Twitter-Story

Im vergangenen März haben wir eine Kurzgeschichte auf unserem Twitter-Account erzählt. An 25 Tagen erzählten wir in 52 Tweets, was geschieht, wenn eine Kurznachricht die Ruhe am Frühstückstisch stört. Hier haben wir die gesamte Geschichte zum Nachlesen zusammengestellt.

Kurznachricht am Frühstückstisch1. Was kann man angesichts so einer Lage tun? In sofortige Aktion ausbrechen? Ich entscheide mich erst mal für ein Frühstück.

2. Es ist schwierig, Cornflakes zu essen, wenn ich das Handy nicht loslassen kann, weil ich dich nicht verpassen darf.

3. Dass du mir früh am Morgen schon etwas mitteilen willst, stresst mich.

4. Es stresst mich mehr, als ich zugeben will – nicht vor mir und erst recht nicht vor dir.

5. Denn morgens muss ich erst aushärten, verworfene Gedanken von gefassten Meinungen trennen und mich erinnern, was du mir wert bist.

6. Beim morgendlichen Lebenzurückgewinnen bin ich gerne alleine – ohne Kommunikationsaufforderung. Was für ein Tabubruch von dir.

7. „Ich muss dir unbedingt etwas Wichtiges sagen:“, schreibst du, schickst es in einer Sprechblase auf mein Smartphone.

8. „Ich muss dir unbedingt etwas Wichtiges sagen:“, DOPPELPUNKT, nichts folgt. Der Doppelpunkt ist das Trennende zwischen Davor und Danach.

9. Ich warte und vier Cornflakes-Löffel später hast du nichts geschrieben. Nicht mal die blinkenden Punkte zeigen mir, dass du schreibst.

10. Es ist, wie Roger Federer bei den Aufschlagvorbereitungen zu zusehen. Dein Doppelpunkt ist ein Aufschlag, der nicht passiert.

11. Ich bin ein geduldiger Mensch. Ich kann warten. Die Küchenuhr tickt, knapst an meiner Geduld. Es mäht jemand Rasen. Ich kann warten.

12. Das war auch ein Morgen, den du gestört hast, weil deine Badewanne übergelaufen war. So haben wir uns kennengelernt.

13. Ich betrachte das Überbleibsel des Wasserschadens, den du an diesem Morgen verursacht hast. Die Sonne wirft Muster darauf.

14. Damals hast du dich so vorgestellt: „Bin der Neue. Sorry, war ein Versehen“, als unterstellte ich dir, dass es Absicht war.

15. Schon 14 Löffel lässt deine Ankündigung auf sich warten. Bald bleibt Milch in der Schale. Ich hasse es, wenn Milch zurückbleibt.

16. Mein Handy piept nicht. Es vibriert auch nicht. Ich esse Cornflakes. Milch tropft auf meine Jeans und formt eine Blume darauf.

17. Immer noch keine Zeichen von dir – manchmal unterstelle ich dir eben doch Absicht.

18. Wenn ich jetzt aufstünde, würde ich den Stuhl zurückschieben und die Frühstücksschale abwaschen. Ich würde das Handy weglegen.

19. Dann würde das Handy vibrieren, ich müsste vom Becken zurücklaufen, würde die Schale wohl fallen lassen.

20. Ich opfere nicht meine Lieblingsschale.

21. Du schreibst, dass es wichtig ist. Es ist wichtig. Ich bin geduldig, kann warten. Noch sind Cornflakes in der Schüssel.

22. Ich kann warten und den Wasserfleck anstarren und dann die Gläser und Schalen betrachten, die du mit Rissen und Kerben verziert hast.

23. Dann bliebe mir auch noch der Teppich unterm Küchentisch. Es ist eine Weile her, dass ich die Brandnarben im Stoff gezählt habe.

24. 12 – Eine bräunliche Sichel am Rand ist neu. Ich werde dir verbieten, in der Küche zu rauchen. Das könnte ich dir schreiben. Ich warte.

