Provinzhollywood

Jeden Nachmittag, wenn Hendrik zur Arbeit kam, durchflutete ihn für einen Augenblick das gleiche aufregende Gefühl, dass er schon als Kind gespürt hatte, wenn er ein Kino betrat. Wenn ihm der süßliche Geruch von Popcorn entgegen geschlagen war, hatte er gewusst, dass er gleich die Filmfiguren auf der großen Leinwand sehen würde, von denen er seit Tagen in Zeitschriften las. Er hatte sich in einen der plüschigen Sessel sinken lassen und wenn die Vorhänge mit diesem leise klackenden Geräusch zur Seite gezogen worden waren, um die ganze Leinwand freizugeben, wenn der Dolby-Surround-Sound begann, dann war Hendrik Teil des Films geworden. Am Ende war er sitzen geblieben und hatte den ganzen Abspann gelesen, bis er wusste, wer für das Catering zuständig gewesen war, wie die Sanitäter und der Hund des Produzenten hießen. Er hatte die Spitznamen der Stund-Leute gelesen und war sich vorgekommen, als wäre er in einen Insiderwitz eingeweiht worden. Seine Freunde hatten draußen vor dem Kino gewartet und ein bisschen über ihn gelacht, waren etwas genervt gewesen, aber eigentlich froh, dass er endlich da gewesen war und sich ihnen mit noch leicht verklärtem Blick angeschlossen hatte. Bei Döner und Cola hatten sie Kamerafahrten und Einstellungen diskutiert. Leonhard war vor allem an den Aufsichten aus der Luft interessiert gewesen, Konrad hatte alles mit Werken von Francis Ford Coppolla und Agnès Varda verglichen und Hendrik hatte sich immer laut gefragt, wie das alles im Drehbuch dargestellt worden war. Es waren sehr anstrengende Diskussionen gewesen.

Heute betrat Hendrik das „Beverly Hills“ durch einen Hintereingang, löste die Fahrradgamaschen von seiner Hose und zog seine Uniform an. Zum Glück funktionierte die Klimaanlage. Es roch auch in der Umkleide nach Popcorn, aber nicht so stark wie in der Eingangshalle. Die gemütlichen Plüschsessel waren durch abwaschbare Sitze ersetzt worden, die aussahen, als sei die Bestuhlung auf Captain Picards Brücke Vorlage gewesen.
Hendrik war immer der erste, der zur Arbeit kam. Er war schließlich der Mitarbeiter, der am längsten in diesem Kino arbeitete. Regelmäßig wurde er zum „Mitarbeiter of the Month“ gewählt. Hendrik fand, dass amerikanische Filme zu sehr seine Arbeitsstelle beeinflussten, aber ihm war auch klar, dass er weder in der Position noch am richtigen Ort war, um das anzumerken.
Neben der Umkleide stand immer ein großes Filmplakat (in dieser Woche zeigte es Kevin Kostner), zu dem Hendrik jedes Mal, wenn er die Umkleide verließ, „Guten Tag, dann wollen wir mal“, sagte (außer, es zeigte Arnold Schwarzenegger oder Selena Gomez – dann sah Hendrik beim Vorbeigehen demonstrativ in eine andere Richtung). Meistens war er mit seinen Gedanken noch bei seinem Drehbuch, das in der 35sten Version auf seinem Computer lag, wenn er sich an die Kasse setzte. Er hatte immer noch keine gute Einstellung für das Ende gefunden, von passender Musik ganz zu schweigen. Die Kamera sollte mit den Hauptfiguren mitfahren, bis zu einem gewissen Punkt (aber welcher Punkt sollte das sein?) und dann stehen bleiben. Die Schauspieler würden weiter laufen und die Musik? Vielleicht gar keine Musik. Nur Stille. Aber nein, das passte nicht. Klavierspiel? Auf jeden Fall sollte ein Chor singen. Genau, ein Chor. Aber was für einer?

„Schreib’ doch mal einen richtigen Blockbuster!“, sagten die Freunde, die von seinem Hobby wussten. Hendrik war sich nicht sicher, ob er einen Blockbuster schreiben wollte. Er hätte gerne mit Maria darüber gesprochen, aber Maria hatte seinen Brief nicht beantwortet. Hatte er einen Absender auf dem Umschlag geschrieben? Vielleicht war der Brief auch nicht angekommen oder hatte nicht zugestellt werden können, weil Maria umgezogen war. Oder Maria wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, nachdem, was er zu ihr gesagt hatte.

