Schwarze Oliven

Meine beste Freundin sagte einmal zu mir: ‚Wer so viele Oliven isst wie du, hat Liebeskummer.’ Abgesehen davon, dass ich demnach eigentlich permanent unter Liebeskummer leiden müsste, finde ich eine solche Bemerkung ziemlich absurd. Im großen und ganzen kann ich mich echt nicht beklagen. Meine Welt besteht aus Lächeln, gutem Aussehen, gutem Riechen und gut gewählten Worten. Ich meine, was braucht es noch mehr. Ab und an vielleicht eine etwas salzige, schwarze Olive. Nicht diese Grünen – die sind zu sanft.

„Müssen wir jetzt nach rechts, Juliane?“

Was? Nach rechts? Klar müssen wir nach rechts. Wir müssen immer nach rechts, alleine der Norm halber. Das ist wie das Besteckmesser an der rechten Seite oder der Stift in der rechten Hand – nur das Lächeln ist rechts und links gleich. Man muss darauf achten, die Augen in das Lächeln mit einzubeziehen, sonst wirkt es nicht echt. Das habe ich schon auf viel zu vielen Fotos gesehen.

„Juliane!“
„Natürlich müssen wir nach rechts – aber vielleicht sollten wir heute nach links fahren.“
„Was?!?“
„Hinter dem Stopp-Schild rechts, dann die Zweite rechts Richtung Autobahn.”
„Fahr doch selbst, wenn’s dir nicht passt, dass ich frage.“
„Tschuldigung – war gerade so in Gedanken.“

Das ist wie ‚Verzeihung, bin ich ihnen etwa auf den Fuß getreten?’. ‚Oh, vielen Dank, dass sie das so schnell erledigt haben’. ‚Aber bitte-danke nach ihnen’. ‚Wenn sie so freundlich wären…’ und wenn nicht? Hamburg – Berlin – London – Sydney – New York. Das steht ihnen ausgezeichnet. Die richtige Frisur zum richtigen Ring, die richtigen Ohrringe passend zu den Schuhen. ‚Das steht ihnen ausgezeichnet’, sagen sie und ich sage ‚Ja, daran können sie sich ein Beispiel nehmen’ und lächle, denn das Lächeln sitzt so gut wie das Kleidchen und außerdem kann ich gut lächeln. Nur die Oliven sind da anders – es sind kleine schwarze Flecken in der Landschaft. Kleine Flecken mit einem offenen Pups. Mit einem was?

‚Also, ich bitte sie’.

Frederike fährt mich wieder. Sie ist stolz darauf mich zu fahren und ich verachte sie für diesen Stolz. Das ist nicht fair, aber die Wahrheit. Wahrheit. ‚Ne, kommen sie mir bloß nicht mit der Wahrheit.’ Abgedroschen. Ausgelutscht. Abserviert. Ich habe viel von dieser Wahrheit. Die rasenden Autos vor uns, hinter uns, neben uns. Fahren stumpf an uns vorbei und heute Abend glotzen sie in ihre Bildschirme. Sie hätten mich auch live haben können, aber sie sind einfach blind.

„Frederike?“
„Ja?“
„Magst du Oliven?“
„Schon.“
„Lieber schwarze oder grüne?“
„Was ist denn mit dir auf einmal los?“
„Wollte ich nur gern mal wissen.“
„Grüne.“
„Ach so.“
„Ach so?“
„Ja.“
„Manchmal bist du unheimlich.“

Ich finde Olivenberge unheimlich. Jeden Tag einen Berg und noch einen und noch einen. Die Zunge kräuselt sich leicht – ich muss schlucken. Ich könnte Frederike alles fragen. Ich könnte sie fragen, warum sie mich jetzt fährt. Ich könnte sie fragen, wie sie sich fühlt, wen sie liebt, was sie in ihrer Freizeit macht, warum sie lebt und sie würde einfach antworten – einfach so. Die Sache ist nur die: Es interessiert mich nicht. Frederike ist einfach nett – das langweilt mich. Und wäre sie nicht nett, sie könnte mir den Buckel runterrutschen. Also frage ich sie nicht.

Ich frage mich eher, warum die Zahlen auf den Autobahnschildern wechseln und warum die Landschaft, wenn ich ins Flugzeug steige anders aussieht als wenn ich aussteige. Meine Schwester meinte neulich mit dieser widerwärtigen Bewunderung in der Stimme ‚du hast es echt raus – du hast es geschafft.’ ‚Und wenn ich gern Bäckereifachverkäuferin werden würde?’ Sie lachte wie über einen guten Scherz. ‚Ich glaube der Zug ist abgefahren’. Sie schüttelte sich vor Lachen und ich hätte ihr am liebsten die Augenbrauen abrasiert, damit ihr das dämliche Gelächter aus dem Gesicht fällt. Vielleicht hätte ich mit dem Zug fahren sollen.

