Wie Maike den Mann ihrer Träume und ihren zukünftigen Ehemann trifft (aber nicht gleichzeitig)

Maike trifft den Mann ihrer Träume an einem Donnerstagnachmittag um Viertel nach vier, als dieser hinter dem Professor den Seminarraum betritt und sich am Beamer zu schaffen macht.

Als „Liebe auf den ersten Blick“ würde Maike es nie bezeichnen. Es sind keine Schmetterlinge in ihrem Bauch, kein Kribbeln, kein nervöses, glückliches Klopfen in ihrem Herzen. Es ist keine Liebe.

Es ist, als würde der Teil ihres Gehirns, der dafür zuständig ist, die Spezies zu erhalten und der bis jetzt die Füße hochgelegt, in emanzipiert-nihilistischer Weise von Doctor Who geträumt hatte und sich mit dem einen oder anderen Schokoeis sehr zufrieden gab, plötzlich den Kopf heben, die Ohren spitzen, die Luft schnuppern und sagen: „Der! Nimm den!“

Maike hebt den Kopf, saugt die Luft durch die Nase und starrt den Mann ihrer Träume an.
Der Mann ihrer Träume starrt den Beamer an und runzelt die Stirn. Jener Teil von Maikes Gehirn, der für die Erhaltung der Spezies zuständig ist, hat alle anderen Teile ihres Gehirns von der absoluten Notwendigkeit sofortiger Fortpflanzung überzeugt. Der romantische Teil hat die Schmetterlinge im Bauch aktiviert, ihr Herz klopft glücklich und es kribbelt, wenn auch eindeutig nicht im Bauch.

Der Beamer springt mit einem Summen an, der Mann ihrer Träume sagt: „Fertig.“ Und Maike läuft das Wasser im Mund zusammen.

Der Teil ihres Gehirns, der für die Erhaltung der Spezies zuständig ist, verbringt die nächsten 90 Minuten damit völlig hin und weg zu sein, so sehr, dass sich Maike nach diesen 90 Minuten an nichts anderes erinnern kann, als den Gedanken: „Der! Den will ich!“

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Was Maike noch nicht weiß, ist, dass im Seminar, nur zwei Reihen links hinter ihr, ihr zukünftiger Ehemann sitzt. Ihr zukünftiger Ehemann ahnt auch noch nichts von seinem Glück. Beide sind eher unbegeistert von der Gesamtsituation und werden am nächsten Montagvormittag ihr erstes Gespräch darüber haben, dass es eines der großen Unglücke des modernen Studenten ist, Referate in Siebener-Gruppen zu halten.

Maikes zukünftiger Ehemann ist erstaunlich groß und erstaunlich gutaussehend für jemanden, der sich für Maike interessiert, jedenfalls ist das die Meinung seiner Exfreundin, die, selbst Jahre später, bei der Einschulung von Maikes zweiter Tochter,  ihre Meinung zu dieser Thematik beisteuern wird.

Im Moment ist seine Exfreundin aber noch nicht seine Exfreundin, auch noch nicht seine Freundin, um ganz exakt zu sein, ist sie noch nicht einmal in dieselbe Stadt gezogen. Das Liebesleben ihres zukünftigen Ehemanns bevor er ihr Ehemann wurde, interessiert Maike im Moment nicht und sie wird noch lange versuchen, ihr Desinteresse aufrecht zu erhalten, wird nicht merken, wie die Geschichte sich an sie heranschleicht, sie mehr oder weniger von der Seite überfällt. Es ist eine Liebesgeschichtennebenhandlung, die plötzliche Maikes Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird und in einem Ring am Finger, einem weißen Kleid und sehr viel Glück und Freude endet, ohne das Maike gedacht hätte: „Der! Den will ich.“

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Der Mann ihrer Träume ist nicht jedes Mal in dem Seminar. Er ist nur da, wenn der Professor den Beamer braucht und Maike ist, zum ersten Mal in ihrer Studentenkarriere dankbar, dass Leute PowerPoint-Präsentationen vorbereiten. In der vierten Sitzung ist es soweit, ihr zukünftiger Ehemann hat sich neben sie gesetzt, weil er seinen Reader vergessen hat und spricht davon, dass sie auch eine PowerPoint-Präsentation machen sollten bei ihrem Referat. Maike wird später aus überlebenstechnischen Gründen dagegen sein, aber niemand wird auf sie hören.