Von seinem Platz an der Kasse konnte Hendrik kaum nach draußen schauen. Alles war mit Filmplakaten verhangen. Die meisten hatte er gemeinsam mit seinen Kollegen aufgehängt und darauf geachtet, dass die Dramen, Film noirs und Fantasyfilme am besten zu sehen waren. Daraufhin hatte er sich eine Predigt über Merchandising von seinem Chef anhören und die Plakate der Katastrophenfilme und Liebeskomödien besser platzieren müssen. Maria mochte vor allem Fantasyfilme. Jedes Jahr im Dezember kam sie zum Triple Feature von Der Herr der Ringe. Hendrik fand das total übertrieben, aber er hatte ihr immer gerne zugehört, wenn sie sich in Begeisterung redete.

Durch ein kleines Stückchen Fenster, das nicht von großformatigen Actionhelden verdeckt war, sah Hendrik ein bisschen Himmel, über das sich Kondensstreifen zogen. Wenn er lange genug hinsah, und dazu hatte er gerade Zeit, denn noch niemand wollte Karten haben, sahen sie aus wie Muster eines Schachbretts. Draußen knallte die Sonne auf den Asphalt und die Jugendlichen und Rentner, die hinein kamen sagten: „Oh, ist das schön kühl“ oder „Puh, endlich nicht mehr so heiß!“ bis sie feststellten, dass die angenehme Frische der Klimaanlage in Eiseskälte umschlug.

Am liebsten sah Hendrik den Kindern zu, die zwischen zwölf und vierzehn waren und so aussahen, als seien sie zum ersten Mal ohne Begleitung ihrer Eltern im Kino. Heute stand ein Dreier-Grüppchen Mädchen unschlüssig in der Eingangshalle, die Fahrradhelme sorgsam an den identischen Umhängetaschen mit Blümchenmuster befestigt. Hendrik wunderte sich, dass Blümchenmuster noch in waren. Sie sahen sich unsicher um und wusste nicht wohin mit ihren Armen und Händen.

„Boah, da seid ihr ja endlich!“, sagte ein großes schlaksiges Mädchen, als drei Jungs im gleichen Alter herein kamen. Hendrik sah zu, wie sie sich alle umständlich umarmten. Es war schwer zu sagen, wer am stärksten verlegen wirkte. Sie gingen langsam auf die Kasse zu.

„Ähm … sechs Karten für Ice Age 5 … Parkett“, sagte die große Schlaksige. Ihre Freunde standen hinter ihr und versuchten cool auszusehen. „Kein Problem!“, sagte Hendrik übertrieben fröhlich. „So, das macht dann jeweils sechs Euro! Heute ist Kinotag!“ Die Kinder begannen in ihren Taschen zu kramen und legten nacheinander Geld oder Gutscheinkarten auf den Tresen, der etwas schief war, sodass sie ihr Geld oder die Karten festhalten mussten. Hinter ihnen bildete sich eine kleine Schlage. Hendrik riss die Karten aus der Maschine. „Viel Spaß!“, sagte er und reichte sie dem Jungen mit den hochgegelten Haaren, der als letzter bezahlt hatte. Sie schlurften in eine Ecke und begannen die „Ich will aber nicht am Rand sitzen“, „Ich will neben so und so sitzen“-Diskussion.

Hendrik wettete mit sich selbst, in welchen Film die nächsten Besucher gehen würden. Er belustigte sich damit eine Weile, aber als er sich bis zu seiner Pause um siebzehn Uhr nur einmal vertan hatte, langweilte es ihn.

In der Umkleide packte er sein mitgebrachtes Brötchen und einen selbstgemachten Kartoffelsalat aus und scrollte durch sein Handy, obwohl er nichts suchte. Kurz überlegte er, Maria anzurufen. Wenn sie dran ging, würde er sagen: „Hallo Maria, ich wollte mal hören, wie es dir so geht.“ Er stellte sich vor, wie sie mit dem Telefon auf dem Balkon stand, vielleicht in einem leichten Sommerkleid und mit ihrem knallroten Lippenstift, die Brille etwas verrutscht. Aber was sollte sie ihm dann antworten? Er konnte förmlich die Missbilligung in ihrer Stimme hören. Hendrik steckte das Telefon in die Tasche, starrte zu der Neonröhre an die Decke und fragte sich, wie viele Mücken und Fliegen hinein gekrabbelt waren und es nicht wieder hinaus geschafft hatten. Ihre Kadaver bildeten ein Muster in der Neonröhre, das aussah wie Blüten.

