Traumtänzer

Er ging and der Wand mit den Nintendospielen vorbei, sie stand in der Nähe des neuesten Xbox-Schnickschnack, und er war mit einem Mal dankbar, dass er dieses Hobby nicht aufgegeben hatte, obwohl er wirklich, wirklich schlecht darin war. Ihren stechenden Blick hatte er nicht vergessen. Vergessen hatte er aber, dass dieser einer der Punkte war, den seine Freunde auf die Liste „Gründe, warum sich Mark von Lilian trennen sollte“ gesetzt hatten.

Es war jetzt fast acht Jahre her, seit seine Freunde sich in seinem Wohnzimmer versammelt, die Hände gefaltet, mit ernsten Augen, die Liste auf den Tisch gelegt und gesagt hatten: „Wir lieben dich, aber das ist eine Intervention.“

Keiner dieser Freunde war übrig geblieben.

Auf Facebook bekam er manchmal einen Status mit. „Nichts geht über Kaffee!“, von Robert oder „Der Stau ist das große postkoloniale Ärgernis unseres Jahrhunderts“, von Birte.

Er likte Susannes Hundefotos und Katzenfotos und Entenbabyfotos, aber als sie ihn entfreundete, weil er ein Foto seines Cheesburgers hochgeladen hatte, brauchte er fast eine Woche, um es überhaupt zu merken.

Lilian sah völlig anders aus als früher, aber als sie sich umwandte, ihn ansah, konnte er nicht anders, als sie zu erkennen. Ihr Blick war scharf wie eh und je, ging wie eh und je knapp an seinem rechten Ohr vorbei, sie lächelte über ihre Augen ohne einen Muskel zu verziehen. Sie gab ihm nicht die Hand. Sie erkannte ihn nicht. Sie sagte: „Tach auch.“

Seine Freunde hatten sie eine arrogante Ziege genannt und sie war arrogant. Seine Freunde sagten, man könne keinen Spaß mit ihr haben, weil sie nicht trank, nicht auf Partys ging, obskure popkulturelle Anspielungen machte, seine Freunde sagten, sie würde nicht lächeln.

Den Punkt hatte Mark nie verstanden, denn Lilian lächelte mit ihren Augen, lächelte stechend, aber Mark musste auch zugeben, dass man recht nah dran sein musste, um Lilians Lächeln zu sehen, und das war nicht einfach. Das Nah-an-Lilian-Rankommen war die bisher größte Errungenschaft in Marks Leben.

„Sie ist total die Traumtänzerin“, hatte Susanne gesagt und Mark hatte ein paar Sekunden gebraucht, um zu verstehen, dass das etwas Schlechtes war.

Lilian stand immer neben sich, sah immer irgendwo hin, wo scheinbar nichts war, aber sie stand auch immer neben ihm, sah immer ungefähr in seine Richtung und Mark stand, wenn er neben Lilian stand, auch immer irgendwie neben sich. Es war, als würden sie gemeinsam nicht ganz da sein, als wären die Teile, die sich verstanden, die sich nicht anschwiegen, die sich nicht einsam fühlten, gemeinsam auf einem Spaziergang aus dem Körper hinaus gegangen. Wenn Mark von Lilian kam, dann fühlte er sich, als hätte er den Tag gut verbracht, richtig, so wie es sein sollte, selbst wenn er ihr nur dabei zusah, wie sie Integrale berechnete und ihn bei SuperMario gewinnen ließ.

Seine Freunde hatten gesagt, sie sei nicht gut für ihn, sei seltsam, anders, langweilig, komisch und er hatte gedacht, er könne ohne seine Freunde nicht leben.

An dem Abend, nachdem er zu Lilian sagte, dass sie sich nicht mehr sehen würden, dass es nicht an ihr liege, sondern an ihm (denn das war die Wahrheit), da war er nach Hause gegangen und der Teil von ihm, der mit Lilian Spazieren gegangen war, war nicht mehr zu ihm zurückgekehrt.

Jetzt war der Teil wieder da, war acht Jahre mit Lilian unterwegs gewesen und Mark könnte sagen, er fühle sich, als würde er aus einem Traum erwachen, aber es war genau umgekehrt. Lilian sah scharf an seinem Ohr vorbei.

„Ach, du“, sagte sie und kurz fürchtete er, sie würde ihn nicht mehr erinnern, nicht mehr vermissen, nicht mehr lieben. Aber Lilian lächelte ohne einen Muskel zu verziehen, lächelte scharf, nur über ihre Augen.