Der Mann ihrer Träume betritt das Seminar und Maike saugt Luft durch die Nase. Wieder überrascht sie dieser ganz bestimmte Teil ihres Gehirns, der ansonsten wirklich zu kaum etwas eine Meinung hat, und übernimmt die Führung jeglicher Gedankengänge. Die anderen Teile von Maikes Gehirn lehnen sich zurück und betrachteten den Mann ihrer Träume. Jede andere Frau im Seminar, hätte gesagt, dass der Mann aus Maikes Träumen an sich nichts besonders sei. Er hat schütteres Haar, spülwasserblond, er hat eine ungleichmäßig gewellte Unterlippe, er hat den Ansatz einer Falte zwischen den Augenbrauen, die vom Stirnrunzeln kommt.

Aber der Mann aus Maikes Träumen ist trotz allem auch der Mann der Träume jedes einzelnen Teiles von Maikes Gehirn, was zu einer Einigkeit und Friedfertigkeit der Gedankengänge führt, die Maike gar nicht gewohnt ist. Sie hätte sich von dem Umstand, dass sie mit sich selbst so vollständig einer Meinung ist, wohl mehr beunruhigen lassen, hätte der Mann ihrer Träume nicht gesagt: „So, fertig.“ Er fährt sich mit der Hand durch die Haare und lässt die Finger im Nacken ruhen. Er tippt eine Melodie auf seine Halswirbel.
Maike überkommt der Wunsch ihre Nase in die Kuhle seines Nackens zu pressen und ihm über die Halsschlagader zu lecken. Der Drang ist so stark, dass ihre Beine zucken, ja, hätte es irgendwann in der Geschichte der Menschheit auch nur eine Gesellschaft gegeben, in der es akzeptabel für eine Frau gewesen war zu dem Mann ihrer Träume zu gehen und ihm über die Halsschlagader zu lecken, Maike wäre aufgestanden, hätte es getan und gesagt: „Das haben die alten Inkas schon gemacht.“

Aber es hat in der ganzen Geschichte der Menschheit nie eine solche Gesellschaft gegeben, was den ängstlichen Teil ihres Gehirns sowohl enttäuscht, als auch ungemein beruhigt.

„Kann ich ‘nen Stift haben“, fragt Maikes zukünftiger Ehemann. Maike gibt ihm den weißen Kugelschreiber, mit dem er später die Entwürfe der Hochzeitkarten auf eine Serviette kritzeln wird.

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Katze Theodor FontaneEin paar Wochen später sitzen Maike und ihr zukünftiger Ehemann in dem Café mit den winzigen, runden Tischen, stoßen mit den Knien zusammen (noch versuchen sie es zu vermeiden), reden über Exilschriftsteller, den arabischen Frühling, Bubbles-Tea die Freundin des zukünftigen Ehemanns, wieder über Bubbles-Tee, wieder über den arabischen Frühling.

„Es ist der Hammer“, sagt der zukünftige Ehemann, „es ist die friedliche Revolution derPostmoderne. Und alles nur Twitter zu verdanken. Es ist sowas von der Hammer! Als würde man in ‘nem Geschichtsbuch leben.“

Als Maike zum ersten Mal etwas über die Proteste im Fernsehen gesehen hatten, trug sie keine Socken, eine Jenas mit einem Loch an einer unschmeichelhaften Stelle und ein T-Shirt auf dem „I <3 the Phonebox“ stand. Sie hatte eine Tasse extrem starken, aber entkoffeinierten Kaffee in der Hand. Die Moderatorin hatte bordeauxrot-gefärbte Haare mit extrem viel Volumen und klang so glücklich und optimistisch, als wäre die Vereinte Föderation der Planeten ausgerufen worden. Maike wandte sich zu Theodor Fontane um – einem Kater, der jeden Morgen zwischen sieben Uhr zwanzig und acht Uhr fünfunddreißig vor ihrem Küchenfenster saß und ihr beim Frühstücken zusah – und sagte: „Das wird nix.“

Theodor Fontane schüttelte den Kopf.

„Sei nicht immer so negativ!“, sagte er.

Ihr zukünftiger Ehemann starrte Maike an.

„Also nicht wirklich“, sagt Maike schnell. „Aber er hatte eben diesen Katzenblick.“ Sie macht einen Blick wie eine tadelnde Katze. Ihr zukünftiger Ehemann zieht eine Augenbraue hoch.

„Warum trinkst du denn entkoffeinierten Kaffee?“, fragt er.

„Ich bin auf Entzug“, sagt Maike und ihr zukünftiger Ehemann lacht, richtig laut. Zuerst erschrickt Maike, dann muss sie lachen, weil er lacht.