„Mann, ist das heiß draußen!“ Sein Kollege Peter betrat die Umkleide. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sprühte sich großflächig mit Deo ein. Eine kleine Wolke hing für kurze Zeit in der Luft. Hendrik bildete sich ein, er könne einzelne Tropfen sehen. Er musste husten. „Ist heute dein langer Tag?“, wollte Peter wissen. Hendrik hätte ihn gerne gefragt, welcher Tag nicht lang war, nickte aber nur. Seit kurzem war er schließlich „Vollzeit“, Peter schien das noch nicht mitbekommen zu haben. Er aß seinen Salat ohne viel davon zu schmecken und stopfte die Brötchenverpackung in die leere Tupperdose.

Nach einer halben Stunde sinnlosen Handy- und Neonröhrenstarrens ging er wieder zurück. „Weiter geht’s“, sagte er zu Kevin neben dem Eingang zur Umkleide. Hendrik unterdrückte ein Gähnen. Die Besucher der Abendvorstellungen trudelten ein. Mitten in der Woche hauptsächlich Rentner und Studenten .

Ein neues Muster Kondensstreifen hatte sich gebildet. Es sah nicht aus wie ein Schachbrett, sondern die Linien gingen beinahe fließend ineinander über. Die Vorstellungen in Saal drei und vier waren zu Ende. Peter wartete schon vor dem ersten Saal auf ihn. „Nimmst du Nummer vier? Ich wette, ich bin schneller als du.“ Auf seinem Handy schaltete er die Stoppuhr ein. „Los!“ Hendrik unterdrückte ein Seufzten und trat in das Dunkel des Ganges zu Saal vier. Zu Beginn seiner Arbeit hatte er sich manchmal vorgestellt, dass er ein großes Plakat aufhängen würde, auf dem er die Besucher aufforderte, ihren Müll mitzunehmen und in die Eimer direkt vor dem Saal zu werden. Die dummen Gesichter zu sehen, wenn er Besucher direkt auf das Plakat hinweisen würde, stellte er sich immer als sehr befriedigend vor. Das hätte das Highlight seines Tages werden können. Leider war sein Chef strikt dagegen gewesen. „So was haben wir noch nie gemacht!“

Hendrik schlug einen großen Müllsack auf und ging durch die Reihen, um leere und halbvolle Popcorntüten und Getränkebehälter einzusammeln. Am ekelhaftesten waren die Nachoschalen. Er stellte sich vor, wie ihm eine Handkamera folgte, dabei spielte Musik von Hans Zimmer. Die Musik türmte sich zum Finale auf, als er einen Jumbo-Becher Popcorn aufhob, der halbvoll auf den Boden gefallen war. Wenn Maria ihn so sehen würde, hätte sie bestimmt Mitleid mit ihm oder sie würde ihn total peinlich finden, wie er sich mit dem kleinen Sauger mühte, das Popcorn aus dem Nagelfilz zu entfernen. Wahrscheinlich letzteres. Hendrik saugte an der einen Seite, dann an der anderen. Jetzt sah das Popcorn aus wie ein großes W. Vielleicht ein bisschen wie diese Cassiopeia, von der Maria so gerne sprach? Wenn er ihr nur genauer zugehört hätte oder ihr überhaupt zugehört hätte.

Er ließ sich auf einen der Sitze in der Loge fallen. Mitten drin. Hendrik sah an die dunkelblaue Decke, an der kleine Popcornkügelchen hingen, die irgendwer mit Strohhalmen dort hinauf geschossen hatte. Die Konstellation sah ein bisschen aus wie ein Sternenhimmel.

„Alter, was sitzt du da rum?“ Peter stand unten am Eingang und sah zum ihm hinauf. „Wenn du zwischendurch erst mal ein Päuschen machst, ist es doch klar, dass ich gewinne. Los, beeil dich, die ersten kommen gleich!“

Hendrik saugte den Rest des Sternbildes auf dem Bogen weg, packte den Müllsack und folgte Peter nach draußen. Sehnsüchtig schaute er auf seine Uhr. Die letzte Vorstellung begann um 21 Uhr.

Um zehn vor neun kamen mehrere Frauen schnellen Schrittes in die Eingangshalle. „Sind wir zu spät dran? Wir wollen diesen neuen Thriller um neun Uhr sehen. Gibt es dafür noch Karten?“ Die Frau, die gesprochen hatte, war etwas kleiner als Maria, aber die Länge ihrer Haare passte. Sie waren eine Nuance heller als Marias, der Lippenstift hatte den gleichen Ton. Hendrik hielt für einen Augenblick die Luft an. Nein, natürlich war es nicht Maria. Er konzentrierte sich schnell wieder auf den Bildschirm vor ihm. „Doch, gibt es noch“, sagte er mit halb erstickter Stimme.

