Wenn Theater Realität wird

Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Theater und werden am Eingang persönlich begrüßt.

Herzlich willkommen, schön, dass Du da bist. Warst Du schon oft im Theater? Ach! Stell Dir vor, meine zwei Töchter sind heute auch hier, sie sitzen dort hinten. Guten Tag, Hallo, schön, dass Sie da sind. Sie sitzen dort vorne rechts.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Theater und im Zuschauerraum geht das verdammte Licht nicht aus.

Zunächst versuchen Sie entspannt zu sitzen und nicht zu laut zu lachen. Dann wandern Sie mit Ihren Augen möglichst unauffällig nach rechts und links. Wer ist wohl sonst noch hier? Kennt man da wen? Die Menschen, die Sie so freundlich begrüßt haben, begrüßen nun auch die Technik – ja, pennen die denn? Warum ist denn das verdammte Licht noch an? – , begrüßen den Feuerwehrmann, begrüßen noch einmal Sie. Die Kinder im Zuschauerraum scheinen von der Licht-Situation relativ unbeeindruckt. Ihre Eltern, Sie und ich versuchen hingegen immer noch, möglichst entspannt auszusehen.

Sie erwarten, dass gleich gespielt werden wird. Mit Rollen und Fiktion und Kostümen und so. Schließlich haben Sie eine dieser hellblauen Eintrittskärtchen in der Hand.

Allem Anschein nach sind jene Menschen, von denen Sie so freundlich begrüßt wurden die Schauspieler. Die sehen allerdings ziemlich echt aus. Irgendwie echter als Schauspieler sonst so aussehen. Der Feuerwehrmann scheint auch echt zu sein. Und die Technik ist natürlich auch echt. Mhm…

Es stellt sich heraus, dass die Schauspieler heute nicht spielen werden. Das überrascht jetzt etwas, immerhin hatten Sie doch so eine hellblaue Eintrittskarte gelöst, da haben Sie auch das Recht, hier etwas Gespieltes zu sehen! Auf der Bühne stellt sich derweil Cornelia Kupferschmid als Cornelia Kupferschmid vor, als eine Schauspielerin mit Familie, als alleinstehende Frau, als eine Laiendarstellerin. Ein Mann namens Jan wandert daraufhin durchs Publikum und macht sich auf die Suche nach dem Persönlich-Werden im Theater. Man darf ihn alles fragen, was man will.

Welche Cornelia Kupferschmid ist denn jetzt Cornelia Kupferschmid? Sie tippen auf die zweifache Mutter? Ich weiß nicht, dafür sieht sie mir etwas zu erholt aus… Und Herr Jan, Herr Jan, wann hast du denn Geburtstag? Was, heute? Echt? Was hast du denn geschenkt bekommen? Wann hast du eigentlich das letzte Mal geweint? Und warum hast du da geweint?

Es wird getanzt, performt, verkleidet, abgestimmt, gefragt, unterbrochen, eine Pizza ins Theater bestellt, eine überdimensionale Akkupunkturnadel wird gemeinsam quer durch die Stadt zum Domplatz getragen.

Nur wer von den Darstellern stellt denn jetzt so richtig dar und wer steht zwar auf der Bühne, spielt aber eigentlich gar nicht? Wobei, wenn ich mir Sie so anschaue, wie Sie da sitzen und versuchen, möglichst entspannt auszusehen. Wie Sie fürchten, der Fokus im Zuschauerraum könnte plötzlich auf Sie fallen… Hand aufs Herz: Sie spielen doch auch. Nicht wahr?! Ich spiele ja auch, ich muss es wohl zugeben. Vielleicht spielen wir zu diesem Zeitpunkt einfach alle eine Rolle. Oder wir sind alle gleichsam echt, wie wir so als wir selbst im kleinen Saal des Theaters anwesend sind. Für welche Seite Sie sich entscheiden, bleibt Ihnen überlassen.
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Der Text beruht auf einem Besuch der Performance Ein Loch im Wasser vom Institut für Angewandte Wirklichkeitsverwechslung, am 23.03.2014 im Theater Münster.

Das Institut für Angewandte Wirklichkeitsverwechslung ist eine Koproduktion des Jungen Theaters (Theater Münster) und dem Performancekollektiv Fetter Fisch.

Inszenierung: Silvia Andringa / Choreografie: Leandro Kees, Daniel Mathéus / Bühne: Kristopher Kempf / Dramaturgie : Julia Dina Heße, Heike Kortenkamp / Theaterpädagogik: Angelika Schlaghecken / Musiker: Ralf Haarmann

Spieler: Jan Sturmius Becker, Manuel Herwig, Janna Lena Koch, Cornelia Kupferschmid

Idee Einstiche in die Stadt: Story Dealer Berlin (Hans Geißlinger, Stefanos Pavlakis)