* * *

Am selben Tag ist das Referat. Sie stehen zu siebt vorne, sie haben eine PowerPoint-Präsentation und der zukünftige Ehemann zieht die Nase kraus, als er sieht, dass die Schriftart von Folie Acht auf Folie Neun von Arial zu TimesNewRoman springt.

Maike wird mit der Zeit herausfinden, dass solche Sachen ihrem zukünftigen Ehemann die Tränen in die Augen treiben können, jetzt aber presst er nur die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen und schnaubt.

Maike ist inzwischen in der Gegenwart des Mannes ihrer Träume etwas gefasster: Ihre Wangen sind rot und ihr Kopf heiß, aber sie kann sprechen. Ihre Knie fühlen sich schwach an, aber sie steht. Ihr Atmen zittert, aber nicht ihre Hände.

„Also los“, sagt der Professor, kippelt mit seinem Stuhl nach hinten und faltet die Hände über einer extrem altmodischen Weste. Maike ist als erste dran. Sie sagt: „Hi, ich bin Maike Hoffmann, dass sind…“ und alle stellen sich vor. Dann geht es eine Weile um das Leben und Werk von Karl Wolfskehl, was aus zeitpolitischen Gründen auf die übliche Weise deprimierend ist.

Der zukünftige Ehemann ließt vor:

„Der Wind muss doch wehen, der Beter muss doch flehn,
Je und je hat’s so zu sein, so zu gescheh’n. Tage kommen, Tage gehen,…“

Alle sind sehr ernst und sehr ruhig und auch wenn dies ein ziemlich unpassender Moment und ein ziemlich unpassendes Thema ist, so ist es doch der Augenblick, wo sich Maike in den zukünftigen Ehemann verliebt. (Ganz nebenbei, während sie die Gliederung des Referats im Auge behält.) Sie schaut ernst in sein ernstes Gesicht. Er liest.

Noch weiß es Maike nicht, aber seine Stimme huscht unbemerkt durch ihr Ohr in ihr Gehirn, wird dort größtenteils ignoriert, läuft gemütlich ihren Nacken hinab und rutsch zwischen den Schulterblättern hindurch in ihr Herz. Dort hat sie es warm und dunkel und unbeobachtet, dort wird sie sich einnisten wie ein Buntspecht.

Das Referat ist vorbei. Alle klopfen auf die Tische. Der Mann ihrer Träume lächelt Maike an und sie muss sich erst einmal setzen.

* * *

Es ist fast ein Jahr später, der zukünftige Ehemann ist zum zweiten Mal mit seiner späteren Exfreundin zusammen, aber es kündigt sich schon die vorletzte Trennung an. Maike ist bei jedem Treffen überrascht wie viel Melodrama in eine real existierende Beziehung gepackt werden kann, da begegnet sie dem Mann ihrer  Träume auf dem Flur zwischen Raum 150 und 151.

Sie hat gerade beide Arme bis zu den Ellenbogen in ihrem Rucksack vergraben und sieht nach dem zusammengeklebten Stapel Post-Its, auf die sie gestern die Gedanken zu ihrer Bachelorarbeit notiert hatte, während im Hintergrund bbc-Krimis auf Dauerschleife liefen.
Maike hebt den Blick und der Mann ihrer Träume lächelt sie an. Er steht ihr so nahe, dass er, wäre er ein Charakter in einer 60er-Jahre-Fernsehserie, mit einem Weichzeichner gefiltert und mit Glitzereffekten in Haaren und Augen erschienen wäre.

Maike lächelt zurück. Sie kann gar nicht anders, der Teil ihres Gehirn, den sie seit dem letzten Treffen mit dem Mann ihrer Träume schon fast wieder vergessen hat, hat die Kontrolle über ihre Mundwinkel übernommen und scheinbar auch über ihren Kopf (sie wirft die Haare zurück) und ihre Hände (sie streicht sich eine Strähne hinters Ohr) und ihre Augen (sie blickt unter gesenkten Augenlidern zu ihm rauf).

„Guten Tag“, sagt sie. Der Mann ihrer Träume grinst, fährt sich mit der Hand über den Nacken, tippt eine Melodie auf seine Halsschlagader.

„Tach, Frau Hoffmann“, sagt er. Maikes Welt steigt in die Bremsen und in ihrem Kopf wiederholt sich genau einhundertundacht Mal: „Er kennt meinen Namen! Er kennt meinen Namen!“ Maike holt tief Luft und ihr läuft das Wasser im Mund zusammen.

„Möchten Sie zu mir?“, fragt der Mann ihrer Träume. Zum Glück muss Maike erst einmal schlucken und der erzogene Teil ihres Gehirns kann gerade noch rechtzeitig die Kontrolle an sich reißen.

