Thomas hinter der Wand

Das ist Thomas.

Thomas hat die Stirn an die Wand gelehnt. Er steht im dunklen Zimmer und lauscht. Er lauscht den Stimmen hinter der Wand.

Aber Thomas, da sind keine Stimmen hinter der Wand. Doch, denkt er sich, doch, ich höre sie doch. Und er hört sie tatsächlich.

Als er sie zum ersten Mal gehört hatte, hatte er noch gedacht, es wären seine Nachbarn. Aber Thomas, auf der Seite sind keine Nachbarn. Auf der anderen Seite ist Fräulein Hirt, die ihre Katzen wäscht und das hört man. Gegenüber wohnt die Angelika mit dem langen Pferdeschwanz, die ständig Trance hört und dabei mitsingt, obwohl es keinen Text gibt. Auch das hört man.

Aber auf der Seite da, auf der Seite mit den Stimmen hinter der Wand, da ist nichts. Da ist nichts außer nach unten fünf Stockwerke Luft und nach oben etwas mehr, bis die Luft aufhört und nichts wirklich Nichts wird.

Aber keine Stimmen.

Vielleicht ist‘s die Luft, hatte sich Thomas damals gedacht, vielleicht ist‘s der Wind.

Das zweite Mal hörte er die Stimmen hinter der Wand, als er das Zopfband aus Angelikas Pferdeschwanz lösen wollte. Die Stimmen kicherten und tuschelten.

„Hörst du das?“, fragte Thomas. Aber Thomas, wie sollte sie das hören? Da sind keine Stimmen hinter der Wand.

„Was hören?“, fragte Angelika. Und Thomas, weil es erst das zweite Mal war, dass er die Stimmen hinter der Wand gehört hatte, sagte: „Da sind Stimmen hinter der Wand.“ Angelika lauschte und die Stimmen wurden ganz still.

„Ich höre nichts“, sagte sie und zog sich das T-Shirt über den Kopf, „vielleicht ist es der Wind.“

Der Wind, Thomas. Das musst du doch einsehen, dass da keine Stimmen sein können, hinter der Wand. Da kann nur Wind sein, selbst wenn es kichert und tuschelt und sich manchmal einer räuspert wie gerade jetzt.

Doch, denkt sich Thomas, doch, ich höre sie doch. Sie sind ganz aufgeregt, weil der Gong geschellt hat. Das war nur die Schulglocke, die bis hier herauf schallt, doch die Stimmen tuscheln und kichern und räuspern sich und schnäutzen sich die Nase.

Einmal, als Thomas an der Wand gelauscht hatte, um zu hören, von was die Stimmen tuschelten, hatte ein Handy geklingelt und die Stimmen machten wütend: „Pscht!“ und „So was Unhöfliches!“ Und weil es Thomas Handy war, das geklingelt hatte, drückte er den Anruf schnell weg. Es war Angelika, die zum sechzehnten und zum letzten Mal anrief, aber das wusste Thomas nicht, und weiß es vielleicht auch heute noch nicht, denn es war ihm viel zu peinlich gewesen, vor all den Stimmen ans Telefon zu gehen.

Und jetzt hat Thomas die Stirn an die Wand gelehnt.

Ich höre sie doch, denkt er sich und weil er nicht mitgezählt hat weiß er nicht, das wievielte Mal er sie hört, aber es ist das dreihundertunddreisigste Mal, seit er dachte, es sei vielleicht der Wind.

Eine Stimme ruft, dass Thomas nun endlich heraus kommen sollte, sie warteten doch jetzt schon wirklich lange genug, sie hätten sich alle geräuspert und geschnäutz und die Handys ausgeschaltet und jetzt sei er dran.

Thomas, vielleicht ist es nur der Wind. Da sind keine Stimmen hinter der Wand.

Doch, denkt sich Thomas, ich höre sie doch. Und er hört sie tatsächlich.
Er tastet die Wand ab. Hinauf und hinuter und die Raufasertapete kratzt an seinen Fingerspitzen. Eine zweite Stimme ruft, er solle nun herauskommen, verdammt nochmal! Er bohrt die Finger in die Tapete. Holzsplitter rieseln auf das Laminat und bleiben unter seinen Fingernägeln stecken.

„Komm heraus!“, rufen die Stimmen hinter der Wand.

Aber da sind keine Stimmen hinter der Wand.

„Doch“, sagt Thomas. „Denn Fräulein Hirts Katze ist tot und Angelika weg und der Wind ist‘s bestimmt nicht.“ Die Stimmen auf der anderen Seite der Wand jubeln ihm zu.

Das ist Thomas. Wartet‘s nur ab, gleich ist er auf der anderen Seite.