„Frederike?“
„Ja?“
„Was machst du am liebsten?“
„Wann?“
„So insgesamt. Was machst du gerne?“
„Oh, ich mag ausgedehnte Sonntagsspaziergänge. Ich gehe gerne schwimmen. Ich mag es, wenn die Sonne richtig heiß vom Himmel brennt. Ich mag es, wenn Menschen sich freuen. Ich freue mich, wenn ich es schaffe meinen morgendlichen Kaffee aus einem halben Meter Höhe in den Kaffeebecher zu gießen, ohne dass etwas daneben tropft…es gibt 1000 Dinge, die ich gerne mag.“

Siehst du und ich eben nicht. Vielleicht kann ich Frederike deswegen nicht ausstehen. Sie ist so unglaublich profan. So anspruchslos. Einfaches Mädchen vom Lande. Was will sie schon vom Leben. Ich brauche mehr – nicht nur süß. So etwas leicht säuerliches. Ich brauche schwarze Oliven in Salzlake. Tausche gut bezahlten Job mit öffentlichem Ansehen gegen….gegen was eigentlich? Tausche leere Körperhülle gegen Inhalt. Igitt. Wer schenkt mir seinen Magen mit Darm heute als Doppelpack im Angebot – besonders verdauungstüchtig. Wer schenkt mir seine Leber – ganz und gar giftfrei oder hier, hier eine Lunge – schon lange nicht mehr richtig Luft geholt? Wer schenkt mir sein Herz?

„Frederike?“
„Ja?“
„Fühlst du dich frei?“
„Alles ok mit dir? Geht es dir nicht gut? Fehlt dir was?“
„Nein, nein. Mir fehlt nichts. Alles prima. Wollte ich nur so wissen.“
„Einfach nur so?“
„Einfach nur so.“
„Ja – irgendwie schon. Gibt zwar einige Hürden – aber die meisten stellt man sich ja selbst in den Weg.“
„Ich stelle mir doch nicht selbst Hürden in den Weg!“
„Das habe ich auch nicht gesagt.“
„Ach, was denn dann?“
„Ich habe gesagt, dass ich mir selbst manchmal Hürden in den Weg stelle.“
„Selber Schuld.“

Ich ertrage das nicht länger mit dieser Frau in einem Wagen. Zusammengepfercht mit 2000m3 Atemluft. Die ist doch völlig hysterisch. ‚Nehmen sie doch den Sitzplatz in der ersten Reihe, da atmen sie garantiert die gleiche Luft ein, wie ihre Nebenfrau.’ ‚Nein’, sage ich, ‚nein. Nicht die gleiche – die selbe!’ Exakt die selben 2000m3 Luft – ein Liter Luft und das dreizehnmal in der Minute vier Stunden und dreißig Minuten lang, bedeutet das gesamte Autoluftvolumen 2,3mal. Mir wird übel. Ganz egal wohin ich atme. 2,3mal bei Tempo 180. Völlig egal. Genauso wie Frederike – 2,3mal. Ich schalte die Lüftung auf Volldurchzug, um nicht während der Fahrt auszusteigen.

„Frederike?“
„Ja?“
„Wo genau sind wir?“
„Keine Sorge wir brauchen nicht mehr lange.“
„Und wo sind wir?“
„Gleich in Bremen.“
„Fährst du mich zum Bahnhof.“
„Was?“
„Bremen Hauptbahnhof.“
„Willst du mit dem Zug fahren.“
„Ja.“
„Du hast ja wohl nen Totalschaden.“

‚Vielleicht’, würde ich gerne sagen. Wäre sie nicht so verdammt unverschämt. Ich möchte den Zug nehmen. Irgendeinen. Nicht den nach Hamburg wie Frederike denkt. Ich möchte den Zug nehmen bevor er abfährt und mein Gesicht mit schwarzer Getriebeschmiere färben, bis ich so schwarz bin wie eine Olive. Ohne Lächeln. Frederike setzt den Blinker.

„Frederike?“
„Ja?“
„Müssen wir tanken?“
„Nein.“
„Warum hältst du dann?“
„Damit du aussteigen kannst.“
„Damit ich was?“

Sie hält direkt vor dem Klohäuschen. Deutet auf die Tür und ich steige aus. Einfach so. Aussteigen. ‚bitte, gehen sie ruhig voran.’ Ich gehe ein paar Schritte in Richtung Klohäuschen. Ich habe verdammten Kohldampf auf Oliven. Hinter mir fährt der Wagen an. ‚Ich werde dich vermissen’, könnte ich sagen. Ohne falsches Lächeln, doch als ich mich umschaue, sehe ich Frederike nur noch lustig durch die Heckscheibe winken. Ganz schön abgefahren.