„Eigentlich zu Professor Morokow“, sagt sie. „Wegen Bachelorarbeit.“

„Ach“, sagt der Mann ihrer Träume. „Viel Erfolg damit.“

„Danke“, sagt sie. Er verschwindet mit einem weiteren Lächeln in Raum 151.

Maike denkt den Rest dieses Tages darüber nach, was sie alles fürchterlich cooles hätte sagen sollen, wie er dann rot geworden wäre und sie zu einem Tee eingeladen hätte und wie sie im nächsten Jahr zusammen nach London geflogen wären und gemeinsam in die National Gallery gegangen wären und wie sie sich neben einem dieser riesigen Löwen geküsst hätten.

Sie vergisst den Rest ihres Lebens nicht, dass sein Büro in Raum 151 war.

* * *

Nach einer Party – auf die Maike nicht eingeladen war, aber Maike versuchte grundsätzlich nicht auf Partys eingeladen zu werden – übernachtet der zukünftige Ehemann bei ihr auf dem Sofa. Die Beziehung zu seiner späteren Exfreundin nähert sich ihrem zwangsläufigen Ende in Form eines blonden, 1,87m großen Jurastudenten und der zukünftige Ehemann ist zu deprimiert, um alleine im Studentenheim zu hocken. Er ruft Maike um 1:18 Uhr an, in dem sicheren Wissen, dass diese gerade mit einem Schokoriegel bewaffnet (wieder einmal) versucht „Die Blechtrommel“ zu lesen. Maike hat ihre masochistischen Anflüge nach Mitternacht.

So kommt es, dass die beiden morgens vor entkoffeiniertem Kaffee und Nutellabroten sitzen. Theodor Fontane schlägt neugierig mit dem Schwanz aus und lässt den zukünftigen Ehemann nicht aus den Augen.

Meike entschuldigt sich für den Kater. Sie hätte versucht in zu verscheuchen, aber nichts (weder Musik, noch Katzenfutter, noch Zurückstarren für 45 Minuten) ließ ihn auch nur ein Stück zur Seite rutschen. Und so wird man den leicht herablassenden, verurteilenden Blick eben ertragen müssen.

„Das macht nichts“, murmelt der zukünftige Ehemann in seinen Kaffee, „das bin ich gewohnt.“

Der zukünftige Ehemann hat seine ehrlichsten Anflüge vor neun Uhr.

Maike schweigt und der zukünftige Ehemann schweigt und sie lassen sich von Theodor Fontane eine Weile herablassend verurteilen.

Maikes Herz fühlt sich warm und gemütlich an. Es geht doch nichts über Leute, die morgens die Klappe halten, denkt Maike.

Gegen halb zehn haben sich beide zusammengekratzt und eigentlich wollte der zukünftige Ehemann nach Hause gehen, aber es kommt nicht dazu. Sie diskutieren über ein Seminar, dass sie gemeinsam haben und stapften grummelnd und im Nieselregen zu der Kirche mit dem hellgrünen Kupferdach, um den Streitpunkt „dorische Säulen“ zu klären. Danach haben sie Hunger und gehen Eis und Cupcakes essen und richtigen Kaffee trinken. Sie reden über die ökologische Haltung von Milchkühen, über Krimis in denen Leute erschossen werden, im Vergleich zu denen in denen sie erstochen werden. Es entbrennt ein kurzer Streit über die Brauchbarkeit von Mistgabeln. Sie erzählen sich gegenseitig von Büchern, die sie ihrem schlimmsten Feind nicht zumuten würden.

Sie kriegen wieder Hunger und bestellen Würstchen in einer Studentenbar, bei der man bis 17 Uhr ein veganes englisches Frühstück bestellen kann.

Und irgendwann reden sie vom Mann aus Maikes Träumen.

Maike erzählt wie unglaublich, unglaublich, unglaublich attraktiv sie den Mann ihrer Träume findet und versucht dabei nicht besessen, nur wenig klischeehaft und möglichst emanzipiert rüber zu kommen. Sie scheitert auf allen Ebenen.

Der zukünftige Ehemann ist sehr interessiert. Er wird in vier Monaten einen nachträglichen Anflug von Eifersucht über dieses Gespräch ertragen müssen, aber im Moment ist er fasziniert, weil er erst vor Kurzem ein Referat über „Das Parfüm“ hatte halten müssen und seitdem alles mit seiner Nase betrachtet.

