Schreiborte III: Woyton, Antoniusgasse, Köln

Morgens hier sitzen, wenn einem die Musik noch etwas zu laut ist, aber der Kaffee so gut schmeckt, wie den ganzen restlichen Tag nicht – das ist die eigentliche Zeit, um in einem Café zu schreiben.

Immer wieder heißt es, welche Gelegenheiten sich in einem Café für uns Schreiberlinge bieten würden: originelle Gestalten, Fetzen fremder Gespräche, Kaffee, der einem an den Tisch gebracht werden, zeitliche Einschränkungen, die einem zum Schreiben animieren; und bei vielen, teuren und gescheiterten Selbstversuchen, habe ich für mich persönlich gemerkt, dass all diese Vorteile Nachteile sind.

Anstatt zu Schreiben, betrachte ich die originellen Gestalten. Und auch der originellsten Gestalt fällt auf, wenn das Mädel mit dem großen Notizbuch, sie anstarrt. Ich lausche den Fetzen fremder Gespräche – über das blonde Mädchen mit den spitzen Schuhen rechts in der Fensterecke weiß ich inzwischen mehr, als ich je über einen Menschen wissen wollte (besonders Onkel Michael ist eine Dramaqueen, aber was hat sich Gabi auch dabei gedacht, als sie ausgerechnet mit dem nach Nippes gezogen ist!). Wird mir Kaffee an den Tisch gebracht, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich zwei Stunden an einem kleinen Cappuccino nippe, und das Tapp-Tapp-Tapp-Tapp-Tapp der Kellner hört sich spätestens nach einer halben Stunde an wie Iss-ei-nen-Muf-fin.

Doch morgens ist es anders. Morgens um halb neun im Woyton in Köln lässt sich schreiben.

Die originellen Gestalten sind dünn gesät und noch zu müde für Gespräche. Noch hat sich die Heizung nicht eingearbeitet, und ich kann mit einem gigantischen Latte Macciatto, in meine Jacke gewickelt, der Stadt beim aufwachen zusehen und mitschreiben.

Riesige Fenster ermöglichen sicheres und diskretes Hinterherstarren und da man seinen Kaffee vorne an der Theke abholt, gibt es kein Tapp-Tapp-Tapp-Tapp-Tapp. Außerdem sind die Muffins köstlich.

Köln wacht schnell auf. Das Woyton füllt sich. Inzwischen ist das Mädchen mit den blonden Haaren und den spitzen Schuhen da. Dann zückt sie ihr Smartphone und wählt. Meine Schreibzeit ist vorbei. Guten Morgen.