Die Frau strahlte ihn an. Sie trug auch keine Brille, fiel ihm jetzt auf. Als er sich aber vorbeugte, um ihr die Karten über den Tresen zu reichen, erhaschte er einen Hauch ihres Parfüms. Sie roch genauso wie Maria. Als die Frau mit ihren Freundinnen kichernd die Treppe zu einem der Kinosäle hinauf gegangen war, saß Hendrik noch einige Minuten wie in Schockstarre da. Vielleicht sollte er Maria doch anrufen, wenn er sie schon überall sah. Kurz vor neun, das war zu spät. Maria saß sicherlich draußen auf dem Balkon und las ein Buch. Wahrscheinlich hatte sie Kerzen angezündet und hörte ihre Duke Ellington Orchestra CD in Dauerschleife. Wenn er sie jetzt stören würde, würde ihr Gespräch nicht einmal einen guten Anfang haben.

Hendrik schloss die Kasse und ging nach oben, um beim Säubern der Snacktheke zu helfen. Wann genau war er eigentlich Mädchen-für-alles geworden? Maria würde sich über einen solchen Ausdruck sicherlich ärgern.

„Fünf Minuten und vierunddreißig Sekunden für Saal drei!“, hörte er Peter sagen, als er um die Ecke bog. „Saal drei! Da hatten gefühlt zweihundert Leute ihre Becher stehen lassen!“ Neben Peter stand Tanja, die erst seit kurzem zum Team gehörte. Sie hatte pinke Haare und einen Nasenpiercing. Maria hätte gesagt, dass sie wild aussieht, aber Hendrik wusste, dass Maria Tanjas Tattoos insgeheim bewundert hätte. Hendrik hätte sich gerne mit jemandem über Filmmusik unterhalten, aber Peter sagte bei jeder sich bietenden Gelegenheit „Also ehrlich, ich arbeite hier nur!“ und Tanja musste ja nicht gleich in ihrer ersten Woche herausfinden, dass Hendrik, ein Freak war.

Von hier oben konnte er besser nach draußen sehen. Die Dämmerung hatte eingesetzt und Wolkenfetzen hatten sich über den blauen Himmel geschoben. Gegen die untergehende Sonne wirkten sie fast schwarz. Als die Straßenlaternen angingen, kamen die letzten Besucher aus dem Kinosaal. „Das schaffe ich in unter vier Minuten, wetten!“, sagte Peter und stürmte mit einem Müllsack bewaffnet los. Hendrik sah, wie Maria, die nicht Maria war, ihren Becher in einen der Mülleimer warf, die vor der Tür aufgestellt waren. Sie lächelte Hendrik zu, als sie an der Theke vorbei ging.

Tanja machte den ‚Klorundgang‘, Peter war mit Aufräumen beschäftigt und Hendrik fragte sich, wann seine Vorstellung nachts im Kino eingeschlossen zu werden, von einem Traum zu einem Albtraum geworden war. Rein aus Gewohnheit machte er schließlich den letzten Rundgang, obwohl er wusste, dass alle das Gebäude verlassen hatten, sperrte alle Türen zu, sagte „Bis Morgen“ zu Kevin Kostner und zog sich um.

Das Schloss der Hintertür klemmte, sodass er sich wie jeden Abend an die Tür hängen musste, um den Schlüssel zu drehen. Er sollte auf eine Auswechslung des Schlosses bestehen. Auf der anderen Straßenseite sah er den Maria-Verschnitt und ihre Freundinnen stehen. Im runden Schein der Straßenlaterne sahen sie aus, als stünden sie auf einer Bühne.

Der Dönerladen war hell erleuchtet, Tarek wischte die Theke ab. „Hallo Edmund North“, sagte er, als Hendrik den Laden betrat. „Wie immer?“ Hendrik nickte und setze sich an den Tisch am nächsten zur Theke. Tarek stellte ein Glas Tee vor ihn. „Was macht man, wenn das, was man will, dass es passiert, nicht passiert?“, fragte Hendrik.

Tarek pfiff leise vor sich hin. „Was fragst du mich das, Edmund?“ Der Tee war bitter, aber heute rührte Hendrik keinen Zucker hinein. Draußen vor dem Laden überquerten die Frauen, die eben noch unter der Laterne gestanden hatten, die Straße. Sie gingen fast gleichmäßig, ihre Haare wippten ein bisschen, zwei von ihnen hatten sich untergehakt, Maria, die nicht Maria war, ging rückwärts vor ihnen her. Sie wedelt mit den Armen, sie lachte. Kameraeinstellung Slow Motion würde Hendrik schreiben. Und dazu Musik von Henryk Górecki.