Taubenherzen

Unser schönes Mädchen, das sich unter dem Schmutz verbirgt, ruft uns, wenn es Hilfe braucht. Blauäugig und zierlich, mit rissigen Händen und stumpfer Haut kniet es vor dem Aschehaufen und – klack, klack – wirft es die Linsen in den Topf. In der Küche brennt ein Kerzenstummel. Es ist stickig und heiß. Der Dreck klebt unter seinen Fingernägeln, sein Kittel ist steif davon. Zwei Stunden Zeit. Wir beeilen uns; wir mögen unser schönes Mädchen; wir sind wütend, wenn die Stiefmutter sagt: „Du bist zu schmutzig.“ Die dumme Gans. Wenn wir könnten, würden wir mit unserem schönen Mädchen weinen. Wir beneiden seine Tränen, die helle Spuren im Gesicht hinterlassen, als es unter dem Baum sitzt, der aus dem Grab seiner Mutter ragt. Dann lassen wir Kleider aus dem Baum fallen, Kleider aus Gold und Silber. Wir selber haben Taubenherzen und noch Ascheflecken auf dem Gefieder.

 

Der Prinz tanzt an beiden Abenden nur mit unserem schönen Mädchen. Er ist gebieterisch („Das ist meine Tänzerin!“). Wie es sich dreht und wendet mit dem Prinzen, fragen wir uns: Wann hat es das Tanzen nur gelernt? In seinen Augen spiegelt sich das Licht der vielen Kerzen. Warum wird es ihm nicht schwindelig?

Es kommt zurück, als die Sonne ihre Strahlen über die Baumwipfel schiebt und der Nebel aus den Feldern steigt. Vom Taubenschlag aus sehen wir unser schönes Mädchen. Es humpelt, aber es ist nicht verletzt, es hat nur einen Schuh verloren.

 

Am nächsten Tag reitet der gebieterische Prinz auf seinem weißen Pferd an uns vorbei. Wir sind ganz still. Zwei Mal hören wir die Schreie und zwei Mal sehen wir das Blut. Doch wir sind es, die im Baum auf dem Grab sitzen, uns hinter den Zweigen verstecken und dem Prinzen von dem Blut zuflüstern. Der Prinz ist nicht nur gebieterisch, sondern auch etwas sehbehindert oder blöd. Oder beides.

Unser schönes Mädchen klettert zu uns in den Taubenschlag. „Er sucht mich.“ Es hockt sich zwischen uns, zieht die Beine an die Brust und schlingt die Arme darum, sitzt mit zusammengekniffenen Augen da. Wenn wir könnten, würden wir ihm sanft über den Kopf streichen. Dann springt es hinten aus unserem Haus und versteckt sich unter dem Schmutz in der Küche. Aber der Prinz hat das nicht gesehen. „Eine Axt“, ruft er. Seine Stimme ist dünn und hoch, aber er schlägt mit Kraft zu. Krachend bricht das Dach und saust auf uns hinunter. Was, wenn unser schönes Mädchen noch hier wäre? Was, wenn es dort gesessen hätte, wo zwei von uns nun mit aufgeschlagener Brust liegen?

Unser schönes Mädchen wird aus der Küche gerufen und der Schuh passt ihm. „Meine Tänzerin!“, ruft der Prinz. Wenn wir könnten, würden wir viele Tränen weinen: für unser zerstörtes Häuschen und für unser Mädchen, das Hochzeit feiert mit dem Prinzen. Besser als die Asche ist es allemal.