Er sagt: „Das sin’ die Pheromone, ganz klar!“

„Sein Geruch?“, fragt Maike. Sie hatte sich bis zu diesem Augenblick keine Gedanken darüber gemacht wie der Mann ihrer Träume riecht.

„Es ist nachgewiesen“, sagt der zukünftige Ehemann, „dass wir unser’n Partner nach dem Geruch auswählen.“

„Wer hat das nachgewiesen?“, fragt Maike.

„Weiß’ nicht“, sagt er. „Ist aber so. Kannst du googeln.“ Man kann Maike ansehen, was sie von dieser Wahrheitsbekundung hält.

„Jedenfalls…“, sagt der zukünftige Ehemann unbeirrt. Einer seiner größten Vorteile ist, wie Maike in einigen Jahren wird zugeben müssen, dass er sich von ihr nicht beirren lässt. „Jedenfalls kannste riechen, ob jemand passt, genetisch. Ob quasi ein Kind bei rumkommt, das in der Lage ist ebenfalls Kinder hinzukriegen. Un’ so weiter und so fort.“
Er beißt in sein veganes Würstchen. Maike sagt nicht, dass es diesen Teil ihres Gehirns gibt, der, wenn  der Mann ihrer Träume es auch nur andeuten würde, jederzeit bereit wäre ein Kind „hinzukriegen“. Sie sagt nicht, dass es das unangenehmste und das beste Gefühl aller Zeiten ist.

Sie sagt: „So ein Quatsch.“

* * *

Eine Woche später hat Maike verschlafen. Sie rennt so schnell es ihr Rucksack zulässt die Straße entlang, über die Straße, schlängelt sich zwischen Autos und Fahrradfahrern hindurch. Ohne Rucksack wäre es fast halsbrecherisch.

Sie läuft an dem Café mit den winzigen Tischen vorbei und sieht aus dem Augenwinkel ihren zukünftigen Ehemann mit einem Bier in der Hand die Wand anstarren. Sie bremst.

Vorgestern war die große Trennung zwischen dem zukünftigen Ehemann und seiner jetzt tatsächlichen Exfreundin. Es war alles äußerst dramatisch, äußerst laut und äußerst öffentlich (dabei bekam Maike nur die offline-Version mit, auf Facebook müssen noch die ganze Nacht die Fetzen geflogen sein).

Maike hat inzwischen genug Erfahrung mit dem zukünftigen Ehemann, dass sie weiß, dass er Bier hasst. Jede Art von Alkohol deprimiert ihn, was nur bedeuten kann, dass er sich schuldig fühlt (was Maike auf die Hormone schiebt), die Exfreundin vermisst (was Maike ebenfalls auf die Hormone schiebt) und das Bier morgens um halb zehn eine Art emotionale Selbstkasteiung sein soll (eine Tendenz, die Maike später auf seine schiefgelaufene katholische Erziehung schieben wird).

Sie seufzt, lässt sich im Geiste endgültig durch das Schlink-Seminar durchfallen, und betritt das Café.

Sie kauft zwei doppelte Espressi, füllt sie bis zum Rand mit Zucker und setzt sich zu ihrem zukünftigen Ehemann. Sie schweigt und er schweigt. Aber er lässt das Bier halb voll stehen und nippt lieber an seinem mit Kaffee befeuchteten Zucker.

Wäre Maike weiter gelaufen und hätte versucht, rechtzeitig zum Seminar zu kommen, dann wäre sie genau vor Raum 151 mit dem Mann ihrer Träume zusammengestoßen. Sie wäre gestolpert, hätte sich den Fuß verstaucht, er hätte gesagt: „Ach Gott, Frau Hoffmann! Geht es ihnen gut?“ Aber da sie im ersten Moment nur ein bisschen hätte nach Luft schnappen können, hätte er darauf bestanden sie zum Krankenhaus zu fahren. Sie hätten sich ganz wunderbar unterhalten, danach hätte er sie zum Mittagessen eingeladen und sie hätte seinen Arm nehmen müssen, damit sie laufen konnte. Es wäre alles fürchterlich romantisch geworden. Vielleicht wären sie sogar nächstes Jahr nach London gefahren, hätten den Tower besichtigt und sich an der Haltestelle Baker Street geküsst.
Aber dazu kam es nicht.

„Ich werd’ nie wieder so lieben“, sagt der zukünftige Ehemann.

„Dann liebst du halt ein bisschen anders“, sagt Maike. Der zukünftige Ehemann lacht, richtig laut, aber Maike erschrickt nicht mehr. Sie lacht, weil er lacht.

Ein Buntspecht läuft vor dem Fenster die Birke auf und ab.