Schifffahrt

 

Bin des Gescheiterten Grab. Doch du, fahr zu nur! Denn als wir starben, zogen des Meers übrige Schiffe noch fort. – Theodoridas, Anthologica Graeca, Buch VII, Nr. 282

 

Bis zum Meer waren es hunderte Kilometer. Man dachte hier nur selten an Gewässer, an denen jeden Sommer Familien mit kleinen Kindern und Rentner urlaubten und das rau und wild war und ganze Schiffe verschluckt hatte. Eduard Meier dachte genug für alle daran, obwohl er noch nie dort gewesen war. Währenddessen hörte er Arvo Pärt als sei es Kurt Cobain.

Sein Bauernhof lag inmitten von Kornfeldern am Ende eines staubigen Wirtschaftsweges, der bald von Getreide überwuchert werden würde. Die Art, wie Herr Meier ging war das einzige, an das die Leute sich mit Sicherheit erinnern konnten, nachdem sie ihn getroffen hatten. Er zog die Schultern hoch, sodass sein Kopf fast dazwischen verschwand und es war ein Federn in seinem Schritt, das Hüpfen gleichkam. Seine gekrümmte Haltung hatte sich zu einem Buckel ausgeweitet – er sah aus wie ein hüpfender Gnom und die Kinder, die vorm Lidl herumlungerten, lachten über ihn.

Abgesehen von seiner Art sich zu bewegen war Herr Meier unauffällig. Er pflegte keinen Kontakt mit den Menschen aus dem Dorf und war weder im Schützenverein noch im Kirchenchor Mitglied. Die einzigen regelmäßigen Besucher waren die Sternsinger, die Damen von der Caritas und der Postbote. Bei schlechtem Wetter kamen letztere gar nicht – nur die Sternsinger, die standen jedes Jahr egal bei welchem Wetter pünktlich auf der Schwelle und einer von ihnen balancierte auf einer wackeligen Leiter, um den Segensspruch über die Tür zu schreiben. Einmal hatte Herr Meier aus Versehen die Korridortür aufgelassen, sodass man gut in die Schduub sehen konnte. Die Kinder hatten gar nicht wieder gehen wollen.

„Haben Sie die alle selber gemacht?“ – „Was für ein Schiff ist das?“ – „Darf ich mal anfassen?“

Durften sie natürlich nicht, denn Herrn Meier waren seine Modellschiffe heilig. Im Winter saß er nach getaner Arbeit auf der Ofenbank und bastelte und im Sommer draußen auf der Terrasse. Dabei hörte er sehr laut Klassik. Vor allem im Sommer saß er bis spät in die Nacht dort. Er machte ein kleines Lagerfeuer und manchmal trank er ein Bier. Wenn es auf die Vollendung eines Schiffes zuging, auch mal ein Gläschen Wein in Erinnerung derer, die in den Wracks am Meeresgrund lagen. Herr Meier nahm seine Arbeit sehr ernst. Wenn er sich nicht erinnern würde, wer denn dann? Der Platz in seiner Schduub und seiner Küche wurde mittlerweile eng und überhaupt, eine Schduub und eine Küche waren sowieso kein geeigneter Ort für Schiffe, fand Herr Meier. Das Meer musste her.

An einem Abend im Spätsommer, kurz bevor die Erntezeit begann, holte Herr Meier den alten Spaten aus seinem Schuppen. Er wusste nicht so richtig, wie man ein Meer baut, so etwas macht man schließlich nicht alle Tage. Es war heiß und die nun aufkommende Brise versprach ein bisschen Abkühlung und später vielleicht Gewitter. Es war eine gute Nacht, um ein Meer zu bauen.

Herr Meier steckte die Ausmaße seines Meeres ab und grub. Er grub durch den Mutterboden und stieß schließlich auf Lehm und als die Nacht so schwarz geworden war, dass sein kleines Lagerfeuer nicht mehr genügend Licht spendete, holte er eine Baulampe aus dem Schuppen. Als das Gewitter kam, hatte er das Loch mit schwarzer Folie ausgelegt. Mit dem Gartenschlauch wurde das Loch zum Meer und als das letzte Donnergrollen vorüber gezogen waren, setzte Herr Meier im stillen Nach-Gewitter-Regen die HMS Ramillies, Vasa, Flor de la Mar und schließlich die Tek Sing ins Meer. Er sah über seinen Meer hinaus, auf dem längst untergegangene Schiffe schipperten und das Korn wogte gegen das Haus wie die Wellen an den Bauch eines imposanten Schiffes.

 

Quelle Zitat:

Theodoridas. „282. Schiffbrüchig.“ Anthologia Graeca Buch VII – VIII. 2., verb. Auflge. Ed. Hermann Beekby. München: Ernst Heimeran Verlag, 1965. 169.