Zeitgeister

Zeitgeister I: Zeitgeist

Zeitgeister II: Klabautermannsgrab

Zeitgeister III: Taschenspieluhr

Eine Erläuterung

Der Zeitgeist ist eins der aufregendsten Wortgeschöpfe, die ich kenne. Vielleicht wird das deutsche Wort deshalb unverändert in verschiedene andere Sprachen entlehnt? Aufregend ist allein schon der Zeitgeist, den Google kennt: jenes im wahrsten Sinne moderne Konzept einer Bestandsaufnahme, bei der die Eigenheiten einer Epoche als flüchtige, modische Erscheinungen untersucht werden – beispielsweise über die am häufigsten gebrauchten Suchbegriffe[1]. Schon dieses Konzept, das selbst dem Zeitgeist der Moderne entspringt, ist eine eigene Abhandlung wert. Doch dass der „Zeitgeist“ mich so fasziniert, liegt zudem an der Mehrdeutigkeit von „Geist“: Geister sind unsichtbare Wesen, sind Gespinste, sind Erzählungen.

In meinen drei „Zeitgeister“- Gedichten habe ich mich von diesem Begriff inspirieren lassen, von den Zeitgeistern zu schreiben, denn der einstige Zeitgeist scheint sehr unterschiedliche Nachfahren zu haben, seit auf globaler Ebene der Zeitgeist zum Geist der Zeit geworden ist. Von den Klabautermännern (die das Schiff der Menschen ausbesserten, und nur verschwanden, wenn es unterging), den hilfreichen Heinzelmännchen und anderen Kobolden hören wir heute nichts als Geschichten. Wir glauben nicht an ihre Anwesenheit. Erst dadurch sind sie wirklich Spinnerei geworden, Gespinste nämlich, und zugleich wurden ihre Erzählungen ,Geschichte.‛

Übrig bleiben neue und alte Geister, neu nicht-gesehen. Drei davon habe ich versucht, besser kennenzulernen: Die ersten Zeitgeister sitzen uns im Nacken, bestimmen im Verborgenen unseren Alltag, hocken unsichtbar auf jedem Uhrenzeiger und drängeln. Auch für uns im Alltag unsichtbar sind die Zeitgeister der zweiten Art. Es sind die, die wir ausschließen: Kranke, Arme, Arbeitslose, Alte, Kinder, Flüchtlinge, die, die das Tempo nicht mehr schaffen und Angst vor dem Zeitgeist bekommen. Im „Klabautermannsgrab“ bleiben sie zurück. Ganz anders sind da die dritte Art Zeitgeister: die Taschenspieler an der Börse, die virtuos die Milliarden hin- und herschieben, bis die Karten offengelegt werden und sich zeigt, dass alles nur Gespinste waren.

Zur „Taschenspieluhr“ hat mich ein TAZ-Interview angeregt, in dem Heiner Flassbeck gefragt wurde, ob man die US-Wirtschaft durch das Prägen einer Eine-Billion-Dollar Münze noch eine Weile vor ihren Schulden bewahren könnte. Herr Flassbeck zählte derartige Vorschläge zu den „Taschenspielertricks“[2], die die Weltwirtschaft erst in Gefahr brächten, indem sie die Menschen in Unsicherheit versetzten. Da wird nicht nur gespielt, da wird auch erschrocken. Welch ein Spuk!

[1] http://www.google.com/intl/de/zeitgeist/ gesehen am 15.10.2013.
[2] http://www.taz.de/!124909/ vom 04.10.2013.