25. Das ist allerdings nur die Küche, die von deiner Präsenz erzählt. In den anderen Räumen bist du auch.

26. Es gibt genügend Stellen und jetzt Leerstellen, die die Reibung mit dir nicht ausgehalten haben.

27. Als Erstes lernte ich, dass du keine eigentliche Zerstörungswut hattest, sondern eine gefährliche Vergesslichkeit dich umgab.

28. Als Zweites erfuhr ich, dass du deine Vergesslichkeit mit Notizen aller Art und Form zu bekämpfen versuchtest.

29. Ich fand das schick, so old school. Dein Wohnzimmer, in dem so viele Papierschnipsel lagen, war wie ein Museum für Notizzettel.

30. Oder wie ein Vintagemarkt: an der Grenze zwischen Kitsch und Schick. Zwischen cool und richtig schrecklich.

31. Seitdem schwanke ich zwischen Empathie und unterdrückter Panik, während ich dich in meinem Leben versuche einzudämmen.

32. Ich versuche dich einzudämmen und dabei „mich mal locker zu machen“, wie du sagst. Lockere Schadensbegrenzung.

33. Aber wie das so ist mit guten Vorsätzen: Man ahnt es schon, wenn die Korken noch knallen und die Raketen zünden, …

34. … dass es dieses Jahr doch nichts wird. Aber im nächsten ganz bestimmt. Du und ich. Wir sind wie eine Liste mit guten Neujahrsvorsätzen.

35. Ich will keine Beziehungsgeschichte sein.

36. Beziehungsgeschichten sind so individuell und doch alle gleich. Aber ich habe Zeit, und ich kann über uns nachdenken.

37. Als Drittes erfuhr ich, dass du bei Notizen oft den Überblick verlierst. Das hilft deiner Vergesslichkeit nicht, aber meinem Wahnsinn.

38. Ich sprach dich darauf an. Da hast du stumm deine Zettel sortiert. Ich habe dir vorgeschlagen, alles ins Handy einzuspeichern.

39. Dann fuhr ich zu einer Tagung und sagte dir: „Pass auf meine Goldfische auf.“ Sie hießen Frida und Fridolin.

40. Du hast es eingespeichert. Ich kam zurück und hatte keine Fische mehr. Du schreibst wieder auf Zettel. Ich finde das jetzt notwendig.

41. Und werde nervös, wenn du dir mal nichts aufschreibst. Das ist kein Leben, könnte ich denken, das tue ich aber noch nicht.

42. Meine Müslischale ist leer. Am Boden ist eine kleine Pfütze mit Milch und Bröseln, die immer wieder vom Löffel fließen.

43. Ich trinke aus der Schale, ohne den Löffel herauszunehmen. Die Brösel lassen mich husten. Wenn du hier wärst würde dich das amüsieren.

44. Das Ticken der Uhr ist wie ein Hammerschlag. Oder der Beat in dieser Disko.

45. Du hast mich mitgenommen in die Disko, wo die Musik so laut war, dass ich den Rhythmus im Körper spüren konnte.

46. Mein Herz vibrierte mit der Musik. Das klingt nach Kitsch. Nach Rosenmuster-Porzellan vom Flohmarkt – ich besaß so ein paar Teller früher.

47. Aber mein vibrierendes Herz? Das war nicht kitschig. Es tat weh.

48. Als wir hinausgingen in die Morgenluft, in der Feuchtigkeit hing, dröhnte es in meinen Ohren. Mein Hirn hatte keine Meinung über dich.

49. Ich sah dich lachen, aber konnte dich nicht hören. Erst beim Mittagsfrühstück klangst du gedämpft zu mir hindurch.

50. Musiktitel musst du dir nicht aufschreiben. Songtexte auch nicht. Wenn du mal eine Zeile vergisst, erfindest du eine neue.

51. Wenn ich dich jetzt noch mal kennenlernen würde wie damals –

52. Mein Handy vibriert. Du schreibst: „Bring noch Milch mit, die in dem karierten Karton. LG“ Das vergesse ich nicht.