Venustransit

Ich hatte die Chance, mir gleichzeitig mit Millionen von Menschen die eigene Unbedeutsamkeit vor Augen zu führen. Zur Vorbereitung guckte ich Videos vom Venustransit 2004 auf Youtube an, über seine historische und wissenschaftliche Bedeutung und von Menschen, die vom Venuspentagramm und Energiefeldern sprachen. P. ließ durchblicken, dass er meine Obsession bescheuert fand. Wir saßen beim Abendbrot, und ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich Käse wollte oder Salami. P. goss mir Karamelltee nach und sagte: „Ich finde, du übertreibst mit dieser Venussache.“

Ich hatte gerade die Hand nach der Käseschachtel ausgestreckt und zog sie wieder zurück. „Es gibt nur zwei Chancen in meinem Leben, und die erste habe ich schon verpasst“, sagte ich und griff nach der Salami.

P. zuckte mit den Schultern. „Die Erde dreht sich auch weiter, wenn du das nicht siehst.“ Er sah meinen Blick, seufzte und stütze seine Arme zu beiden Seiten des Tellers auf. So, als wenn man einem Kind etwas Wichtiges erklärt. „Was willst du machen? Wie Cook die Größe des Universums berechnen?“

Ich vermied es darauf hinzuweisen, dass Cook damit direkt nichts zu tun gehabt hatte, ging ins Arbeitszimmer und guckte weiter Videos.

 

Dann hatte ich Geburtstag und P. schenkte mir einen gelben Umschlag. Ich riss den Umschlag auf. Es fielen einige Computerausdrucke heraus.

„Eine Woche Portugal“, strahlte P., bevor ich den Text hatte lesen können.

Ich dachte an Wärme und an den Strand, an stickige Hotelzimmer, kühle Cocktails und schöne Menschen. Ich brauchte einen neuen Bikini, und ich musste mir die Beine und sonst noch was waxen lassen. Dann sah ich das Datum auf dem Ausdruck

„Du bist ja wohl blöd“, sagte ich und vergaß, mich deswegen zu schämen. Ich griff nach meinem Notizbuch, das auf dem Couchtisch lag und schlug meine Lieblingsseite auf. Die mit der Karte. „Da“, sagte ich. „Guck. Hier in Mitteleuropa ‘Transit teilweise sichtbar’ und hier“, ich zeigte auf den kleinen Streifen am Atlantik, „’Transit nicht sichtbar’. Gar nicht. Nada!“

P. guckte beleidigt. „Du hast sowieso kein Teleskop“, meinte er als sei damit die Sache vom Tisch.

Ich stopfte die Ausdrucke trotzig in den Umschlag. „So etwas kann man sich ausleihen.“

 

Ich hatte mich in P. verliebt, weil ich das Alleinsein leid war und er mich auf einer Party angesprochen hatte. Ich war mit einem Gin Tonic durch die Wohnung geschlendert, damit es nicht so auffiel, dass sich niemand mit mir unterhalten wollte. Ich bin nämlich langweilig. Ich verlasse Partys immer als erste.

„Muss Morgen arbeiten“, erzähle ich dem Gastgeber und den Leuten, die drum herum stehen. Am nächsten Tag liege ich dann bis mittags im Bett und gucke Serien, weil Samstag oder Sonntag ist und ich keine Freunde habe, mit denen ich brunchen oder Spazierengehen könnte. Ich glaube, das sieht man mir an. Vor der Badezimmertür war ich stehen geblieben und hatte auf dem aufgeklebten Wimmelbild Außerirdische in einer übervollen Strandszene gesucht.

„Stehst du an?“ P. war nicht der Mann meiner Träume und ziemlich betrunken.

Als er aus dem Bad kam, hatte ich ihm ein Bier geholt.

„Bitteschön“, sagte ich. Er guckte irritiert, aber lächelte und wir stießen an. P. machte Witze, die nicht lustig waren – ich lachte. Wir fuhren mit dem Taxi zu mir und guckten eine Dokumentation, in der eine Schlange einen Alligator frisst. P. schlief auf dem Sofa ein, und ich ging in mein großes, duftendes Bett. Ich träumte von unendlicher schwarzer Leere, fiel und fiel und wachte schweißgebadet auf.

„Ich weiß nicht mal, wie du heißt“, sagte er am Morgen verlegen und nahm die Tasse Kaffee entgegen, die ich ihm reichte.

„Macht nichts“, sagte ich. Ich hoffte, das wirkte geheimnisvoll und verführerisch. Wir gingen am See durch Laubberge und sich nicht lichten wollenden Nebel spazieren. Die Nässe bildete kleine Tropfen auf unseren Jacken und Kälte und Sehnsucht sickerten hindurch.

In der Nacht lauschte ich auf P.s Herzschlag, der sich beruhigt hatte und gleichmäßig gegen seine Rippen pochte. Ich strich über seine Seite und hoffte, er würde nicht aufwachen. Ich stellte mir vor, wie das Blut durch seinen Körper rauschte, durch Vorhof und Segelklappe im rechten Herzen in die Lunge und vom linken Herzen zurück in den Körper. Kreislauf um Kreislauf um Kreislauf und irgendwann – stopp. Er wachte auf, sah mich schlaftrunken an. Ich drehte ihm den Rücken zu und tat, als würde ich schlafen.

 

Ich fuhr dann doch mit P. nach Portugal, und es war schön. Wir sonnten uns viel. Ich baute in einem Anflug von Wehmut eine Sandburg.

Im Internet hatte ich eine Live-Übertragung gefunden. Ich saß Dienstagabend in Bikini und Pullover vor dem Computer.

„Was machst du da?“, fragte P., trat hinter mich und massierte mir unbequem die Schultern. „Ach so, die Venussache.“ Er ließ mich los. „Ich geh’ schlafen.“ Ich nickte bloß, denn in diesem Augenblick wurde es 8 Uhr 16 morgens an der australischen Ostküste und die Venus berührte scheinbar die Sonne. Ich hielt die Luft an. Es gab keine Tonspur in der Übertragung, aber ich konnte hören, wie Millionen von Menschen die Luft anhielten und ruckartig wieder ausstießen. Ich beobachtete jede Bewegung. Ich dachte an Keplers Berechnungen, an Horrocks und Crabtree und an die großen Expeditionen nach Tahiti und Muddapur. Und die großen Entfernungen zwischen den Sternen und Planeten und all die Leere drum herum.

Dann war nur noch die Sonne zu sehen, aber kein schwarzer Venuspunkt mehr und die Übertragung stoppte. Ich ging hinaus auf den Balkon und schaute in den lichtverschmutzten Himmel. Die Wellen rauschten, und ich roch das Salz des Ozeans, spürte Sand unter meinen Füßen, den der Wind her geweht hatte. Nur ein Sandkörnchen irgendwo in der Milchstraße. Ich kroch ins Bett und hielt mich an P. fest, um das Gefühl des Fallens wenigstens etwas abzumildern.