nächsten Performance!