U18 Richtung Berliner Platz

Die U18 Richtung Berliner Platz fährt meistens entlang der A40 und durch einen Tunnel hindurch, an dem steht „müsste Rahn schießen“. Der Anfang des Satzes ist aus dem Fenster nicht zusehen. . Es riecht nach nassen Regenschirmen. Der Zug hält, Breslauer Straße, die Türen öffnen sich mit einem mechanischem „Wuusch – Klack“. Eine junge Frau steigt ein, keine Ahnung wie alt. Sie ist sehr dick, hält ein Buch in den Händen und setzt sich mir gegenüber hin, aber schaut kaum auf. Sie liest Harry Potter und der Stein der Weisen, sie ist noch sehr am Anfang des Buches oder sie ist wieder am Anfang. Das Buch ist abgegriffen, es sind Knicke in den Seiten; sie liest konzentriert, blättert um, blättert noch mal zurück, ihre Augen sind groß hinter den Brillengläsern, ihr Bauchnabel zeichnet sich unter dem T-Shirt ab, sie trägt Chucks und weite Jeans, die massige Oberschenkel bedecken.

Zwischen dem Autobahnasphalt und dem Bahnsteig an der Leitplanke erhebt sich das Unkraut. Es hat sich aus einem Spalt zwischen der Fahrbahndecke und der Betonmauer hinauf geschoben, steht aufrecht und wenn es Frühling wäre, dann würde es wahrscheinlich weiß blühen: Sieh her, ich bin auch noch hier, immer noch, trotz allem.

An der Wand gegenüber, dem Lärmschutzwall der Autobahn, hängt ein Tuch, das eine Fußballszene zeigt. Darüber steht „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießenRahn schießt“. Bern ’54.

Die junge Frau hat eine Umhängetasche, die selbst gemacht aussieht – gerade groß genug für ein Buch – aus schwarzem Stoff und mit roten Stickereien darauf. Es sieht aus wie ein willkürliches Muster. Im 4er Sitz schräg gegenüber spricht ein grauhaariger Mann laut in sein Handy. „Ich bin in einer halben Stunde – ja, ich bin gerade eingestiegen. Was? Was hast du gesagt? Nein. Ja gut, dann sag’ ich das dem Andreas. Ja, bis gleich. Ja, tschüss.“ Er nimmt das Telefon vom Ohr, es ist ein altes Modell. Er schaut darauf, sucht die richtige Taste und drückt sie mit Kraft. „Meine Schwester“, sagt er zu der Frau ihm gegenüber. Eine betagte Dame in braunem Mantel und mit einem lila-farbenen Glockenhut. Neben ihr steht ein kleiner Einkaufstrolley. Ein Bund Sellerie schaut daraus hervor.

Der Zug fährt in einen U-Bahn-Schacht ein, hält an der Station. Bismarckstraße? Das weiße Schild mit der schwarzen Schrift, auf dem die Stationen stehen, ist von hier aus nicht zu sehen. Es riecht nach Schmierfett, aber es sieht schön aus hier unten, so schön wie es in einer U-Bahn-Station sein kann, ja, aber eigentlich schön: die Wände sind bemalt, darauf sieht man eine Frau mit Kind und diese wellige Glaswand am Hauptbahnhof, die die Farbe wechselt. Die Wände sind ungleichmäßig und von einer Art Riffelung durchzogen. „Länge des Sonderstollens 1100m“ steht darauf und dahinter bildet die Riffelung ein Muster, sodass es aussieht, als habe die Wand ein Fragezeichen aus Beton aus sich heraus geschoben.

Als die U-Bahn im Hauptbahnhof hält, lässt die junge Frau das Buch behutsam in ihre Umhängetasche gleiten. Man kann die Klappe der Tasche unten drum herum schieben und an einem großen Knopf auf der Rückseite befestigen. Ich will sie fragen, woher sie die Tasche hat, aber da ist sie schon weg, verschwunden zwischen den Menschen, die hinauf und hinausströmen.